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Wissen & Umwelt

Was wir von Hannibal Lecter lernen können

Sich zu fürchten und andere zu Schocken gehört an Halloween dazu. Der Angstexperte Mathias Clasen erzählt im DW-Gespräch, warum Angst gut für uns ist und gibt Ratschläge, um Leute zu erschrecken.

Deutsche Welle: Horrorfilme haben einen starken Einfluss auf uns. Sie behaupten, wir können sogar von ihnen profitieren?

Mathias Clasen: Wenn wir uns in einer sicheren Umgebung einer Erfahrung aussetzen, die Gefahr simuliert, macht uns das anpassungsfähig. Diese These wurde bereits durch vergleichende Studien an Säugetieren getestet.

Mit welchen Tieren wurden Tests durchgeführt? Was hat man dabei beobachtet?

Man hat vor allem Jungtiere untersucht. Scheinbar empfinden sie Freude in Situationen, die im echten Leben eine Gefahr darstellen würden. Wenn junge Katzen miteinander raufen, spannen sich ihre Muskeln an und sie entwickeln Ausweichstrategien. Hier gibt es auch Parallelen zum Menschen: Kinder lieben es, Fangen oder Verstecken zu spielen. Die Spiele sind nichts anderes als Simulationen von sehr gefährlichen Situationen. Die Kinder können sich so spielerisch an Gefahren herantasten und eigene Reaktionen auf Bedrohungen kennenlernen.

Und Horrorfilme machen dasselbe mit Erwachsenen?

Billige, aber effektive Horrorfilme bewirken lediglich einen vorübergehenden Effekt, eine kurze Stimulation des zentralen Nervensystems. Das wirkt sich dann in Form von erhöhter Herzfrequenz, geweiteten Pupillen, schweißnassen Handflächen und vielleicht ein wenig Dankbarkeit, dass wir noch am Leben sind, aus. Aber richtig gute Horrorfilme gehen noch darüber hinaus. Dabei geht es um die indirekte Erfahrung, sich mit negativen Gefühlen auseinanderzusetzen - und das in einer wirklich hohen Intensität.

Mathias Clasen (Foto: Aarhus University)

Clasen: Menschen sind von Natur aus Angsthasen

Wenn ich mir also "Freitag der 13." anschaue, bereite ich mich damit auf einen wirklich üblen Campingausflug vor?

Horrorfilme arbeiten mit Klischees: Oft gibt es da die Charaktere, die vor lauter Partys und Sex zu beschäftigt sind, um die Gefahren in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Diese Personen enden in der Regel dann als Opfer von Wahnsinnigen, die häufig eine Eishockey- oder Clownsmaske tragen.

Indem wir uns als Zuschauer diesen nachgestellten Gefahren aussetzen, können wir Bewältigungsstrategien entwickeln: Wir lernen, mit Bedrohungen umzugehen, indem wir den erfundenen Charakteren dabei zuschauen, wie sie das tun.

Angenommen ich will mein Gehirn mit Horrorfilmen trainieren. Welche der folgenden drei Charaktere nehme ich in mein Trainingsprogramm auf: Dracula, Zombies oder die Hexe aus "Blair Witch Project", die man nie zu Gesicht bekommt?

Zombies sind sehr interessant. Im Jahr 2011 hatte ein Scherzkeks am Centre for Disease Control in Atlanta die Idee, im Rahmen einer Informationsveranstaltung über Hurricanes einen Witz über eine Zombie-Apokalypse zu machen. Eigentlich besucht niemand die Hurricane-Seite des Zentrums – normal sind zwischen 3000 und 4000 Aufrufe. Die Zombieüberschrift "Wenn sie bereit für eine Zombie-Apokalypse sind, sind sie für jede Art von Notfall gewappnet" sorgte für millionenfache Klicks und brachte das System des Centre for Disease Control zum Absturz. Plötzlich hörten die Menschen zu!

Schauen Sie sich mal "The Walking Dead" (Eine amerikanische Zombie-Fernsehserie) an. Dabei lernt man, sich für eine sehr viel primitivere und gefährlichere Existenz zu rüsten. Eine solche Existenz könnte ja schließlich das Ergebnis einer Zombie-Apokalypse oder einer Naturkatastrophe sein. Die Serie beschreibt auch unser Sozialverhalten. Gerade das ist ein Thema in vielen solcher Filme, vor allem derer, die eine Apokalypse thematisieren. Wenn Menschen bedrohlichen Situationen ausgesetzt sind, kommt die Gefahr weniger von den Monstern in den erfundenen Geschichten, als von anderen Menschen. Diese Erkenntnis ist wichtig für den eventuellen Notfall. Achte auf andere Menschen und wozu sie fähig sind!

Was ist mit Vampiren und Hexen?

Vampirfilme haben eher mit geschlechterspezifischen Fortpflanzungsstrategien zu tun, zumindest Filme wie die so erfolgreiche Twilight-Saga. Sie sind mehr oder weniger eine moderne, blutverschmierte Version von Jane Austen.

"The Blair Witch Project" konzentriert sich eher auf den Verfall von Sozialverhalten und Vertrauen. Der Film ist emotional aufgeladen und schafft konkrete Bilder von abstrakten Ängsten – Die Angst in einer feindseligen Umgebung gejagt zu werden. Der Film erlaubt uns, der Gefahr in Gedanken eine Form zu geben. Ich denke er bewirkt mehr als nur einen Gefühlsausbruch.

Gilt das alles auch für Videospiele?

In Horror-Videospielen sitzt der Spieler in der ersten Reihe – sie versetzen dich sprichwörtlich in eine angsteinflößende Umgebung und setzen dich gruseligen Reizen aus. Es ist die aktuellste Entwicklung eines Trends, immer tiefer in eine feindliche Welt einzutauchen und davon aufgesaugt zu werden.

Sie sind auch ein Berater für Geisterhäuser, richtig?

Es gibt nur fünf davon in Dänemark. Ich war dafür als Berater tätig und habe Techniken erklärt, wie man Menschen erschreckt.

Wie erschreckt man jemand denn am besten?

Erzähle eine schlüssige Geschichte, das ist das Wichtigste. Geisterhäuser haben viele Räume, das ist sehr typisch. Wenn man die Illusion einer schlüssigen, fiktiven Welt aufrechterhalten will, müssen die Besucher wirklich darin aufgehen. Wenn sie wirklich an der Welt teilhaben sollen, muss sich die Bedrohung durch das ganze Haus durchziehen. Auch ganz wichtig: Licht aus! Wenn Menschen in dunklen Umgebungen sind, reagieren sie um einiges geschockter auf unerwartete Reize.

Zu guter Letzt: Wir fürchten uns wirklich vor Dingen, die im Laufe der Evolution gefährlich für uns waren: Spinnen, Schlangen, Dunkelheit, Höhen, enge Räume und so weiter. Also habe ich den Betreibern der Geisterhäuser gesagt: Nutzt diese Objekte der Angst! Setzt Spinnen und Dunkelheit ein!

Mathias Clasen ist Professor für Englische Literatur an der Aarhus Universität in Dänemark. Sein Spezialgebiet sind die auf Angst basierende Unterhaltungsindustrie und die psychologische Grundlage von derlei Medien.

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