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Politik

Was uns der Erste Weltkrieg noch heute lehrt

Vor 90 Jahren ging der Erste Weltkrieg zuende. Das historische Datum wird in Deutschland nur am Rande wahrgenommen. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs überlagern die kollektive Erinnerung daran. Das ist ein Fehler.

Themenbild Kommentar

Die Staaten der Europäischen Union wachsen immer enger zusammen - doch der Blick zurück auf historische Ereignisse ist bis heute geprägt von einer jeweils nationalen Perspektive. Das wird besonders deutlich beim Gedenken an den 11. November 1918, dem Ende des Ersten Weltkriegs, einem Schlüsseldatum für die Geschichte des gesamten Kontinents.

Es gibt umfassende und hochrangig besetzte Gedenkfeiern in Frankreich, Belgien und Polen. In Deutschland und Österreich dagegen ist der Tag aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Siege feiert man, Niederlagen nicht - diese Erklärung greift zu kurz. Tatsache ist, dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Österreich die an den Ersten nahezu vollständig überlagert hat. Nicht nur wegen des geringeren zeitlichen Abstands, als vielmehr wegen der traumatischen Erfahrung des Krieges im eigenen Land mit all seinen Schrecken auch für die Zivilbevölkerung. Genau diese Erfahrung haben Franzosen und Belgier im Ersten Weltkrieg gemacht - und deswegen ist die Erinnerung daran auch 90 Jahre nach dem Ende des großen Mordens noch so präsent.

Ein fataler Friede

Beides - das Vergessen genauso wie die Reduktion allein auf das Ende des "großen Krieges" - wird der historischen Bedeutung des 11. November 1918 nicht gerecht. Denn der Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg war eben nicht nur das Ende eines bis zu diesem Zeitpunkt beispiellosen Krieges und damit ein positives Datum in der Geschichte Europas. Nein - dieses Ende des Krieges war fatal, weil es bereits den Keim der nachfolgenden Katastrophen in sich trug.

Dass nicht Militärs den Waffenstillstand unterzeichneten, sondern ein Repräsentant der gerade entstehenden ersten Demokratie auf deutschem Boden, diskreditierte diesen von Anfang an. Und der aus dem Waffenstillstand vom November 1918 resultierende Friedensvertrag von Versailles entsprach nicht dem eigentlich notwendigen Ziel, eine dauerhafte Friedensordnung in Europa zu schaffen, sondern folgte der Logik eines Siegfriedens.

Hitler verdankte seinen Aufstieg vor allem der Parole, die "Schmach von Versailles" zu tilgen. Trotz der traumatischen Front-Erlebnisse einer gesamten Generation blieb in Deutschland die Idee populär, die Ergebnisse dieses Krieges in einem neuen Waffengang zu revidieren. Und so ist der Zweite Weltkrieg ohne dieses Ende des Ersten nicht denkbar.

"Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts"

Auch die anderen, in Pariser Vororten geschlossenen Friedensverträge mit den Nachfolgestaaten der zerfallenen Großmächte Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich enthielten Potenzial für neue Konflikte. Willkürlich gezogene Grenzen neuer Staaten, die auf ethnische Bevölkerungsstrukturen keine Rücksicht nahmen, haben weder Südosteuropa noch den Nahen Osten bis heute wirklich dauerhaft befriedet, waren vielmehr Auslöser weiterer Kriege. Historiker bezeichnen den Ersten Weltkrieg deswegen als die "Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts".

Und so ist die historische Lehre aus dem Ende des Ersten Weltkriegs eine doppelte. Erstens: Ein Friedensvertrag muss immer auch die Würde der Unterlegenen achten, sonst schafft er vieles - aber keinen Frieden. Zweitens: Jede Missachtung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker erzeugt immer neue Konflikte. Die 90 Jahre seit dem 11. November 1918 haben beides mehrfach unter Beweis gestellt.

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