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Europa

Was Russland vom Westen will

Nach den Pariser Anschlägen hat sich Russland dem Westen als Partner für eine breite Anti-IS-Koalition angeboten. Der Abschuss eines russischen Jets durch die Türkei stellt dies nun in Frage.

Francois Hollande hat in dieser Woche eine wichtige Vermittlermission. Nach den Pariser Anschlägen, die mindestens 130 Menschen das Leben kosteten, sucht der französische Präsident weiter Verbündete im Kampf gegen Terroristen des "Islamischen Staates" (IS). Mit dem britischen Premierminister David Cameron, mit US-Präsident Barack Obama und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel hat er sich schon getroffen. Am Donnerstag spricht Hollande zunächst noch mit Italiens Regierungschef Matteo Renzi, bevor er nach Moskau fliegt. Doch im Fokus mancher stehen eben Großbritannien, USA, Frankreich und Russland – wäre ein militärisches Bündnis der vier Länder denkbar, wie vor 70 Jahren schon einmmal, jetzt gegen den IS?

Abschuss im Grenzgebiet (Foto:EPA/HABERTURK TV CHANNEL )

Wo wurde der russische Kampfjet abgeschossen - über Syrien oder der Türkei?

Nichts wünschte sich Russlands Elite zuletzt sehnlicher als das gemeinsame Vorgehen gegen Terroristen mit westlichen Verbündeten sowie ein internationales Kriegsgericht nach dem Vorbild von Nürnberg. So äußerte sich beispielsweise die Vorsitzende des russischen Föderationsrates, des Oberhauses des Parlaments, Walentina Matwijenko, als sie vom 70. Jahrestag der Nürnberger Prozesse sprach.

Russland sucht historische Parallele

Man dürfe bei der Bildung einer Anti-IS-Koalition nicht so lange zögern, wie beim Öffnen der Westfront im Zweiten Weltkrieg, sagte am vergangenen Freitag Matwijenkos Kollege Wiktor Oserow, Leiter des Verteidigungsausschusses im Föderationsrat. Als Westfront, oder im russischen Sprachgebrauch "zweite Front", wurde die "Operation Overlord" bezeichnet, als die Alliierten 1944 in der französischen Normandie landeten und somit die Anti-Hitler-Koalition militärisch vorantrieben.

Die historische Parallele zu der Zeit, als die UdSSR gemeinsam mit den westlichen Mächten USA, Frankreich und Großbritannien das Schicksal Europas in die Hand nahm, ist in Moskau durchaus willkommen. "Russland versucht, auf die große internationale politische Bühne zurückzukommen. Und die Anschläge von Paris waren eine zusätzliche Motivation und aus russischer Sicht eine Chance, diesen Schritt zu schaffen", kommentiert der Historiker und Osteuropa-Experte Gerhard Simon.

Nun kommt am Donnerstag, dem 26. November, der französische Präsident Francois Hollande nach Moskau. Eine Allianz unter Einschluss Russlands, das selbst am 31. Oktober 224 Opfer durch einen IS-Anschlag auf eine Passagiermaschine über dem Sinai zu beklagen hatte, wäre ihm eigentlich recht. Und bis vor kurzem standen die Anzeichen dafür nicht schlecht.

Was ändert sich mit dem Jetabschuss?

Nach den Pariser Anschlägen hat Russland auf seine Bomben schreiben lassen: "Für Paris" und Putin persönlich ordnete an, russische Militärs sollten Frankreich als Verbündeten sehen und alle Aktionen, die Syrien angehen, mit Paris koordinieren. Doch der Abschuss des Militärjets vom Typ "Suchoi" Su-24 an der syrisch-türkischen Grenze am Dienstag macht die Bildung einer Allianz zwischen Russland und dem Westen gegen den IS viel komplizierter und unwahrscheinlicher als vorher, sagen Experten. "Der Flugzeugabschuss wird sicherlich die Chancen für eine echte Kriegskoalition nicht verbessern", meint Simon.

Der Außenminister Russlands, Sergej Lawrow, hatte ein für Mittwoch geplantes Treffen mit seinem türkischen Kollegen abgesagt. Doch die Kommentatoren in Moskau blieben zunächst zurückhaltend, was die von Moskau gewünschte Allianz betrifft. Man sprach im Staatsfernsehen weiterhin von Frankreich als einem "Ausnahmeland", das, wie Russland, einen "echten" Kampf gegen den IS führe. "Ich finde, wir sollten gemeinsam Ziele angreifen, die unser Verteidigungsministerium bestimmt hat, gemeinsame Einsätze koordinieren, und gemeinsame Analysen führen, wie damals. Das wäre der Kern der Koalition", sagte etwa der russische Militärexperte Igor Korotschenko. Ähnlich äußerte sich der Kolumnist der Zeitung "Kommersant" Maxim Jusin. Man solle trotz der "Sabotage" der türkischen Seite "den Dialog mit Francois Hollande und anderen westlichen Partnern fortsetzen".

Alte Streitpunkte

Doch es gibt weitere Hindernisse, die der Allianz zwischen Russland und dem Westen im Wege stehen. Was Syrien angeht, sind die Positionen lange schon klar: während Putin den syrischen Präsidenten Assad als Verbündeten sieht, bezeichnet ihn Hollande als einen "Schlächter des eigenen Volkes". "Die Interessen der Möchte-gern-Koalitionäre sind ausgesprochen entgegengesetzt", erklärt im DW-Interview Gerhard Simon: "Russland arbeitet militärisch im Interesse Assads, die westlichen Länder, insbesondere Frankreich und die Vereinigten Staaten, wollen genau das Gegenteil. Und an diesem Gegensatz, so meine Prognose, wird auch eine solche Koalition scheitern". Die Perspektive einer Anti-IS-Koalition unter Einschluss Russlands sieht Simon als "mehr als fraglich" an.

Konferenz von Jalta 1945 (Foto:U.S. federal government, the image is in the public domain)

Historische Parallelen gewünscht: Konferenz von Jalta 1945

Die historische Parallele, die in Russland inszeniert wird, könne man im Grunde gar nicht ziehen, so Simon weiter. Aus seiner Sicht ist es "aber ein prima Propaganda-Instrument, um dem russischen Publikum weiter Illusionen in den Kopf zu setzen. Es ist eine Möglichkeit für das putinsche Russland, sich als Mitglied der großen internationalen Koalition im Kampf gegen den Terror darzustellen. In Wirklichkeit ist es aber gar nicht so".

Auch der Leiter des Carnegie-Zentrums in Moskau Dmitri Trenin bleibt skeptisch. Eine Koalition zwischen Moskau und Frankreich würde in Washington nicht gern gesehen, man solle sich daher nicht so aufregen, twitterte Trenin: "US/NATO werden Frankreich nicht erlauben, allzu weit zu gehen in Richtung einer echten Allianz mit Russland", so Trenin.