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Sport

Was mein Sport über mich verrät ...

Nicht nur das Auto, das ich mir kaufe, sagt etwas über meinen Charakter aus, sondern auch der Sport, den ich treibe. Das behauptet der Wissenschaftler Thomas Frankenbach. DW.DE hat mit ihm gesprochen.

Fast seit einem Vierteljahrhundert ist Thomas Frankenbach Karateka. Kürzlich hat der 39-Jährige bei den Deutschen Meisterschaften in der Karate-Kategorie Hardstyle den dritten Platz belegt. Der Ernährungs- und Medizinwissenschaftler leitet seit 2004 Jahren an einer Reha-Klinik in Bad Salzschlirf nahe Fulda den Bereich "Ernährung und Bewegung". Seit Jahren beschäftigt sich Frankenbach auch mit Psychologie. Gerade erschienen ist sein Buch "Warum Läufer beharrlich sind und Surfer das Leben genießen".

DW.DE: Thomas Frankenbach, warum sagt der Sport, den wir treiben, etwas über unser Seelenleben und unseren Charakter aus?

Thomas Frankenbach: Ich möchte keine Klischees aufstellen, aber wir können sehen, dass jeder Sport sein ganz spezielles Wesen und seine Eigenarten hat. Und aus denen lässt sich manches über den jeweiligen Sportler aussagen. Es kann schon sein, dass der Sport uns häufiger als wir denken unbewusste Sehnsüchte, Potentiale oder auch einfach Wege mitteilt, wie ein Mensch lebt.

Sie selbst sind Karateka, haben an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. Welches Muster sehen sie bei Kampfsportlern?

Zunächst muss man sehen, was einen Kampfsportler von einem Teamsportler unterscheidet. Er hat zwar Partner, mit denen er trainiert, aber er übt sich im Zweikampf. Er ist auf sich allein gestellt. Er versucht zu penetrieren, das heißt den Gegner in irgendeiner Form zu erwischen, mit Fäusten oder Füßen, oder ihn niederzuringen und sich gleichzeitig vor Angriffen zu schützen. Er könnte sich also fragen: Welche Rolle spielt in meinem Leben die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Sicherheit? Was tue ich, um mich sicher zufühlen? Wofür lohnt es sich zu kämpfen, auch außerhalb des Sports?

Der Deutschen liebstes Kind ist der Fußball. Sagt das große Interesse und die Tatsache, dass so viele Menschen in der Freizeit kicken, etwas über den psychischen Zustand unserer Nation aus, über eine hervorstechende Charaktereigenschaft.

Im Fußball geht es wie in anderen Mannschaftssportarten um Zusammenhalt, um Kollektivgefühl. Da muss ich an die beiden letzten Weltmeisterschaften denken, als sich hier in Deutschland ein Kollektivbewusstsein entwickelt hat. Das kann sich jeder Fußballfan fragen: Inwieweit spielt diese Sehnsucht nach Kollektiv bei mir eine Rolle?

Fußballfans beim Public Viewing (Foto: dpa)

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Prinzip Beharrlichkeit

Viele Deutsche treiben Ausdauersport, gehen joggen, schwimmen, wandern, Rad fahren. Wo liegt hier die unterbewusste Komponente?

Dem Ausdauersport liegt als Prinzip – und ich meine das überhaupt nicht negativ – die Monotonie zugrunde. Wandern, Joggen, Nordic Walking oder Radfahren, das sind sehr einfache Bewegungsmuster, die wir laufend wiederholen. Das muss man mögen und die entsprechende Beharrlichkeit mitbringen. Man muss bereit sein, über Stock und Stein zu gehen. Und es geht um Eigenantrieb – was im Gegensatz zu Funsportarten steht wie Surfen, Skaten oder Ski- und Snowboardfahren. Dort nutzen die Menschen in erster Linie die Elemente, also Wind, Wasser, Erde oder die Schwerkraft aus, um nach vorne zu kommen. Beim Ausdauersport können wir dagegen von einem Arbeitsritual sprechen, das der Mensch in Angriff nimmt: sich beharrlich nach vorne zu bewegen, aus eigener Kraft.

Wird damit etwas kompensiert, was die Sportler im Alltag nicht finden?

Es kann gut sein, dass wir im Sport etwas ausleben, das ansonsten zu kurz kommt. Es könnte aber auch sein, dass der Sport, den ein Mensch treibt, eine konsequente Weiterverfolgung seiner Lebensprinzipien ist. Beispiel: Jemand ist im Beruf und in der Familie ein sehr beharrlicher, ausdauernder, gewissenhafter Mensch und hat das – bewusst oder unbewusst – erkannt. Dann zieht er möglicherweise das gleiche Prinzip mit in den Sport und übt sich dort auch noch in Beharrlichkeit.

Jogger vor der Skyline von Frankfurt (Foto: dpa)

Monotonie kann schön sein - wenn man sie mag

Unbeschwerter durchs Leben

Sie wollen den Sportlern den Spiegel vorhalten. Nehmen Sie ihnen damit nicht auch die Unbefangenheit?

Ich glaube nicht. Sport kommt vom lateinischen Wort desportare, sich zerstreuen, sich erfreuen. Aber auch in der Zerstreuung, in der unbeschwerten Freude ist die wohldosierte Reflexion – also zu verstehen, was man da tut – ein Faktor, der für mehr Wohlbefinden sorgt. Je mehr Durchblick ein Mensch über sich hat, desto lebens- und ich-erfahrener wird er und desto unbeschwerter kann er durchs Leben gehen.

Aber sie wollen die Menschen nicht davon abhalten, weiter Sport zu treiben?

Nein. Sport ist etwas Wunderbares, mir hat er sehr viel gegeben. Von den Klienten und Sportlern, die ich zum Teil seit Jahren coache, hat keiner aufgehört. Aber etliche, mich eingeschlossen, sehen das, was sie tun, nun anders und Aspekte an sich, sie vorher nicht gesehen haben. So jemanden würde ich als ganzheitlich fit betrachten. Das halte ich für enorm erstrebenswert, dafür möchte ich die Menschen begeistern.

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