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Deutschland

Was man über Anis Amri weiß

Er kommt aus Tunesien, soll im Juni 2015 nach Deutschland eingereist sein und wird verdächtigt, für den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verantwortlich zu sein. Wer ist der Mann, nach dem ganz Europa sucht?

Heute, am 22. Dezember 2016, drei Tage nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, ist Anis Amris 24. Geburtstag. Ob das stimmt, ist wie so vieles in diesem Fall, sehr ungewiss.

Fest steht bisher nur, dass Anis Amris Duldungspapiere in dem Lkw gefunden wurden, der am Abend des 19. Dezembers in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidtplatz fuhr, zwölf Menschen tötete und weitere 48 Menschen teils schwer verletzte. Seitdem werden immer mehr Details über den dringend Tatverdächtigen bekannt. 100.000 Euro sind dem Bundeskriminalamt Hinweise wert, die zu seiner Ergreifung beitragen.

Tunesien: Bruder will, dass Amri sich stellt

Anis Amris ist tunesischer Staatsbürger, zwei Tage nach dem Anschlag übermittelten die Behörden in Tunesien seine Ersatzpapiere. Zahlreiche Medienvertreter haben bereits mit seinen Familienangehörigen in seiner Heimatstadt Oueslatia im Nordosten des Landes gesprochen. Sein Bruder Abdelkader Amri forderte Anis über die Nachrichtenagentur Associated Press auf, sich der Polizei zu stellen: "Wenn sich herausstellt, dass er etwas mit der Tat zu tun hat, sagen wir uns von ihm los."

Schon in seiner Heimat soll Amri mehrmals wegen Drogendelikten in Haft gewesen sein, berichtet die Agentur Agence France-Presse. "Die Welt" will erfahren haben, dass er wegen Raubs zu fünf Jahren Haft verurteilt worden sei - es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Infografik Stationen Anis Amri

Italien: Amris schuf "Klima des Schreckens"

Vor sieben Jahren dann ist Anis Amri laut Aussagen seines Vaters aus Tunesien ausgereist. Seine nächste bekannte Station ist Italien. Auf Sizilien war er in einem Auffanglager für minderjährige Flüchtlinge untergebracht und ging Berichten der italienischen Tageszeitung La Stampa zufolge in Catania auch zur Schule. Schon dort soll er aufgefallen sein: "Er schuf in der Klasse ein Klima des Schreckens", schreibt La Stampa. Der junge Mann habe Eigentumsdelikte, Drohungen und Körperverletzung begangen. Als man versuchte, ihn zur Raison zu bringen, habe Amri rebelliert. "Seine Geschichte als guter Migrant endete mit dem Versuch, die Schule anzuzünden", schrieb das Blatt unter Berufung auf seine Strafakte.

Video ansehen 04:19

Fragen an Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter

Nach den Vorfällen an der Schule hat ihn die italienische Polizei im Oktober 2011 verschiedenen Medienberichte zufolge festgenommen. Er kam vor Gericht und wurde zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Auch im Gefängnis sei er gewalttätig gewesen, berichtet die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Er habe aber zu keinem Zeitpunkt eine Radikalisierung gezeigt.

Seine Haftstrafe hat er im zentralen Gefängnis Ucciardone in der sizilianischen Hauptstadt Palermo verbüßt. Im Frühjahr 2015 wurde er entlassen und für die Abschiebehaft in die italienische Stadt Caltanissetta verlegt. Er sollte des Landes verwiesen werden. Bei der Ausweisung habe es jedoch Probleme mit den tunesischen Behörden gegeben, schreibt Ansa. Der Mann habe Italien schließlich verlassen und sei nach Deutschland weitergereist.

Deutschland: Acht Identitäten

Der Tunesier kam laut dem Innenministerium Nordrhein-Westfalen schließlich im Juli 2015 nach Deutschland. Seitdem muss er sehr aktiv gewesen sein. Bis zu acht Identitäten soll der Tatverdächtige gehabt haben, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Auf den zahlreichen von Behörden und Medien veröffentlichten Bildern sieht er stets etwas unterschiedlich aus: Mal mit, mal ohne Brille; mal mit kurz geschorenen, mal mit langen lockigen Haaren. Sogar als Ägypter soll er sich laut "Spiegel" ausgegeben haben.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger zufolge sei er "hochmobil" gewesen. Zunächst tauchte Amri in Freiburg in Baden-Württemberg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und Berlin, wo er seit Februar 2016 überwiegend gelebt haben soll.

Schon früh ist Anis Amri ins Visier der deutschen Behörden geraten. Nach Angaben von Ralf Jäger bestand der Verdacht auf "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat". Ein Grund dafür war sein Versuch, automatische Waffen zu kaufen.

Inwiefern Kontakte zu islamistischen Netzwerken in Deutschland zu dem Verdacht beigetragen haben, ist bisher noch unklar. Die Ruhrnachrichten und der "Spiegel" berichten, dass Amri den Hassprediger Boban S. in seiner Wohnung in Dortmund sowie in seiner Moschee besucht habe. Im November wurde Boban S. festgenommen. Zudem berichtet der Recherche-Verbund von NDR, WDR und SZ, dass Anis Amri Kontakt zum Hildesheimer Salafisten-Prediger Abu Walaa, dem Chefideologen der Salafisten-Szene, und seinem islamistischen Netzwerk gehabt haben soll. Auch dieser wurde Anfang November verhaftet.

Sicherheitskreise bestätigten der Deutschen Presse-Agentur, dass Amri in Salafistenkreisen verkehrt habe und auch in entsprechenden Wohnungen gewesen sei. Hinweise auf enge Kontakte zu Abu Walaa gebe es jedoch nicht. Auch nicht dazu, ob Anis Amri ein wichtiges Teil eines salafistischen Netzwerkes sei.

Aktueller Aufenthaltsort: Unbekannt

Doch auch unabhängig von diesen - engen oder weniger engen - Kontakten hat sich der Tunesier offenbar informiert. Die New York Times berichtet, er habe im Internet zum Thema Bombenbau recherchiert und über den Messengerdienst Telegram Kontakt zum sogenannten Islamischen Staat gehabt. Sein Name habe zudem auf der Flugverbots-Liste der USA gestanden. Unklar ist noch, auf welchen Zeitraum sich die Angaben zu der Internetrecherche und der Kommunikation per Telegram beziehen.

Tunesien Reaktionen auf mutmaßlichen Attentäter Anis Amri (picture-alliance/dpa/M. Messara)

Die Familie von Anis Amri ruft ihn auf, sich bei den Behörden zu stellen - rechts im Bild die Mutter.

Laut Generalstaatsanwaltschaft wurde Amri von März bis September 2016 als islamistischer Gefährder observiert. Die Ermittlungen lieferten allerdings nur Hinweise darauf, dass er als Drogendealer im Görlitzer Park tätig gewesen sein könnte, einem bekannten Drogen-Umschlagplatz in Berlin. Das britische Recherchenetzwerk Bellingcat veröffentlichte am Mittwoch ein von dem Tatverdächtigten aufgenommenes Smartphone-Video, das dieser offenbar auf seiner Facebook-Seite veröffentlich hatte. Er steht in der Nähe der Berliner Oberbaumbrücke und schaut summend in die Kamera. Das Video wurde laut Bellingcat am 26. September 2016 aufgenommen, nur circa 700 Meter vom Görlitzer Park entfernt.

Im September wurden die Observationen eingestellt. Seit Anfang Dezember geriet Anis Amri komplett aus dem Radar der Behörden. Und das, obwohl er nach seinem im Sommer abgelehnten Asylantrag eigentlich hätte abgeschoben werden sollen. Da er keine gültigen Ausweispapiere hatte und Tunesien zunächst bestritt, dass er Bürger des Landes sei, konnte diese nicht stattfinden.

Vieles ist über Anis Amri bekannt. Mittlerweile gibt es sogar unbestätigte Berichte, dass seine Fingerabdrücke im Lkw gefunden worden sind. Doch den derzeit wohl wichtigsten Fakt, nämlich wo Anis Amri ist, kann bisher niemand nennen.

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