1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Was macht die schwedische Hauptstadt anders?

Stockholm ist von der EU-Komission zur Ökostadt 2010 gekürt worden, für ein ausgeklügeltes Infrastruktursystem, das die Emission von Treibhausgasen minimieren hilft.

Blick auf Stockholm (Foto: dpa)

Stockholm - Europameister für Umweltstandards

Stockholm ist von der EU-Komission zur Ökostadt 2010 gekürt worden, für ein ausgeklügeltes Infrastruktursystem, das hilft, die Emission von Treibhausgasen zu minimieren. Einer der ökologischen Modellbezirke ist Hammarby Sjöstad. Der Stadtteil wurde für die Olympiabewerbung Stockholms für die Sommerspiele 2004 von Grund auf neu konzipiert - mit dem ausdrücklichen Ziel, die bislang geltenden Ökostandards um 50 Prozent zu übertreffen. Die olympischen Spiele durfte Stockholm dann zwar nicht ausrichten - sie gingen nach Athen - doch nun ist die Stadt der Europameister für Umweltstandards. Und Hammarby Sjöstadt wurde Anlaufstelle für Interessierte aus aller Welt.

Minimum an CO2

Häuser in Hammarby Sjöstad (Foto: Jutta Schwengsbier)

Einst Industriegelände, heute energiebewusste Idylle

Während in den USA oder Australien im Jahr durchschnittlich über 20 Tonnen Kohlendioxid pro Person verbraucht werden, sind es in Stockholm insgesamt nur vier Tonnen, erläutert Stellan Fryxell. Der Architekt hat als einer der ausführenden Planer den Bezirk Hammarby Sjöstad zu einem ökologischen Vorzeigemodell gemacht. Mit nur noch 2,5 bis 3 Tonnen Kohlendioxidausstoß pro Person und Jahr. "Das Geheimnis unseres Erfolgs?“ Stellan Fryxell beantwortet die am häufigsten gestellte Frage mit einem Schmunzeln gleich selbst. "Haben wir Häuser, die selbst Energie produzieren können? Nein. Da sind die Deutschen besser. Schweden ist einfach zu kalt. Wir mussten eine andere Lösung finden. Unser Geheimnis ist die Infrastruktur."

Früher eine ehemalige Industriebrache mit ungewisser Zukunft, ist Hammarby Sjöstad heute ein attraktives Wohngebiet. Mit Blick auf Wasseranlagen und Segelboote, mit Parks und Spielplätzen, vor allem aber mit einem integrierten Infrastrukturkonzept. Ein ganz in Glas gefasstes Informationszentrum sollte ursprünglich nur die Anwohner von Hammarby über das Konzept aufklären. Doch das "Glashuset" wurde zu einem regelrechten Pilgerort für Planer und Neugierige aus aller Welt. Hier können die Besucher über einen Maßstab getreues Bezirksmodell nachverfolgen, wie die Wohnungen mit Fernwärme versorgt, wie Abwasser oder Müll aufbereitet und weiterverwendet werden.

Energie aus Müll

Jonas Törnblom von Envac neben Müllsäulen. (Foto: Jutta Schwengsbier)

Jonas Törnblom zeigt die unauffälligen Müllsäulen.

Die regelmäßige Information der Bewohner ist entscheidend, sagt Jonas Törnblom, Marketingdirektor des Entsorgungskonzerns "Envac" bei einem Rundgang. Nur wenn möglichst viele ihren Müll getrennt sammeln und abgeben, arbeitet die Entsorgungsanlage auch effektiv. "Unser System trennt Bioabfall, Papier und Zeitschriften vom Restmüll", erläutert Jonas Törnblom. In den Meter hohen Säulen vor jedem Haus wird der Müll zwischengespeichert. Unbemerkt von den Anwohnern werden die Säulen dann zwei bis dreimal täglich über ein unterirdisches Röhrensystem entleert.

Innerhalb weniger Sekunden werden die Ventile der Sammelbehälter nacheinander geöffnet und der getrennte Müll über Vakuumröhren in die Sammelstelle transportiert. Nur in der kleinen Containerzentrale ist von dem Vorgang überhaupt etwas zu hören. "Der Papiercontainer wird dann in die Papiermühle geschickt", erläutert Jonas Törnblom. "Der organische Abfall wird für Kompostzwecke benutzt, das geht zur Kompostierungsanlage. Und der Restabfall geht zur Verbrennung. Und mit der Verbrennung produziert man Elektrizität. Und Warmwasser für die Fernwärme hier in Stockholm."

Biogas aus Abwasser

Häuser in Hammarby Sjöstad (Foto: Jutta Schwengsbier)

Umweltfreundlicher Stadtteil mit hohem Freizeitwert

Doch nicht nur der Müll wird bestmöglich wieder verwertet. In der Kläranlage wird aus Abwasser zunächst Biogas für Herdflammen oder Stadtbusse produziert und fließt dann weiter zur Hammarby Distriktheizungsanlage. Der Leiter der Fernwärmeanlage, Bo Berndtsson, prüft regelmäßig die Wasserqualität und Temperatur. "Das gereinigte Abwasser riecht etwas streng und es schwimmt Schaum an der Oberfläche. Es kommt durch einen zwei Kilometer langen Tunnelaus der Kläranlage. Wir pumpen es weiter in unsere Wärmepumpen.“

Über Kompressoren wird das noch warme Abwasser mit Wärmepumpen zunächst weiter erhitzt und anschließend über Rohrleitungen zur Heizung von Wohnungen und Bürogebäuden verwendet. Dabei kühlt das Wasser stark ab. Nach einem kleinen Umweg über Kühlaggregate fließt dann kaltes Wasser erneut in den Wohnkomplex, diesmal als Kühlung für Klimaanlagen. Bevor das gereinigte Abwasser denn endgültig in die Ostsee eingeleitet wird, treibt es noch einmal eine Turbine zur Stromproduktion an.

Diese Fernwärme- und Kühlungsanlagen Stockholms werden zudem überwiegend mit regenerativen Energien betrieben, sagt Jens Bjöörn, Unternehmenssprecher des Energieunternehmens Fortum. Sogar der Restabfall wird noch sinnvoll verwendet. „In unserer Högdahlen Anlage verbrennen wir 500.000 Tonnen Hausabfall aus Stockholm und einiger Nachbargemeinden. Damit betreiben wir unsere Fernwärmeheizung und produzieren Strom.“ Das sei der Hautgrund, meint Jens Bjöörn, warum Stockholm zur grünen Hauptstadt Europas 2010 ernannt wurde. Auch mit Hausabfall werde effektiv und ökologisch Energie produziert.

Klimaschonende Stadtplanung

Die Voraussetzung eines so ausgeklügelten Infrastrukturkonzeptes wie in Stockholm ist eine Stadtplanung, die attraktive Wohngebiete auf engem Raum gestaltet. Nur wenn alle Systeme über kurze Distanzen verbunden werden können, arbeiten sie kosteneffektiv, erläutert Architekt Stellan Fryxell. "Wenn sie das mit Südafrika vergleichen, mit Johannesburg, das ist eine sehr große und schnell wachsende Stadt, die auf einer weit ausgedehnten Fläche entsteht. In Europa leben viel mehr Menschen, aber trotzdem ist die amerikanische Art zu leben, also in Städten mit großer Ausdehnung und weiten Entfernungen, Vorbild für Afrika, China, Korea oder Australien.“

Doch für eine Klimaschonende Lebensweise müssen Alternativen zu weitläufigen Städten und Einfamilienhäusern gefunden werden, die ein sehr vom Auto abhängiges Design haben. "Dicht gebaute Städte und guter öffentlicher Nahverkehr sind die Lösung", sagt Stellan Fryxell. "In Schweden werden auch die Züge mit grüner Energie betrieben. Darum haben wir diese sehr guten Ergebnisse beim Kohlendioxidausstoß. China hat traditionell dicht gebaute Städte. Natürlich könnten sie auch da diese Infrastruktur hineinzwängen."

Autorin: Jutta Schwengsbier
Redaktion: H. Jeppesen / A. Ziemons

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema