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Europa

Was macht die Identität Europas aus?

Einheitswährung und offene Grenzen sollen die Identifikation der Europäer mit der EU stärken. Es gibt allerdings noch einen anderen Weg, glaubt der Essener Politikwissenschaftler Claus Leggewie.

Porträt von Claus Leggewie (Foto: Volker Wiciok)

Leggewie fordert eine europäische Öffentlichkeit

Ob Zukunft der Energieversorgung, Stabilität des Euros oder eine einflussreiche Außenpolitik - Europa kann die großen Herausforderungen der Zukunft nur meistern, wenn die Staaten der Europäischen Union an einem Strang ziehen und mit einer Stimme sprechen. Mit dieser Analyse sind sich die Experten weitgehend einig. Europapolitik wird in Zukunft also weiter an Bedeutung gewinnen und die Europäer werden noch enger zusammenrücken.

Wird es irgendwann auch eine europäische Identität geben? Der Politik- und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie hat darüber ein Buch geschrieben: "Der Kampf um die europäische Erinnerung" (erschienen im Beck-Verlag):

DW-WORLD.DE: Herr Leggewie, wenn Politiker für Europa werben, verweisen sie gerne auf die Errungenschaften der Europäischen Union - auf Verträge, Institutionen, den Euro. Sie dagegen plädieren in Ihrem Buch für einen Blick in die Vergangenheit. Warum soll ausgerechnet aus dem Blick in die europäische Geschichte mit ihren zahlreichen Kriegen eine europäische Identität entstehen?

Claus Leggewie: Weil wir zunehmend bemerken, dass wir als europäisches Volk agieren sollten. Die Nationalstaaten sind in vieler Hinsicht mit der Lösung der Probleme, vor denen wir stehen, überfordert. Die Nationalstaaten sind aber der Container unserer Erinnerungen. Die meisten Heldentaten und vor allen Dingen auch Schandtaten im 20. Jahrhundert werden national erinnert und werden auch oft gegeneinander erinnert. Wenn sich nun ein europäisches Volk bilden soll oder auch will, das nach innen und außen handlungsfähig ist, dann muss dieses Volk sich auch über seine Erinnerungen verständigen, seine Erinnerungskonflikte offen darlegen und zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen. Das scheint unmöglich, aber wenn wir die Erfahrung der deutsch-französischen Aussöhnung nach 1945 nehmen, die in vieler Hinsicht in Richtung Polen und baltische Staaten fortgesetzt worden ist, dann ist sehr wohl denkbar, dass hier etwas entsteht wie eine 'geteilte Erinnerung'. Geteilt heißt nicht, dass wir uns in allen Bewertungen historischer Ereignisse einig sein werden. Es heißt aber, dass wir unsere Differenzen in der Wahrnehmung unserer Geschichte in einer zivilen und die andere Seite anerkennenden Weise besprechen und hier vielleicht auf der dritten Ebene - und die nenne ich Europa - zu einer Haltung kommen, die dann die europäischen Werte nicht statuiert (aus der Aufklärung heraus und aus dem Christentum), sondern sie auch lebt.

Türkisches Café in Berlin-Kreuzberg (Foto: dpa)

Türkisches Café in Berlin-Kreuzberg

Behindert die Sprachenvielfalt Europas das Entstehen einer europäischen Identität?

Sie haben Recht. Auch die Sprachen sind etwas, was uns trennt. Wir haben hier auch nicht gelernt, in Europa wirklich die Potenziale und Ressourcen einer Vielsprachigkeit zu begreifen. Die Anwesenheit von bis zu 3,5 Millionen Türken hat ja nicht dazu geführt, dass besonders viele Deutsche Türkisch können. Wir reden ja nur davon, dass Türken Deutsch sprechen können. Das verhindert auch eine kontroverse Diskussion über zum Beispiel die deutsch-türkischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, die ja nicht immer zum Besten gestanden haben. Ich glaube, dass uns die Sprachen trennen, dass wir aber so viele Zweisprachler in Europa haben und Englisch - früher hätte man Lingua Franca gesagt - so weit verbreitet ist, dass wir dann durchaus eine Plattform finden. Viel wichtiger ist aber, dass wir wirklich europäische Öffentlichkeit konstruieren. Das geht nicht darüber, dass wir alle ARTE gucken oder das Auslandsprogramm der Deutschen Welle hören, sondern dass wir Themen, die alle in Europa betreffen, diskutieren. Europäisch ist nicht der Inhalt, europäisch ist die Form, in der wir uns eine gemeinsame politische Identität gewinnen.

Diese Themen gibt es ja. Die Krise des Euro, Kriegseinsatz in Libyen oder die Frage nach der Zukunft der Atomkraft. Das sind europäische Themen, die aber lediglich national diskutiert werden!

Das passiert in den USA auch. Die Menschen in Kalifornien haben eine andere Auffassung zur Atomenergie als zum Beispiel die Menschen in bestimmten Staaten des Südens oder Nordostens. Es gibt aber eine politische Form - die Amerikanische Republik - die diesen Föderalismus organisieren kann. Es kann ja nicht angehen, dass wir in energiepolitischen Fragen alle die gleichen Interessen haben. Was in dem Fall gefunden werden muss, ist eine Plattform, in der wir ein europäisches Netz der Energieversorgung herstellen. In dem kann ja dann der französische Atomstrom und die norwegische Windenergie genauso eingebracht werden wie die nordafrikanische Solarenergie. Es geht darum, gesamteuropäische Instrumente zu finden. Wir haben ja in unserem Buch weniger über Energiepolitik geschrieben als über die Erinnerung. Es ist nie damit gemeint, dass wir über historische Vorgänge identisch bzw. gleich denken, sondern dass wir eine Erinnerung teilen, in der wir sehr unterschiedlicher Meinung sind, wo wir aber über dieselben Dinge mit denselben Worten reden.

Französische Soldaten im Ersten Weltkrieg (Foto: dpa)

Französische Soldaten im Ersten Weltkrieg

An welche Erinnerungsorte denken Sie besonders - die beiden Weltkriege als ganz große Themen der jüngeren Geschichte?

Die stehen sicherlich im Mittelpunkt in den Erinnerungen der meisten Europäer. In England ist zum Beispiel der Erste Weltkrieg noch von sehr großer Bedeutung - auch in Belgien und Frankreich. Für andere ist es der Zweite Weltkrieg - nehmen Sie Deutschland und die ganzen osteuropäischen Länder. In unserem Buch beschreiben wir den Kampf um die europäische Erinnerung ja insbesondere an peripheren Konflikten. Wir haben uns nach Tallinn begeben oder wir nehmen den Konflikt innerhalb der Türkei um den Genozid der Armenier auf. Ich glaube, dass die Besprechung all dieser Faktoren, die man für eher weniger zentral hält als den Holocaust und die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, für die europäische Identität eine genauso große Rolle spielt.

Wie sehr behindern die Nationalstaaten das Entstehen einer europäischen Identität? Müssen wir die Nationalstaaten überwinden?

Nein, sie könnten sehr hilfreich sein, wenn sie ihre Rolle richtig einschätzen. Alle Vergleiche hinken, aber nehmen wir die deutsch-italienische Einigung, die sich auf der Basis bis dahin sehr autonom agierender Stämme und Provinzen vollzogen hat. In dem Maße, wie es wichtig war, dass zum Beispiel Bayern, Preußen und die Rheinprovinz zum Deutschen Reich zusammenwuchsen, ohne die Identität zu verlieren, kann es genauso geschehen, dass ein baltischer Staat, Dänemark und Spanien zusammenwachsen zu einer europäischen politischen Union, die die unterschiedlichen Herkünfte und Eigenarten der Region nicht vergisst - die können national verwaltet werden - aber sie müssen eine gemeinsame Zielsetzung haben. Wir haben ja die ökonomischen Instrumente wie den Euro längst entwickelt, um grenzüberschreitend zu agieren. Das können wir in den kritischen Agenden wie Wohlfahrtsstaat, Gesundheitssystem, demographischer Wandel und Energie genauso tun, und dafür ist es wichtig, nationale Vielfalt zu respektieren, aber gleichzeitig muss man mit Europa eine dritte Ebene finden, in der lokale Besonderheiten wieder aufgehoben werden können.

Welche Rolle spielt das kulturelle Erbe der Einwanderer für eine europäische Identität?

Eine viel größere als wir denken. Europa ist seit langem ein Einwanderungskontinent. Es gibt Länder wie die Bundesrepublik, wo wir heute in den Schulklassen in der jüngeren Generation einen Migrationsvordergrund haben, und an der Stelle ist es sehr wichtig, dass wir zum einen das Schicksal (negativ wie positiv) von Migrationen, die in den europäischen Kontinent eingeflossen sind, reflektieren, dass wir anerkennen, dass hier eigenständige Erinnerungsorte entstanden sind. Das kann der Döner sein, das kann aber auch ein Konfliktort sein wie Rostock-Lichtenhagen, wo es kurz nach der Deutschen Einheit zu Pogromen gekommen ist.

Der andere Gesichtspunkt ist natürlich, dass wir als Lehrer und Pädagogen zum Beispiel diesen Schulklassen, in denen überwiegend Menschen mit Migrationsvordergrund sitzen, Erinnerungsorte präsentieren, und denen wollen wir auch die berühmte christlich-abendländische Tradition oder auch so schwierige Dinge wie den Holocaust und die Shoah nahe bringen. Das muss man auf eine andere Art und Weise tun als man das in einer Generationskontinuität von den Tätern des Dritten Reiches über die Generation der Baby-Boomer bis zu den heute Geborenen getan hat. Das ist eine ganz andere Aufgabe, dass ein Mensch mit Migrationserfahrung sagt: 'Die deutsche Geschichte, wie sie verarbeitet wird, ist auch meine Geschichte.' Und dass jemand, der in Deutschland lebt, sagt: 'Ja, die Erfahrung des Totalitarismus in den baltischen Staaten ist auch meine Geschichte. Für die bin ich nicht verantwortlich, für die kann ich nicht haftbar gemacht werden – es geht ja gar nicht um Schuld - aber ich trage mit an der Verantwortung, dass das nicht noch einmal geschieht.'

Claus Leggewie ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Professor für Politikwissenschaften an der Uni Gießen.

Das Interview führte Andreas Noll
Redaktion: Fabian Schmidt