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Welt

Was Kopenhagen bringen muss - die Sicht eines Wissenschaftlers

Den meisten Bürgern sowohl in den Industrieländern als auch den Entwicklungsländern ist nicht bekannt, warum der Weltklimagipfel in Kopenhagen über das Schicksal ihrer Kinder und noch mehr das der Enkel entscheidet.

Prof. Hartmut Grassl, Max-Planck-Institut für Meteorologie (Foto: MPIMET)

Prof. Hartmut Graßl, Max-Planck-Institut für Meteorologie

Nur eine global koordinierte, völkerrechtlich verbindliche und mit Sanktionen bei Nichteinhaltung verbundene Klimaschutzpolitik in den kommenden wenigen Jahrzehnten kann wahrscheinlich noch verhindern, dass zum Beispiel das Inlandeis in Grönland in den kommenden Jahrhunderten wesentlich abschmilzt, viele semi-aride Gebiete so weit austrocknen, dass dadurch Millionen von Menschen zur Flucht gezwungen werden und neue Wetterextreme die Wirtschaftskraft auch reicher Länder merkbar schmälern. Wenn wir weiter Kohlekraftwerke bauen sowie immer mehr Benzin- und Dieselfahrzeuge nutzen, verbrennen wir buchstäblich die Zukunft vieler Menschen, denn das dabei entweichende Kohlendioxid bleibt etwa zur Hälfte über Jahrhunderte in der Atmosphäre und häuft sich - wenn wir nicht um mindestens 50 Prozent mindern - weiter an, erwärmt die untere Atmosphäre und die Erdoberfläche sowie langsam auch das Innere des Ozeans über Werte, die der Homo sapiens noch nie erlebt hat. Die volle Erwärmung wird mit Verzögerung erst nach Jahrzehnten und ganz erst nach Jahrhunderten erreicht und der Meeresspiegel steigt auch bei keiner weiteren Erwärmung an der Oberfläche noch über Jahrhunderte weiter. Ein solches Langzeitproblem hat die Menschheit noch nie lösen müssen, weshalb unsere bisherige politische Infrastruktur für diese Herkulesaufgabe noch längst nicht taugt. Wir brauchen eine Weltinnenpolitik von der Art, wie sie in der Europäischen Union für einen kleinen Teil der Völkergemeinschaft schon existiert.

1. Was ist zu tun? Das Verursacherprinzip durchsetzen

Bisher geht jedes Land anders mit den externen Effekten der Energieversorgung um. Fast alle fördern sogar die Klimaerwärmung durch Verbilligung aller oder einzelner der fossilen Brennstoffe für alle oder Teile der Bevölkerung, weil sie die externen Effekte, etwa die Gesundheitskosten der Luftverschmutzung oder die Klimaschäden den nachkommenden Generationen oder der Allgemeinheit aber nicht den Verursachern (Emittenten) aufhalsen. Schätzungsweise 300 Milliarden Euro machen diese direkten oder indirekten Vergünstigungen weltweit jedes Jahr aus. Fast alle Menschen zahlen für die Emission von Schadstoffen, z.B. den krankmachenden Dieselruß, nichts und der zaghafte Europa-weite Emissionshandel für Kohlendioxid ist noch weit von einer echten Internalisierung externer Effekte entfernt. Das Umweltbundesamt rechnete 2007 vor, dass die Kilowattstunde elektrischer Strom aus einem Steinkohlekraftwerk bei Beachtung aller Umweltkosten 7 Eurocent mehr kosten müsste (sogar 8,9 bei Braunkohle), also schon heute Windstrom mit einer Einspeisevergütung von 8,5 Eurocent billiger wäre.

Dennoch sprechen die großen Elektroversorger weiterhin von der Subvention erneuerbarer Energieträger, und die meisten Bürger plappern es nach. Die großen vier Elektroversorger in Deutschland wären für mich persönlich nur dann als Versorger überhaupt wählbar, wenn ihr Portfolio einen höheren erneuerbaren Energieträgeranteil enthielte als der Bundesdurchschnitt. Bei weit unter 2 Prozent liegen sie bei nun 16 Prozent erneuerbarem Stromanteil noch meilenweit darunter.

2. Wann wäre ein Kopenhagen-Protokoll ein Schritt in die richtige Richtung?

Erstens, wenn in ihm eine stärkere Emissionsminderung für alle Industrieländer bis 2020 um durchschnittlich mindestens 25 Prozent, gemessen am Ausstoß von 1990, verpflichtend stünde. Zweitens, wenn die Integration der Schwellenländer gelänge, die etwa die Hälfte aller Menschen umfassen und von denen einige rasch an unsere Emissionspegel pro Kopf heranfahren, mit ersten Minderungsmaßnahmen bei finanzieller Teilkompensation ihrer Minderungs- und Anpassungsmaßnahmen durch den globalen Emissionshandel unter den Industrieländern. Drittens, wenn finanzielle Hilfe der Industrieländer bei Anpassungsmaßnahmen an die Klimaänderungen in den besonders betroffenen Entwicklungsländern gegeben würde. All das war bereits in der Erklärung der 13. Vertragsstaatenkonferenz auf Bali für die 15. in Kopenhagen enthalten. Doch jetzt zaudern wieder einige Länder, zum Beispiel die USA, weil auch der neue Präsident von der Langzeitwirkung falscher Politik bei noch uneinsichtigen Bürgern und Abgeordneten so gebremst wird, dass der durchschnittliche Bürger der USA auf lange Sicht der Spitzenreiter bei den Emissionen bleibt.

Viertens möchte ich eine Festlegung auf das Fernziel Emissionsgerechtigkeit, das heißt die Anerkennung des gleichen Rechts auf Emission für jeden Menschen und damit weit stärkere Emissionsreduktion für die starken Emittenten wie zum Beispiel die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate, als Voraussetzung für einen globalen Emissionshandel, also die Beachtung des Verursacherprinzips. Dann würden Emissionen kosten und der Markt würde für den raschen Umbau des Energieversorgungssystems in ein nachhaltiges sorgen. Wir bräuchten dann nur etwa ein Fünftausendstel des Energieangebots der Sonne, jedes Land hätte den Hauptteil des Energierohstoffs (Sonne, Wind, Wasser) bei sich zu Hause. Die mit der Bereitstellung von Öl und Gas verbundenen Konflikte gehörten der Vergangenheit an. Aber auch, wenn das gelänge, hätte die kommende Generation die Last zu tragen, weil wir den vergleichsweise geringen Aufwand der Emissionsminderung im Vergleich zu den Anpassungskosten nicht auf uns nahmen, teilweise, weil wir es zunächst nicht wussten und dann fast alle zu lange verdrängt haben und jetzt zum Teil immer noch nicht wahrhaben wollen. Kommt in Kopenhagen fast nichts zustande, steigt die Wahrscheinlichkeit rasch, dass im 22. Jahrhundert viele Multimillionenstädte an den nur schwach geschützten Küsten weiter versinken. Schon vorher werden Millionen aus den Wasserstressgebieten in die Industrienationen drängen.

Prof. Dr. Hartmut Graßl , Jahrgang 1940, ist emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Er gehörte von 1992 bis 1994 und von 2001 bis 2004 dem Wissenschaftlichen Beirat über GlobaleUmweltveränderungen der Bundesregierung an. Dazwischen war Graßl Direktor des Weltklimaforschungsprogramms bei der World Meteorological Organization in Genf. Zudem arbeitete er acht lang für den Weltklimarat IPCC.

Redaktion: Henrik Böhme