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Kultur

Was ist schon schön?

Ist Schönheit Ansichtssache? Wunschtraum, Verheißung oder Problem? Wer macht sich schön? Und was überhaupt ist Schönheit? Fragen, die eine Ausstellung im Hygiene Museum in Dresden stellt. Schöne Antworten gibt es auch.

Models auf der Mailänder Modenschau (Foto: AP)

Dunkelrot ist die kostbare, mit floralen Elementen verzierte Prägetapete, sattbraun die Wandkassettierung. Und unter der hohen Decke hängt ein ausladender Kronleuchter im Empirestil. Mit Schönheit verbindet man landläufig gerne das Glamouröse und Extravagante, eine Erwartungshaltung, die die Dresdener Ausstellung in ihrem Entree prächtigst bedient. Aber, sagt Kuratorin Sigrid Walther: "Die gezeigten Objekte scheinen die Raumanmutung zu brechen".

Wer ist überhaupt schön?

Foto: Deutsches Hygiene Museum

Nach Ansicht von Julien Opie existiert wahre menschliche Schönheit nur in der Bewegung.

So hat der in New York lebende Fotograf Martin Schoeller die hell ausgeleuchteten Gesichter von Hollywood-Stars wie George Clooney, Brad Pitt oder Cate Blanchett so schonungslos direkt fotografiert, dass jeder Glamourfaktor verloren gegangen ist. Die jungen Mädchen, die Jürgen Teller an der Eingangstür zu seinem Londoner Atelier abgelichtet hat, streben zwar eine Modelkarriere an, von schöner Auffälligkeit ist indes keine von ihnen. Und Herlinde Koelbls hochartifizielle Detailaufnahmen des faltigen Körpers einer alten Frau wird wirklich niemand mit dem Wort ‚hässlich‘ in Verbindung bringen. Damit, sagt Sigrid Walther, erhebe sich wirklich die Frage, ob Schönheit nur an Jugend und glatte Haut gebunden ist. Oder ob Schönheit nicht auch aus einer inneren Größe komme.

Warum muß man schön sein?

Jede der fünf Abteilungen dieser klugen schönen Ausstellung wirft derartige Fragen auf. Gleichzeitig überrascht die Schau ihre Besucher in den höchst unterschiedlich inszenierten Räumen – Backstage-Architektur, gediegene Kühle, die Sinne schärfendes Dunkel - mit immer neuen Erkenntnissen, Herausforderungen, Klischeebrüchen und Überraschungen. Schönheit, so erfährt man hier, lässt sich nach dem Maß des Goldenen Schnitts berechnen. Im Stirnhirn wird gespeichert, welche Musik, Kunst, Literatur uns schön erscheint. In China gibt es Wettbewerbe für Shönheitsoperierte und die Gewinnerin des Miss Landmine Wettbewerb in Angola erhält nicht nur eine Throphäe in Prothesenform, sondern auch eine echte .

Foto: Deutsches Hygiene Museum

Blick in den Raum "Norm und Differenz"

"Die heutige Bedeutung von Schönheit ist ohne das Mediendauerfeuer, also ohne die Diktatur der Bilder, der Models, der Stars, die Macht der Werbung überhaupt nicht zu verstehen", sagt Klaus Vogel, Direktor des Hygiene Museums. Folglich ermöglicht die Ausstellung "Ws ist schön?" auch weit reichende, überaus aufschlußreiche Einblicke in die Werkstätten des Schönen

Wann ist jemand schön?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es breiteren Gesellschaftsschichten erstmals möglich, sich mit dem eigenen Aussehen zu beschäftigen. Die entstehende Konsumgesellschaft mit ihren Kaufhäusern, mit Kosmetik und Mode von der Stange machte es möglich. Das junge Medium Film prägte Stil-Ikonen wie Marlene Dietrich, Schönheitswettbewerbe erfreuten sich großer Beliebtheit, Lippenstift und Puderdose pochten auf ihren Platz in der Damenhandtasche.

Foto: Deutsches Hygiene Museum

Mariko Mori entwickelt die "Techno-Traumfrau von morgen"

Heute sind wir indes noch einen Schritt weiter. Seit geraumer Zeit nämlich geht es nicht mehr nur darum, den Körper, das Aussehen mit Hilfe von Kosmetika, Kleidung und Accessoires zu verschönern. Heute, sagt Doris Müller-Toovey, die die Ausstallung zusammen mit Sigrid Walther kuratiert hat, betrachten wir den Körper vielmehr als Material, mit dem man alles Mögliche machen kann. Wer schön sein will, lässt seine Haut wachsen und straffen, verlängert Haare und operativ auch mal die Beine, lässt sich Zähne richten und Brüste aufpolstern. Bis zu 800.000 Frauen legen sich allein in Deutschland jährlich unters Messer. Und längst schwärmen auch Männer von Hormon- und Botoxbehandlungen. Schönheit orientiert sich eben an Normen, die der Zeitgeschmack diktiert. Die werden von jenen, die nach Individualität streben, bewusst ignoriert und für die breite Masse mit Hilfe neuester Technik immer weiter stilisiert.

Wie wird man schön?

© SLUB Dresden/ Deutsche Fotothek, Aufnahme: Ramona Bergner

Homo bene figuratus (der wohlgeformte Mensch) Marcus Vitruvius Pollio (1. Jh. v. Chr.),

Wie eine junge, durchschnittlich aussehende Frau zum Modell hergerichtet wird, zeigt ein Kurzfilm in der Ausstellung. Stylisten und Friseure sind da am Werk, ein anderer Mensch entsteht. Und der bekommt, der digitalen Bildbearbeitung sei gedankt, dann noch einen Schwanenhals und perfekt hohe Backenknochen. Nach diesem Film, sagt Doris Müller-Toovey, sähe man Werbeanzeigen und die Models auf Hochglanzzeitschriften doch mit einem etwas anderen Blick!

In der Dresdener Ausstellung sieht man rund 240 Exponate, die die Reflexion über Schönheit illustrieren. Und man sieht sich selbst, immer wieder, beim Gang durch einen alle Räume verbindenden 50 Meter langen Flur, der auf der einen Seite verspiegelt und auf der anderen mit einem rotsamtenen Vorhang verkleidet ist. Bin ich schön? Was ist schön? Erwartung und Entzauberung liegen dicht beieinander. Über allem aber schwebt zum Glück die in der Ausstellung gewonnene Erkenntnis, dass man Schönheit unbedingt entspannt und mit einem Augenzwinkern begegnen sollte!

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Sabine Oelze

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