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Bücher

Was ist deutsche Fachsprache?

Zwischen Verständlichkeit und Fachchinesisch - wie drückt man schwierige Sachverhalte im Deutschen am besten aus? Das fragen die Autoren des Bandes "Fachsprache und Normalsprache".

"Das Deutsche zählt zu den zehn bestuntersuchten Sprachen der Welt" schreibt einer der Autoren des Bandes "Fachsprache und Normalsprache", gibt aber gleich zu bedenken, dass es auch bei der deutschen Sprache noch manche "Unzulänglichkeit" gebe. Warum das so ist? Auch darauf zwei Antworten: Zum einen gebe es in Wahrheit nicht "Das Deutsche" im Sinne eines feststehenden, klar umrissenen, beschreibbaren Systems aus Wörtern und grammatischen Regeln. Und zum anderen hätten die vielen hunderttausend Wörter, die es im Deutschen gibt, nicht selten unterschiedliche Bedeutungen.

Slang oder Rotwelsch?

Wenn es also auch bei einer solch gut untersuchten Sprache nicht so viele "Unzulänglichkeiten" gäbe, dann kämen wohl auch keine Bücher wie das nun vorliegende über das Verhältnis von Fach- und Normalsprache heraus. Die Wissenschaftsjournalistin Julia Voss und der Jurist Michael Stolleis haben verschieden Autoren gebeten sich Gedanken zu machen über Sinn und Zweck von Fachsprache. Die Herausgeber selbst geben dem Leser zunächst einige Definitionen mit auf den Weg, unter anderem diese: "Wir verstehen unter Fachsprachen jene Sonderbildungen, die sich sowohl zur internen Verständigung im 'Fach' als auch zur Abgrenzung von anderen bei der Berufsausübung entwickelt haben."

"Glanz und Elend heutiger und historischer Fachsprache sind Thema des Bandes", so die Herausgeber. Historische Varianten sind etwa der Slang und das sogenannte Rotwelsch, eine Art Sprache der Unterwelt. Der renommierte Übersetzer Joachim Kalka fragt sich, warum im Deutschen - anders als im amerikanischen Englisch und auch im Französischen - der Slang fehlt. Kalka meint, dass das deutsche Bildungsbürgertum eine Verachtung für die deklassierte Bevölkerung in sich trage. Darüberhinaus sei hierzulande eine Fetischierung des Anständigen innerhalb der deutschen Arbeiterschaft vorzufinden gewesen. Solche Gedanken führen ganz schnell ins Politische und Historische. Auch das kann Sprachforschung und -kritik sein.

Keine Wissenschaft ohne Fachsprache

Mindestens ebenso aufschlussreich sind die Anmerkungen gleich mehrerer Autoren zum Umgang mit Fachsprachen - besonders derjenigen, die gerade nicht vom jeweiligen Fach sind. "Hinter dem berechtigten Wunsch nach Verständlichkeit steht nicht selten die mundgrechte Trivialisierung", meint etwa der Mediziner und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner und warnt: "Keine Wissenschaftssprache darf unter das Niveau der Komplexität ihres Erkenntnisstandes gehen." Sprache sei wichtig, weil niemand in der Wissenschaft reüssieren könne, der die Sprache schlecht oder gar nicht beherrsche, heißt es an anderer Stelle. Keine Angst also vor Fachsprachen, empfehlen die Autoren. Der "Unwille zur Abstraktion, gern als 'gesundes Volksempfinden' tituliert, scheint eher in Diktaturen zu Hause", schreibt der Historiker Franz-Josef Arlinghaus in seinem Essay mit Blick auf juristische Fachtermina.

Sprache ist also immer auch ein Ausdruck der gesellschaftlichen Verfassung. Sie ist ein lebendiger Körper, der sich entwickelt, sich immer wieder neu erfindet und manchmal eben auch kompliziert und schwierig sein kann - und muss. Dem sollte man sich stellen.

Lesetipp:
Julia Foss und Michael Stolleis: "Fachsprache und Normalsprache", Wallstein Verlag, 153 Seiten, 10 €