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Europa

Was in Odessa geschah

Im Oktober 1941 ermordeten rumänische Soldaten in Odessa 24.000 Juden. Nun konfrontiert der Filmemacher Florin Iepan mit einem Dokumentarfilm die Öffentlichkeit in Rumänien mit den Ereignissen der Vergangenheit.

Michail Saslawski, 87, einziger Überlebender des Massakers von Odessa am 24.10.1941 (Foto: Florin Iepan)

Michail Saslawski, 87, einziger Überlebender des Massakers von Odessa am 24.10.1941

Der Name der Stadt Odessa, so stellt es sich Florin Iepan vor, sollte eines Tages Erinnerungen wecken. Es wäre gut, sagt der Filmemacher, wenn die Leute in Rumänien dann nicht mehr nur an die Schwarzmeer-Hafenstadt denken würden, sondern an eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte ihres Landes. "Wenn der Name im Gewissen der Öffentlichkeit hängen bleibt, dann wäre meine Mission abgeschlossen“, sagt Iepan.

Michail Saslawski und der Dokumentarfilmer Florin Iepan im Oktober 2011 in Bukarest (Foto: Florin Iepan)

Florin Iepan (links) und Zeitzeuge Michail Saslawski im Oktober 2011 in Bukarest

Odessa war im Zweiten Weltkrieg Schauplatz eines Großverbrechens der rumänischen Armee: Am 22. Oktober 1941 wurden hier fast 5000 Juden durch wahllose Erschießungen massakriert, einen Tag später etwa 19.000 Juden zusammengetrieben, nahe der Stadt in Lagerhallen eingepfercht und bei lebendigem Leibe verbrannt. Diejenigen, die dem Inferno zu entfliehen versuchten, ermordeten Soldaten durch Granat- und Maschinengewehrbeschuss. Das Massaker von Odessa war eine Vergeltungsaktion für einen Bombenanschlag sowjetischer Partisanen auf das Hauptquartier der rumänischen Besatzungstruppen in der Stadt, angeordnet von Rumäniens damaligem profaschistischem Diktator Ion Antonescu persönlich.

Schweigen über den Holocaust

"Odessa" lautet auch der Titel der Dokumentation des Filmemachers Florin Iepan, die sich mit dem Massaker beschäftigt. Sie ist die Aufzeichnung einer politischen Kampagne, die der Regisseur aus dem westrumänischen Temeswar seit drei Jahren führt: Iepan konfrontiert die politische und intellektuelle Elite in Rumänien, aber auch die Öffentlichkeit im Land mit provokativen Auftritten zu den totgeschwiegenen antijüdischen Verbrechen der rumänischen Armee im Zweiten Weltkrieg - und filmt die Reaktionen. Er passt Politiker an öffentlichen Orten ab, stört Intellektuelle zuhause, stellt ihnen auf Veranstaltungen oder Empfängen unbequeme Fragen zum Massaker von Odessa, spricht in Radio- und Fernsehsendungen über das Thema.

Ex-Staatspräsidenten Emil Constantinescu will Michail Saslawski nicht kennenlernen (Foto: Florin Iepan)

Ex-Staatspräsident Emil Constantinescu weigert sich, Saslawski die Hand zu geben

Entstanden ist aus den bisherigen Aufnahmen ein knapp anderthalbstündiger Film, den Iepan demnächst auf Veranstaltungen und Festivals in Rumänien zeigen will – wobei er wiederum Reaktionen und Diskussionen des Publikums aufzeichnen wird, um daraus später weitere Filmversionen zu machen. Eine einstündige, für ein ausländisches Publikum gedachte Variante des Films soll Anfang nächsten Jahres in der Sendereihe "Der besondere Dokumentarfilm“ des MDR (Mitteldeutscher Rundfunk) ausgestrahlt werden, da Iepans Projekt unter anderem aus Mitteln des MDR und der Hessischen Filmförderung finanziert wurde.

Der Film zeigt, wie sich die politische und intellektuelle Elite Rumäniens weigert, über das Massaker von Odessa, über den Holocaust an den Juden in ihrem Land überhaupt zu sprechen. Am schmerzlichsten ist das dort, wo Iepan zusammen mit dem einzigen Überlebenden des Massakers, Michail Saslawski, auftritt. Der Filmemacher hatte den heute 87jährigen im Zuge seiner Recherchen kennengelernt und - mit finanzieller Hilfe der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung - nach Bukarest eingeladen. Saslawski ist der einzige, der am 23. Oktober 1941 aus den Lagerhallen nahe Odessa entkam. Er war damals 16 Jahre alt und verlor in dem Inferno seine Eltern, seine drei Schwestern und seinen Bruder. Nach dem Krieg war er 35 Jahre lang Arbeiter in einem Walzwerk in Odessa, er lebt in bescheidenen Verhältnissen.

Rumänische Verbrechen - "fast ein Tabuthema"

Zu der Pressekonferenz zu dem Massaker von Odessa sind nur drei Journalisten erschienen (Foto: Florin Iepan)

Bei der Pressekonferenz zum Massaker von Odessa blieben die meisten Stühle leer

Anlässlich des 70. Jahrestages des Massakers kam Saslawski im Oktober letzten Jahres zum ersten Mal nach Rumänien – in der Hoffnung, seine Geschichte öffentlich erzählen zu können. Er stieß fast überall auf Desinteresse. Iepans Film dokumentiert das auf geradezu verstörende Weise: Rumäniens ehemaliger Staatspräsident Emil Constantinescu, der für sich reklamiert, als erstes Staatsoberhaupt des Landes eine öffentliche Entschuldigung für die Verbrechen an den rumänischen Juden ausgesprochen zu haben, weigert sich auf einer Veranstaltung, Saslawski die Hand zu geben. Fernsehsender sagen Talkshows mit Saslawski ab. Zu einer breit angekündigten Pressekonferenz mit Saslawski kommen gerade einmal drei Zuhörer.

Die Verbrechen der rumänischen Armee im Zweiten Weltkrieg seien "noch immer fast ein Tabuthema“, erklärt der Historiker und Holocaust-Forscher Lucian Nastasa von der Universität Cluj (Klausenburg) die Ignoranz. Sein Kollege Victor Eskenasy, der in Frankfurt am Main als Publizist lebt, geht noch weiter: "Seit Rumänien in die Nato und die EU aufgenommen wurde, kehren seine Politiker zu ihren alten Traditionen, Attitüden und Überzeugungen zurück. Die Holocaust-Leugnung hat wieder Konjunktur.“

Ehre für einen Kriegsverbrecher

Michail Saslawski im Oktober 2011 in Bukarest in einer Talk Show des rumänischen Fernsehsenders Realitatea TV (Foto: Florin Iepan)

Michail Saslawski in Bukarest in einer Talkshow des rumänischen Fernsehsenders Realitatea TV

Auch Iepan selbst wusste lange Zeit kaum etwas über den Holocaust in Rumänien, hatte ein eher positives Bild des Diktators Antonescu, wie er selbstkritisch zugibt. Die Idee zum Projekt Odessa kam ihm auf ebenso zufällige wie ungewöhnliche Weise: 2006 strahlte das öffentlich-rechtliche Fernsehen TVR die History-Show "Große Rumänen“ aus. Die Zuschauer konnten dabei über die zehn bedeutendsten rumänischen Persönlichkeiten der Geschichte abstimmen. Auch der Diktator Ion Antonescu kam auf die Liste der Nominierten – ohne redaktionelle Bedenken. Iepan erhielt den Auftrag, für die Show einen kurzen Porträtfilm über Antonescu zu drehen.

Bei den Recherchen für die TVR-Show las Iepan zum ersten Mal Details über die Verbrechen, die Antonescu zu verantworten hatte, auch über das Massaker von Odessa. Er erfuhr, dass Rumänien unter Antonescu das einzige Land außer Nazi-Deutschland war, das eine eigenständige Vernichtung der Juden betrieb. Ihr fielen mehr als 300.000 Juden zum Opfer, Antonescu wurde dafür 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet.

Iepans Film für die Show geriet zu einem negativen Porträt Antonescus – dennoch kam der Diktator auf Platz sechs der Zuschauergunst. Der Filmemacher war entsetzt – und ihn ließ das Thema nicht mehr los. Er wollte zunächst einen herkömmlichen Dokumentarfilm über das Massaker von Odessa drehen, doch während der Arbeit daran verwarf er den Plan. "Mir wurde klar, dass das Interesse an solchen Dokumentarfilmen in der heutigen rumänischen Gesellschaft sehr gering ist, ich wäre irgendwo auf einem Sendeplatz mitten in der Nacht gelandet, es hätte kaum Resonanz gegeben. Deshalb beschloss ich, selbst vor der Kamera zu stehen.“

Das ewige Warten auf die Entschuldigung

Der Dokumentarfilmer Florin Iepan bei Sichtung von Material für seinen Film „Odessa“ (Foto: Keno Verseck)

Der Dokumentarfilmer Florin Iepan bei der Sichtung von Material für seinen Film "Odessa"

Drei Jahre nach Projektbeginn zieht Iepan eine eher traurige Bilanz. In einigen Medien ist zwar über das Thema Odessa und Iepans Film wiederholt berichtet worden, insgesamt jedoch stößt Iepan weiter auf Desinteresse oder sogar Feindseligkeit. Aber er gibt sich unbeirrbar. "Ich möchte die Geschichte Michail Saslawskis solange erzählen, bis ein rumänischer Staatschef nach Odessa fährt, ihm die Hand drückt und ihn in Namen unseres Volkes um Entschuldigung bittet.“

Der 87jährige glaubt nicht, dass er das noch erleben wird. "Man versucht in Rumänien, Fragen zum Holocaust zu verbergen“, beschreibt Michail Saslawski seinen Eindruck von seinem Besuch in Bukarest vor einem Jahr. "Als ich dort war, haben sie gesagt, ein rumänischer Präsident hätte sich schon einmal für die Verbrechen am jüdischen Volk entschuldigt. Es klang irgendwie so beiläufig. Es hat mir sehr weh getan.“

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