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Das Kurzinterview

Was hilft bei Reizdarm?

Das Reizdarmsyndrom gehört zu den häufigsten und zugleich zu den am wenigsten bekannten Erkrankungen der westlichen Welt. Über anhaltende Darmbeschwerden unbekannter Ursache sprachen wir mit Dr. Thomas Frieling.

DW: Wann sprechen Mediziner von einem Reizdarm?

Dr. Frieling: Das Reizdarmsyndrom gehört zu den sogenannten funktionellen Erkrankungen, das heißt das sind Beschwerden, für die wir mit den normalen Untersuchungsmethoden keine Ursachen finden. Das Reizdarmsyndrom wird mit Stuhlgangveränderungen in Verbindung gebracht. Die Patienten leiden unter Völlegefühl, Blähungen, Bauchkrämpfen, die immer dann auftreten, wenn der Stuhl auch verändert ist in seiner Frequenz oder seiner Stuhlkonsistenz.

Wie kommt es eigentlich zu einem Reizdarm?

Das Reizdarmsyndrom ist ein sehr komplexes Krankheitsbild und im Gegensatz zu früheren Vorstellungen, dass das alles einheitliche Patienten sind mit einheitlichen Krankheitsursachen seien, weiß man heute, dass es viele unterschiedliche Ursachen gibt, die zu diesen Beschwerden führen können. Einige dieser Ursachen liegen im Bauch selber, im Nervensystem, im sogenannten Bauchhirn, im Immunsystem, in der Durchlässigkeit der Darmschleimhaut oder in der Darmflora. Und wieder andere Patienten haben Ursachen in der Kommunikation zwischen Kopfhirn und Bauchhirn. Also ein sehr vielfältiges Krankheitsbild. Und die Kunst des Arztes, der sich mit diesen Reizdarmpatienten beschäftigt, ist, für diesen Patienten auch diese individuellen Ursachen zu finden, sodass er dann möglichst spezifisch behandeln kann. Der wichtigste Punkt ist aber, dass diese Patienten ernst genommen werden. Obwohl man mit den konventionellen Methoden keine Ursache findet, sind Reizdarmpatienten organisch kranke Patienten. Das ist ganz wichtig zu vermitteln.

Sie sprechen Kopf und Bauch an, wie wahrscheinlich ist es, dass ein Reizdarm auch psychische Ursachen hat?

Viele der Reizdarmpatienten sind psychisch überlagert, das heißt sie empfinden eine vermehrte Ängstlichkeit oder eine Somatisierung, was bedeutet, dass sie Stresssituationen zum Beispiel auf den Körper projizieren. Die Ursache hierfür liegt darin, dass diese Stressfaktoren zu veränderten Reizverarbeitungsprozessen im Kopfhirn führen. Und da das Kopfhirn mit dem Bauchhirn in enger Verbindung steht, ist es durchaus vorstellbar, dass solche Stressfaktoren direkte Einflüsse auf die Darmfunktion haben können und Beschwerden verursachen.

Welche Therapien gibt es gegen das Reizdarmsyndrom?

Obwohl wir sehr viele Ursachen für Reizdarmbeschwerden kennen, ist es in der Praxis sehr schwierig, diese Untertypen zu diagnostizieren. Wir würden uns wünschen, irgendeinen Faktor bestimmen zu können, im Blut oder im Stuhl, sodass wir diese Untergruppen charakterisieren können und sie spezifisch behandeln können. Das ist im Moment noch nicht der Fall. Wahrscheinlich wird die Entwicklung in den nächsten Jahren dahin gehen. Wir müssen zurzeit die Patienten symptombezogen behandeln, und hierbei basiert die Therapie auf drei Säulen. Die Ernährungstherapie, die psychosomatische Betreuung dieser Patienten und natürlich die medikamentöse Therapie. Wir müssen bei diesen Patienten teilweise Schritt für Schritt diese einzelnen Therapien ausprobieren. Hierbei ist es sehr wichtig, dass man mit den Patienten die Therapieziele definiert. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendeine Pille gefunden wird in Zukunft, die den Reizdarmpatienten heilen wird. Man sollte eher vermitteln, dass man versucht, die Beschwerden zu lindern und damit die Lebensqualität zu verbessern.

Wie wichtig ist die Diät in diesem Zusammenhang?

Die Ernährung spielt eine große Rolle. Forschungsergebnisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass es bei Reizdarmpatienten spezifische Ernährungsstrategien gibt, die erfolgreich sein können. Da ist einmal die Glutenempfindlichkeit oder auch Weizenempfindlichkeit. Das sind Patienten bei denen eine Glutenallergie ausgeschlossen wurde, also die klassische Sprue, die aber trotzdem davon profitieren würden, wenn sie sich weizenfrei oder glutenfrei ernähren würden. Es gibt Patienten, die sehr gut auf diese gluten-/weizenarme oder -freie Kost ansprechen.

Gluten- und Histaminintoleranz sind also nicht nur ein Modethema. Die Nahrungsmittelindustrie ist darauf auch schon eingestiegen, ist da also wirklich etwas dran?

Absolut, wobei wenn man das Thema seriös bearbeitet, muss man natürlich auch wissen, dass es wenige Möglichkeiten gibt, Therapien wissenschaftlich zu kontrollieren. Aber es ist so, dass diese Wirkung nicht nur allein auf einem Placeboeffekt beruht, und es gibt auch objektivierbare Hinweise, dass diese Diäten sehr gut anschlagen.

Was kann man noch mit einer speziellen Ernährung erreichen?

Eine Ernährungstherapie muss sehr individuell angegangen werden. Man sollte ein Ernährungstagebuch führen, schauen wie sich die Ernährung zusammensetzt, vom Ballaststoffgehalt, von der Flüssigkeit, den einzelnen Nahrungsbestandteilen, und dann muss man ganz gezielt versuchen gewisse Nahrungsfaktoren zu verändern, um einen günstigen Effekt auf die Patienten zu erzielen.

Kann man Nahrungsmittelunverträglichkeiten heute nachweisen? Das wäre ja eine Sicherheit für den Patienten.

Es gibt bestimmte Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die wir objektivieren können, dazu gehören zum Beispiel die Milchzucker-, die Fruchtzucker-, oder Sorbidunverträglichkeit. Es gibt Atemtests, wodurch man Unverträglichkeiten nachweisen kann. Es gibt Mastzellstörungen und Histaminintoleranzen, die ebenfalls objektivierbar sind. Das Problem ist, dass die meisten Nahrungsunverträglichkeiten nicht messbar sind, also so ein bisschen auf der Einschätzung des Patienten beruhen. Und da hat es eine sehr schöne Studie gegeben, die bei Patienten mit funktionellen Beschwerden durchgeführt wurde, die glaubten, eine Nahrungsunverträglichkeit oder Allergie zu haben. Von dreißig Prozent mit den gleichen Beschwerden konnten nur bei drei bis vier Prozent überhaupt eine Unverträglichkeit oder Allergie objektiviert werden. Das liegt aber sicherlich auch daran, dass die Untersuchungstechniken noch nicht so ausgereift sind, um das im Einzelfall nachweisen zu können.

Professor Dr. med. Thomas Frieling ist Direktor der Med. Klinik II, Innere Medizin mit Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie, Neurogastroenterologie, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am HELIOS Klinikum Krefeld.
www.stiftung-neurogastroenterologie.de.

Interview: Marita Brinkmann

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