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Wirtschaft

Was hat uns die DDR gekostet?

Am 1. Juli 1990 wurde die Wirtschafts- und Währungsunion gegründet. Dabei wird vielerorts vergessen, dass die Einigungskosten zum Teil nichts anderes waren als verspätete Kriegsfolgekosten.

Eingangsschild der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn, 1970er Jahre Kupfer (Foto: Haus der Geschichte)

Vor 20 Jahren wurde der Staatsvertrag unterschrieben. Die DDR hatte sich bereits aufgegeben und übernahm das Wirtschafts- und Sozialstaatsmodell der Bundesrepublik; die D-Mark löste die Ost-Mark ab. Viele in Ost und West warnten vor einer überstürzten Währungsunion. Auch Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler aus Bremen und Mitglied in der Arbeitgemeinschaft Alternative Wirtschaftspolitik, plädierte damals dafür, dass die Währungsunion am Ende des wirtschaftlichen Annäherungsprozesses stehen müsste und zitiert Hilmar Kopper, den damaligen Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, der in diesem Zusammenhang von der sogenannten Krönungstheorie sprach: "Rückblickend war der schnelle Schlag oder wenn man so will der monetäre Urknall mit der Währungsunion zum 1. Juli 1990 politisch aber unvermeidbar."

Als die D-Mark kam

Mit Wein und Bier feiern Ostdeutsche die ersten hundert D-Mark-Scheine (Foto: AP)

1990 feierten die Ostdeutschen ihre ersten Hundert-D-Mark-Scheine

"Kommt die DM nicht zu uns, gehen wir zu ihr", skandierten die Ostdeutschen und wollten nicht ein weiteres Mal den Kürzeren ziehen. Bereits nach dem Krieg hatten sie weit mehr Lasten zu tragen gehabt als die Westdeutschen. In den Jahren, in denen im Westen der Marshall-Plan das Wirtschaftswunder einläutete, musste der Osten für die riesigen Schäden gerade stehen, die die Wehrmacht in der UdSSR angerichtet hatte. Bis 1953 zog die Sowjetunion Reparationen im Wert von knapp 70 Milliarden DM aus der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR ab – komplette Fabriken, Eisenbahngleise, Lokomotiven, Güterwaggons, Getreide und Industriegüter aus der laufenden Produktion. Der Westen kam glimpflich davon.

Demontage und Reparationslieferungen stellten die Westmächte teilweise bereits 1946 und endgültig im November 1949 ein. Ihren Wert schätzte die Interalliierte Reparationsagentur auf zwei Milliarden DM - ein Bruchteil dessen, was der Osten zu zahlen hatte. Die hypothetische Frage, wie die DDR dagestanden wäre, hätte sie nach dem Krieg ähnliche Voraussetzungen gehabt wie der Westen Deutschlands, ist für Hickel eine durchaus berechtigte Frage, die er zugleich selbst beantwortet: "Ich bin mir ganz sicher, dass es die DDR nicht geschafft hätte."

Reparationsausgleichsplan

Das Gelände der ehemaligen Kruppwerke, der Waffenproduktionsstätte des Naziregimes, nach der Demontage der Maschinen und der Sprengung der Werkshallen (Foto: dpa)

Demontage der Waffenrpdouktionsstätte Krupp

Andere, wie der verstorbene Bremer Historiker Arno Peters, der zeitlebens keinen Hehl aus seiner Sympathie für die DDR machte, betrachteten die ungleiche Verteilung der Reparationslast dagegen als schwere Hypothek. Bereits 1964 war Peters mit einem Reparationsausgleichsplan an die Öffentlichkeit getreten. Er sprach von 72 Milliarden DM, die der Westen dem Osten schuldete. 1989 aktualisierte er seinen Plan. Entsprechend der erhöhten Lebenshaltungskosten und einer Verzinsung, die die Bundesrepublik bei dem 1983 von Franz-Josef Strauß eingefädelten 5-Milliarden-Mark-Kredit der DDR in Rechnung stellte, hatten sich die Verbindlichkeiten mittlerweile auf das Zehnfache der ursprünglichen Summe, auf 727 Milliarden, erhöht.

Arno Peters stieß mit dieser immensen Summe auf das blanke Unverständnis der Bundesregierung. Rudolf Hickel fand die Idee damals richtig, auch mit Blick auf die schwierigen Verhandlungen zwischen Kohl und Modrow über Finanzhilfen. Kohl versprach damals, die Deutsche Einheit aus der Portokasse zu bezahlen; Hickel erinnert sich, dass nach der Wende von 100 Milliarden DM in vier Jahren die Rede war. "Bis heute sind an Sozialzahlungen und Investitionsunterstützung 1,5 Billionen Euro in den Osten geflossen." Ein Vielfaches dessen, was Arno Peters selbst in der aktualisierten Fassung seines Reparationsausgleichs-Plans forderte.

1,5 Billionen Euro Transferleistung

Dresden und das Elbtal (Foto: dpa)

Blühende Landschaften in und um Dresden - aber andere Regionen stehen schlechter da

Und trotz dieser riesigen Summe, resümiert der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, ist der Anpassungsprozess ins Stocken geraten. Im Hinterland von Brandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern oder selbst in Sachsen, in St. Annaberg, macht er Regionen aus, die abgehängt sind, die "sehr, sehr schlecht dastehen." Andere, insbesondere das Dreieck Halle, Leipzig, Dresden, hätten von der Einheit enorm profitiert.

Autor: Godehard Weyerer

Redaktion: Monika Lohmüller

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