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Kultur

Was hat Shakespeare mit Afghanistan zu tun?

Eine ganze Menge: Auch rund 400 Jahre später haben Freud und Leid in Shakespeares Stücken nichts von ihrer Aktualität verloren. Das beweist ein Ensemble aus Kabul, das trotz Lebensgefahr weiter schauspielert.

"Wie geht es jetzt weiter: Proben wir oder machen wir Pause", fragt Roger Granville. Er ist 23 Jahre alt, kommt aus London, lächelt immer, bleibt stets ruhig. Dabei weiß er eigentlich nicht, wo ihm der Kopf steht: Zwei Mitglieder der Theatergruppe sind nicht mit nach Deutschland gekommen: ein Darsteller wegen familiärer Gründe, eine Schauspielerin hat kein Visum bekommen. Nur noch ein Tag, dann ist Premiere auf dem Shakespeare-Festival in Neuss. Wer übernimmt die Rollen? Gibt es jetzt eine Pressekonferenz? Oder einen Fototermin?

Corinne Jaber, die deutsch-syrische Regisseurin (Foto: Rah-e-Sabs)

Corinne Jaber, die deutsch-syrische Regisseurin

Also doch zuerst das Foto. Roger Granville arbeitet seit August 2011 mit der Truppe Rah-e-Sabs als Produzent. Er sei in die Sache hineingeschlittert, sagt er und lacht. Corinne sei schuld. Gemeint ist Corinne Jaber, die deutsch-syrische Regisseurin. Doch Roger bereut nichts. Corinne Jaber wiederum ist selbst Schauspielerin und wollte 2005 in Afghanistan Kollegen treffen. Doch seitdem lässt es sie nicht los: Afghanistan und Skakespeare. Wie geht das zusammen? "Was viele Leute vergessen: Die meisten Stücke Shakespeares spielen gar nicht in England. Die Komödie der Irrungen spielt ursprünglich in Griechenland, andere Stücke spielen in Italien", erzählt Corinne Jaber.

Was uns Shakespeare heute zu sagen hat

Eine Szene aus einer Aufführung von Shakespeares Verlorene Liebesmüh in Afghanistan, Shakespeare Afghanistan (Foto: Rah-e-Sabs)

Szene aus Shakespeares "Verlorene Liebesmüh" in Afghanistan

Tatsächlich sei Shakespeare universell und zeitlos, passe in jede Kultur, sagt die Regisseurin. Und der Inhalt - ein Vater sucht seine Familie, die er verloren glaubt - passt in die traurige Realität Afghanistans. Doch davon merkt man der Schauspielertruppe an diesem Tag nichts an. Die Afghanen machen Witze, lachen, tragen Deutschland-Trikots, weil ja gerade die Europameisterschaft läuft und drücken die Daumen.

Verlorene Liebesmüh bei Nacht (Foto: Rah-e-Sabs)

"Verlorene Liebesmüh" bei Nacht

Eigentlich sollen jetzt die Pressefotografen die Möglichkeit haben, ihre Fotos zu machen. Still stehen, cheese, click und fertig - unmöglich. Das afghanische Temperament bricht sich Bahn: Aus dem Fototermin wird ein spontanes Konzert. Dabei haben die Schauspieler im wahren Leben nicht soviel zu lachen, sollte man meinen. Shakespeare in ihrem Land zu spielen, erfordert viel Mut. Der Raum, in dem sie probten, wurde 2011 bei einem Anschlag verwüstet. Aus Sorge vor weiteren Zwischenfällen fanden die Proben für das aktuelle Stück in Indien statt.

Eine gefährliche Leidenschaft

Eine Szene aus einer Aufführung von Shakespeares Comedy of Errors in Neuss (Foto: Proclassics)

Szene aus Shakespeares "Comedy of Errors" in Neuss

Die meisten Darsteller leben in Kabul. Nicht so Parwin Mushtahel. Ihr Mann wurde ermordet, sie selbst bekam Drohbriefe, floh nach Kanada. Ihre Lebensfreude hat sie nicht verloren. "Schauspielerei ist eine Leidenschaft. Wenn ich spiele, fühle ich mich unbesiegbar. Wegen dieser Liebe habe ich meinen Ehemann verloren. Er wurde umgebracht, weil ich im Fernsehen, Kino und Theater tätig bin." Sie sei einmal zu besten Schauspielerin des Jahres gewählt worden und liebe Theater über alles.

"Aber es gibt manche, die alles kaputt machen. Sie sind Feinde unserer Kultur. Die afghanische Bevölkerung, vor allem Mädchen und Jungen,lieben Theater. Wir sind auf dem Weg des Sieges. Ich bin stolz darauf, dass ich an diesem Stück teilhabe und hier spiele." Das alles sagt Parwin Mushtahel nicht trotzig, sondern sehr gefasst.

Ein anderes Afghanistan

Wiedergefunden, Szene aus einer Aufführung von Shakespeares Comedy of Errors in Neuss (Foto: Proclassics)

Wiedergefunden, Szene aus "Comedy of Errors" in Neuss

Auf diese Weise wird Rah-e-Sabs zu einem Botschafter eines anderen Afghanistan. Das ist Abdulhaq Haqjoo, dem männlichen Hauptdarsteller, ganz wichtig. "Ich arbeite in Afghanistan, habe eine Familie und bin glücklich. Wir führen in Afghanistan Stücke auf, führen Regie und spielen selbst. Wir reisen in verschiedene Städte Afghanistans und zeigen Stücke für Erwachsene und Kinder. Wir bringen sie zum Lachen. Aber leider denken die Menschen hier, dass das Land nichts außer Krieg ist."

Rah-e-Sabs ist ein kleines Theaterwunder: Obwohl die Truppe in ihrer Heimatsprache Dari spielt - mit englischen Untertiteln - sind 450 Menschen komplett in Bann geschlagen. Ob er eine Idee hätte, warum das Publikum in Neuss und ein paar Tage vorher in London das Stück so begeistert aufgenommen habe. Darsteller Shah Mamnoon Maqsudi bleibt ganz bescheiden:

Frenetischer Applaus (Foto: Proclassics)

Frenetischer Applaus

"Ich bin sicher, dass die Zuschauer Shakespeare kennen, das konnte man an ihren Gesichtern sehen - dass sie seine Dramen kennen. Unsere Gesten, die Komik des Stückes und natürlich die Untertitel haben geholfen. Ich bin den Menschen dankbar, die sich die Mühe gemacht haben und sich ein Drama auf Dari angeschaut haben."

Die Menschen, die an diesem Abend verzaubert sind, gehen mit einem anderen Bild von Afghanistan nach Hause. Sie wissen jetzt: Es gibt Rah-e-Sabs, den Pfad der Hoffnung. Übrigens: Roger Granville, der Produzent, den nichts aus der Ruhe bringen kann, der macht jetzt erst einmal Urlaub. Aber danach geht es sicher weiter.