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Deutschland

Was geschah mit Ermyas M.?

Ein Schweizer behauptet, den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. im April 2006 zusammengeschlagen zu haben. Die Staatsanwaltschaft ist skeptisch.

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Opfer von Rechtsradikalen? Immer noch ist vieles unklar im Fall Ermyas M.

Arbeitslos, rechtsradikal und dann auch noch geständig: eigentlich wäre Marco Sch. die willkommene Lösung im Fall Ermyas M. Der 27jährige Schweizer hat sich selbst beschuldigt, den Deutsch-Äthiopier im April 2006 überfallen zu haben. Gegenüber der Berliner Morgenpost hat er behauptet, er habe Ermyas M. nach einer Feier auf der Straße getroffen, sei mit ihm aneinander geraten und habe zugeschlagen. Aber weder der Anwalt des Schweizers, noch die Potsdamer Staatsanwaltschaft halten ihn für glaubwürdig.

Ermyas M. hat das Krankenhaus inzwischen verlassen und ist in einer Reha-Klinik untergebracht. Tagelang schwebte er nach dem Vorfall vom 16. April in Lebensgefahr und lag mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen im Koma. Immer noch erinnere sich sein Mandant aber nicht an das, was im April geschehen sei, sagte Thomas Zippel, der Anwalt von Ermyas M. noch Ende Juli.

"Ausländerhasser"

Logo - WM 2006

Fremdenfeindlichkeit passt nicht zum WM-Motto 'Die Welt zu Gast bei Freunden'

In der Nacht zum Ostermontag wurde Ermyas M. an einer Bushaltestelle in Potsdam von zwei Männern als "Nigger" beschimpft und brutal verprügelt. In der ersten Aufregung schaltete sich daraufhin der damalige Generalbundesanwalt Kay Nehm ein. Er zog die Ermittlungen an sich und vermutete einen rechtsextremen und fremdenfeindlichen Hintergrund. Zwei Tage später wurden Björn L. und Thomas M. festgenommen wegen des dringenden Tatverdachtes des versuchten Mordes.

Die Aufregung war groß. Die Boulevardblätter schimpften auf die "Ausländerhasser", die in Verhören "nach ihren Mamas rufen", Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm zweifelte an einer fremdenfeindlichen Tat und sprach von einer "Stigmatisierung" seines Landes. Wenige Wochen vor der WM 2006 passte solch einen Skandal gar nicht ins Bild des Gastgebers Deutschland.

"No-Go-Area"

Der Begriff "No Go Area" kam auf und immer mehr Fälle von Übergriffen auf Ausländer oder fremd aussehende Menschen in Deutschland wurden veröffentlicht. Plötzlich kamen alle zu Wort, die sonst länger darauf warten müssen: antifaschistische Aktionsgruppen und Vereine gegen Rechts - auch der Afrikarat Berlin-Brandenburg. Er wolle zur Weltmeisterschaft eine Karte mit Gebieten veröffentlichen, die WM-Gäste aus dem Ausland in und um Berlin meiden sollten, hieß es. Der Vorsitzende Moctar Kamara fühlte sich falsch verstanden und zitiert, der Vorstand des Afrikarates distanzierte sich von solchen Plänen.

Pressekonferenz zu No-Go-Areas WM Afrikarat Judy Gummich

Diskussion um No-Go-Areas in Berlin

Wenig später legte der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye den Finger noch einmal in die Wunde. Er warnte am 17. Mai im Deutschlandradio ausländische Besucher der Fußball-Weltmeisterschaft vor einem Aufenthalt in bestimmten Gegenden Brandenburgs: "Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen."

Am 23. Mai konnte Ermyas M. schließlich zum ersten Mal befragt werden. Weil er sich an nichts erinnern konnte, wurden die beiden Tatverdächtigen aus der Untersuchungshaft entlassen. Einer von ihnen, Björn L., wurde zwei Tage später erneut inhaftiert. Jetzt wegen des dringenden Verdachts der schweren Körperverletzung. Ein Mithäftling hatte ihn belastet.

Alles plötzlich unklar

Am 26. Mai gab Generalbundesanwalt Nehm die Ermittlungen an die Potsdamer Staatsanwaltschaft ab. Die Voraussetzungen für eine Zuständigkeit des Generalbundesanwalts sei nicht mehr gegeben, hieß es. Der Fall, der erst ein klarer Übergriff von Rechtsradikalen gewesen schien, war plötzlich unklar. Zeugen hatten unter anderem ausgesagt, Ermyas M. sei stark alkoholisiert gewesen. 2,06 Promille soll er im Blut gehabt haben dank Bier und Cuba Libre und er soll die beiden Tatverdächtigen als "Schweinesau" beschimpft und getreten haben.

Fremdenfeindlicher Mordversuch in Potsdam Gedenken Blumen

Mahnwache für Ermyas M. im April 2006

Bis Ende August will die Potsdamer Staatsanwaltschaft die Ermittlungen nun abgeschlossen haben. Um dann voraussichtlich Anklage gegen die beiden Beschuldigten wegen gefährlicher Körperverletzung erheben, sagte Behördensprecher Benedikt Welfens.

Toleranz als Standortfaktor

Es klinge zynisch, sagt Moctar Kamara vom Afrikarat Berlin-Brandenburg, aber immerhin werde seit diesem Vorfall das Thema Rechtsradikalismus und Rassismus in Deutschland wieder diskutiert. "Auch, wenn sich die Medien erst einschalten, sobald neue Tatverdächtige auftauchen, ist es wichtig, dass der Vorfall nicht vergessen wird und in den Köpfen vor Ort bleibt und das ist so."

Uwe-Karsten Heye reagiert inzwischen gar nicht mehr auf Interviewanfragen zum Thema, auch Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm will sich nicht mehr äußern. Zumindest nicht, seit die Potsdamer Staatsanwaltschaft übernommen habe, sagt sein Pressesprecher Wolfgang Brandt. Brandenburg sucht jetzt zum November einen neuen Ausländerbeauftragten. Pläne, das Amt zu streichen sind längst vom Tisch. Toleranz gilt inzwischen als Standortfaktor.

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