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Wirtschaft

Was Ein-Dollar-Shops über Ungleichheit in den USA verraten

Im Übernahmekampf um die US-Billigkette Family Dollar überbieten sich zwei Konkurrenten. Die Geschichte des Bietergefechts handelt von den Reichsten und den Ärmsten der USA.

Die Filiale von Family Dollar, in der Wilfredo Rosario regelmäßig einkauft, liegt unter den rostenden Schienen der Hochbahn, ganz in der Nähe seiner Wohnung in der South Bronx. Der New Yorker Stadtteil gehört zum ärmsten Wahldistrikt der USA. "Wenn dieser Laden zugemacht würde, würde mich das treffen", sagt der 35-Jährige, "es würde für mich und meine Familie teuer werden."

Was viele Kunden nicht wissen: Hinter den Kulissen des Billig-Supermarkts findet eine Übernahmeschlacht statt, die Auswirkungen auf Menschen wie Rosario haben könnte. Zunächst gab Family Dollar Ende Juli 2014 bekannt, dass der Discounter Dollar Tree die Firma für 8,5 Milliarden Dollar (circa 6,4 Milliarden Euro) kaufen würde. Dann tauchte mit Dollar General ein weiterer Billig-Supermarkt auf, der noch mehr Geld bot. Schließlich lehnte die Geschäftsführung von Family Dollar dieses Angebot jedoch wegen zu erwartender kartellrechtlicher Bedenken ab. Wie die Übernahmeschlacht ausgehen wird, ist unklar.

New York USA Family Dollar Mann mit Kind New Yorker Stadtteil Spanish Harlem

Bronx-Anwohner Wilfredo Rosario

Hier Milliarden, da ein Dollar

Während die Geschäftsführung und Investoren über Milliardenbeträge verhandeln, organisieren die Armen der USA ihr Leben rund um 1-Dollar-Beträge. In einkommensschwachen New Yorker Vierteln wie Spanish Harlem, der South Bronx oder East New York säumen Läden die Straßen, in denen Shampoos, Pizza oder Batterien für 99 Cent oder eben einen Dollar angeboten werden.

"Billig-Supermärkte gibt es, seitdem Menschen in Städten leben", sagt Louis Hyman im Interview mit der DW. Der Wirtschaftshistoriker forscht an der Cornell University School of Industrial and Labor Relations: "Die Ein-Dollar-Läden sind in den 1950er und 60er Jahren entstanden. Neu war, dass es sich nicht um kleine Tante-Emma-Läden handelte, sondern dass die Läden von US-weiten und später globalen Lieferketten abhängig wurden." So beziehe Dollar Tree, einer der beiden Bieter um Family Dollar, heute 40 Prozent seines Bestands aus China, so Hyman.

Geschäfte Spanish Harlem New York USA

1-Dollar und 99-Cent Schilder säumen die Straße, hier in Spanish Harlem

Profiteure der Krise

Allerdings ist jede Ein-Dollar-Kette anders. Während Dollar Tree vorwiegend Krimskrams für einen Dollar oder weniger anbietet, verkauft Family Dollar Essen, Hygiene-Artikel oder sogar rezeptfreie Medikamente. Die meisten Produkte bei Family Dollar kosten mehr als einen Dollar. Im Endeffekt steht das "Dollar" im Namen für ein Super-Billig-Konzept, nicht für den eigentlichen Preis. "Man bekommt alles. Die Preise sind super, kaum zu schlagen", sagt Bronx-Anwohner Rosario, "und man kann mit Essensmarken bezahlen." Laut Geschäftsangaben bezieht ein großer Teil der Kundschaft Sozialleistungen.

Ein-Dollar-Läden sind Profiteure von Krisen; wirtschaftliche Engpässe sorgen für potentielle Kunden bei den Billigketten. "Während der großen Rezession (nach der Finanzkrise 2007/2008, d.Red), als alle anderen Aktien in den Keller fielen, stiegen die Aktien der Ein-Dollar-Läden in die Höhe, weil die Amerikaner dort kaufen mussten. Und das war großartig für die Investoren", sagt Louis Hyman.

Mittlerweile haben sich die Aktienmärkte erholt, das Nettoeinkommen der US-Haushalte ist so hoch wie vor der Krise. Davon haben die sprichwörtlichen obersten ein Prozent des Landes und die Ober- sowie die obere Mittelschicht des Landes profitiert, die Shareholder und Hausbesitzer. Die Armen des Landes haben davon wenig mitbekommen: Die Löhne im Land stagnieren, Sozialleistungen wurden gekürzt; beide Faktoren sind besonders wichtig für Haushalte mit niedrigem Einkommen.

Geschäfte South Bronx New York USA Family Dollar

Filiale von Family Dollar in der South Bronx

Weniger Gewinn

Obwohl Family Dollar immer noch profitabel ist, sind die Gewinne auf ein Niveau gefallen, das nicht mehr den Profitzielen der Wall Street entspricht. "Die Firma hat zwar Umsätze von 10 Milliarden Dollar im Jahr, aber sehr viel geringere Gewinnspannen als Dollar Tree oder Dollar General," sagt Wirtschaftshistoriker Hyman. Der Plan der beiden Bieter sei es nun, die hohen Erträge von Family Dollar mit ihren eigenen hohen Gewinnraten koppeln.

Für Bewohner einkommensschwacher Stadtteile wie der South Bronx ist es wichtig, Zugang zu günstigen Supermärkten zu haben. "Wenn sie den Zuschlag bekommen, werden Dollar Tree oder Dollar General viele Filialen von Family Dollar schließen", glaubt Hyman: "Das ist die neue Ungleichheit in den USA. Hedgefonds machen Geld dadurch, dass sie Ein-Dollar-Läden schließen."

Als Dollar Tree Ende Juli bekannt gab, Family Tree kaufen zu wollen, hieß es, man erwarte rund 300 Millionen Dollar (circa 227 Millionen Euro) Ersparnis pro Jahr durch sogenannte "Synergieeffekte". Oft bedeutet das, Filialen an wenig profitablen Standorten zu schließen; besonders Lebensmittel, die vor allem in armen Stadtvierteln verkauft werden, haben eine niedrige Gewinnspanne. Am selben Tag, an dem das Kaufangebot publik wurde, stieg die Aktie von Family Dollar um rund 25 Prozent.

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