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Was DNA-Spuren über Verbrechen verraten

Dagmar Breitenbach
14. Oktober 2016

DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt wurden am Fundort des ermordeten Mädchens Peggy nachgewiesen. Wie kommen sie dahin? Was verraten sie? Die wichtigsten Fakten im DW-Interview mit Genetiker Lutz Roewer.

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Bildkombo Peggy Kobloch / Uwe Böhnhardt
Bild: picture-alliance/dpa/BKA

DW: Zauberwort DNA-Analyse - im englischen auch bekannt als "DNA-Profiling": Was genau enthüllt uns die DNA?

Lutz Roewer: In der Form, wie sie in Deutschland in den forensischen Untersuchungen auf gesetzlicher Basis durchgeführt wird, enthüllt die DNA ausschließlich den Match, die Übereinstimmung, einer biologischen Spur mit einer Person. Nichts weiter, es gibt keine Korrelation zum Zeitpunkt und zur Art und Weise, wie die Spur dahin gekommen ist. Es wird viel erwartet, aber es ist nur eine identifizierende Untersuchung, die Möglichkeit, eine Person festzustellen.

Ist die Methode besser als der normale Fingerabdruck- der ist doch auch einmalig?

Ja, denn man vergleicht nicht gekrümmte Linien, sondern sehr stabile Muster aus unserem Körper, die man auch quantifizieren kann. Die Erfahrung lehrt zwar, dass jeder seinen eigenen Fingerabdruck hat, aber man kann nicht genau sagen, ob das stimmt. Bei der DNA kann man es sicher sagen, weil die Häufigkeit der Merkmale bestimmbar ist. Deswegen ist es der Goldstandard aller Ermittlungsverfahren geworden.

Wie genau ist eine DNA-Analyse?

Sehr genau. Die einzige Einschränkung ist, wenn man wegen der Menge oder der Qualität nur ein Teilprofil, einen Teil-Code, darstellen kann. Dann gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass eine zweite Person auf der Welt zufällig dasselbe Teilprofil trägt. Deswegen werden die Untersuchungen für eine gewisse Zahl von DNA-Sequenzen durchgeführt. Wenn alle erfolgreich analysierbar sind, gibt es keinen Zweifel an der Übereinstimmung.

Wie viel Material braucht man dafür, und was genau heißt 'Qualität'?

16.07.2015 Fit und Gesund DNA
DNA kann bei der Jagd nach Verbrechern eine große Hilfe sein - wenn im Labor sauber gearbeitet wirdBild: Colourbox

Theoretisch reicht eine einzige Zelle. Alle Zellen außer den roten Blutkörperchen enthalten DNA. Wir können selbst beim Ausatmen Zellen ausstoßen, wir verlieren Hautzellen und auch Knochen haben DNA-haltige Zellen - die können also aus dem gesamten Körper stammen. Bei der Qualität der DNA-Probe geht es um das Profil. Das Profiling stellt ein DNA-Muster her, das im Grunde genommen aus Zahlen besteht, die bestimmte Abschnitte der DNA kodieren. Wenn diese Abschnitte durch lange Liegezeit einer Spur, durch Umwelteinflüsse oder bakteriellen Abbau zerstört sind, kann diese Stelle nicht mehr bestimmt werden - dann enthält das Profil an der Stelle eine Lücke, und die Aussage ist nicht mehr so eindeutig.

Wie lange hält sich denn eine DNA-Spur?

Die älteste Probe, die wir in unsrem Labor untersucht haben, waren Knochen aus dem 10. Jahrhundert. Die DNA sah genauso gut aus wie eine frische Spur. Man kann nie davon ausgehen, dass man in einer Probe keine DNA findet, nur weil die Probe alt ist.

In vorliegenden Fall gab es zunächst auch die Theorie einer zufälligen Übertragung der DNA-Spuren von Böhnhardts Leiche auf die die am Fundort der toten Peggy gefundenen Spuren. Kann sich DNA wirklich von einer Probe auf eine andere Probe übertragen?

Man muss immer damit rechnen. Da das bekannt ist, und auch schon krasse Fälle aufgetreten sind, gibt es aber viele Vorkehrungen. Labors sind sehr sichere Stätten der Analyse, da gibt es zum Beispiel Schleusen. Aber noch wichtiger sind die Kontrollen, die computerisiert durchgeführt werden. Alle Proben werden mit einer Computersoftware mit allen anderen Proben verglichen. Automatisch werden die herausgefischt, wo Profile auftauchen die schon früher untersucht wurden.

Wenn ein Profil aus einem anderen Fall bei mir auftaucht, so wie hier, kann es einen Zusammenhang geben - aber es muss auch abgeklärt werden, ob es eine Kontamination sein kann. Das passiert jedem Labor. Einzelne Zellen werden eben auch durch Luft übertragen. Deswegen haben alle Labors sogenannte Ausschlussdateien, in denen die Leute, die in dem Labor arbeiten, mit ihren Profilen abgelegt sind. Das ist die Hauptquelle der Kontamination.

Wird bei einem Verbrechen automatisch nach DNA gesucht? 

Wenn es biologische Spuren gibt, ja. Auch bei Kellereinbrüchen und Fahrraddiebstählen. Die Ergebnisse werden über eine Datenbank abgeglichen. In Deutschland gibt es die DNA-Datei, die zum Beispiel verurteilte Straftäter, aber auch Profile vermisster Personen enthält, seit 1998. Die Methode des forensischen Fingerabdrucks kommt aus Großbritannien, und es gibt sie in Deutschland seit Ende der 1980er-Jahre. Unser Institut hat mehrere Tausend Fälle im Jahr. Morde sind ja eher überschaubar in der Zahl, viele minderschwere Delikte z.B. Eigentumsdelikte, fallen aber mittlerweile auch in die Zuständigkeit der Labors.

Professor Dr. Lutz Roewer ist der Leiter des Lehrstuhls für Forensische Genetik an der Charité in Berlin. Die Abteilung Forensische Genetik am Institut für Rechtsmedizin der Charité ist eine der ältesten Deutschlands.

Das Interview führte Dagmar Breitenbach.