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Politik

Was bleibt vom Hoffnungsträger Obama?

Charlotte Potts rkl
16. November 2016

Die Beziehung zwischen US-Präsident Obama und den Deutschen hat viel gemein mit einer Liebesbeziehung. Es gab Phasen der völligen Euphorie, der Hoffnungen, aber auch der Ernüchterung und Vorwürfe.

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Deutschland Barack Obama Rede vor dem Brandenburger Tor in Berlin
Ihm war zu heiß, also zog Obama sich bei seiner Rede am Brandenburger Tor die Jacke ausBild: picture-alliance/dpa/K. Niefeld

Er war zwar noch nicht gewählt, wurde in Deutschland aber schon wie ein Popstar gefeiert: Barack Obama. "Yes, We Can", Ja! USA, ihr könnt! Obama war ein charismatischer, ein vergleichsweise junger Kandidat, der so wenig mit dem hier so unbeliebten George W. Bush gemein hatte. 14 Prozent der Deutschen hatten am Ende von Bushs Amtszeit noch Vertrauen in dessen Fähigkeiten, internationale Politik zu bewältigen. Obama bekam im ersten Amtsjahr das Vertrauen von 94 Prozent der Deutschen. Er war der Hoffnungsträger, einer der die deutsch-amerikanischen Beziehungen wieder verbessern und die Konflikte in der Welt beenden sollte.

Bilanz Obama - Ausgangspunkt Finanzkrise

Nicht ganz so einfach machte es ihm die deutsche Kanzlerin. Erst verwehrte Angela Merkel Obama im Sommer 2008 - kurz vor seiner Wahl - am Brandenburger Tor zu sprechen. Der Präsidentschaftskandidat musste auf den deutlich weniger symbolträchtigen Platz vor der Siegessäule ausweichen. Kurz nach seiner Wahl soll Merkel außerdem Zweifel an dem jungen Präsidenten geäußert haben. Während Obama von den Deutschen gefeiert wurde, musste er sich vor der Kanzlerin erst einmal beweisen.

Schwierige Beziehung

Was folgte, waren Beziehungen mit Höhen und Tiefen. Diese beginnende Romanze zwischen Obama und den Deutschen musste viele Herausforderungen und Rückschläge hinnehmen. Auch wenn 92 Prozent der Deutschen Obama im Jahr 2012 wiedergewählt hätten, erlitt das Vertrauen in den Präsidenten im Zuge des NSA-Skandals einen Knacks. Die Enthüllungen von Edward Snowden nährten die deutsche Angst vor einer gewaltigen Überwachung durch die Amerikaner. Als dann auch noch bekannt wurde, dass auch das Handy von Angela Merkel abgehört worden war, sagte die Kanzlerin wenig erfreut: "Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht". Diese Zeit markiert wohl den größtes Rückschlag ihrer Beziehung.

Kritisch gesehen wurde in Deutschland auch die stockende Umsetzung seines Wahlversprechens, das US-Gefangenenlager Guantanamo zu schließen. Auch nach acht Jahren im Amt sind noch immer Insassen auf Kuba untergebracht. Tausende gingen außerdem gegen das Freihandelsabkommen TTIP auf die Straße, eines von Obamas Kernprojekten. Und die Tatsache, dass die US-Streitkräfte unter Obama zwar mit weniger Bodentruppen kämpften, dafür aber deutlich mehr Drohnen einsetzten, wurde von vielen Deutschen nicht besonders begrüßt.

Auch viele positive Momente

Neben diesen Enttäuschungen gab es in seinen beiden Amtszeiten aber auch immer wieder Momente, in denen Obama die Deutschen von sich überzeugen konnte. Als er an einem heißen Tag im Sommer 2013 endlich die Möglichkeit bekam, bei seinem Berlin-Besuch vor dem Brandenburger Tor zu sprechen, zog der US-Präsident sein Jackett aus. Und er forderte die Menge auf, das gleiche zu tun, wenn ihnen auch zu heiß war. Die Anwesenden jubelten Obama zu, sie mochten seine natürliche Lockerheit. Eine Eigenschaft, die bei deutschen Politikern selten zu finden ist.

Die Deutschen begrüßten die Entscheidung, US-Truppen aus Afghanistan und dem Irak abzuziehen. Gegen großen Widerstand hatte Obama es außerdem geschafft, eine Krankenversicherung für Amerikaner einzuführen. Und sein Engagement im Kampf gegen den Klimawandel wurde in Deutschland ebenfalls gerne gesehen. "Viele Deutsche konnten sich mit der fortschrittlichen Agenda von Obama identifizieren", sagt Niels Annen, außenpolitischer Sprecher der Sozialdemokraten, der Deutschen Welle. "Und sie sind immer noch fasziniert von seiner Persönlichkeit. Wir werden ihn vermissen. Wir vermissen ihn schon jetzt."

Obama und Merkel: eine wichtige Freundschaft

Nach dem holprigen Start mit der Kanzlerin entwickelte sich auch zwischen Obama und Merkel eine stabile Beziehung. Vertraute der beiden Politiker sagen, ihre ähnlichen politischen Interessen und Gemeinsamkeiten in ihrer Persönlichkeit haben das Paar zusammengeschweißt. Die transatlantische Freundschaft zwischen Obama und Merkel wurde über die Jahre immer stärker und gipfelte mit Obamas Lob für die deutsche Flüchtlingspolitik. "Was das angeht, steht sie auf der richtigen Seite der Geschichte", sagte Obama, nachdem Merkel im vergangenen Jahr beschlossen hatten, die Grenzen für mehr als 800.000 Flüchtlinge zu öffnen.

Deutschland Barack Obama und Angela merkel in Berlin
Obama und Merkel: Eine Freundschaft, die sich entwickeln mussteBild: picture-alliance/dpa/EPA/M. Sohn

Kritik ist leiser geworden

In den acht Jahren ihrer Zusammenarbeit sind Obama und Merkel zum Eckpfeiler der transatlantischen Allianz geworden. Als Obama im April nach Hannover kam, machte er der Kanzlerin geradezu eine Liebeserklärung. "Es ist die wichtigste Beziehung, die wichtigste Freundschaft, die ich in meiner Amtszeit hatte", sagte Obama. "Kanzlerin Merkel war konsequent, sie war beständig, sie ist verlässlich." Und dann: "Sie hat einen wirklich guten Sinn für Humor, den sie bei Pressekonferenzen nicht immer zeigt. Deshalb ist sie so eine beständige Kanzlerin, weil sie aufpasst, was sie sagt."

Obama und die Deutschen, Obama und Merkel: Der US-Präsident ist gelobt, aber auch viel kritisiert worden. Viel von dieser Kritik ist angesichts des Wahlsieges von Donald Trump aber auch verstummt. Auch wenn die enorme, anfängliche Euphorie über Obama also etwas zurückgegangen ist, finden ihn viele in Deutschland besser als seinen Vorgänger Bush und würden ihn Donald Trump deutlich vorziehen - im Moment jedenfalls. Die Deutschen werden den scheidenden US-Präsidenten  als einen Leuchtturm in Erinnerung behalten, aber einer, der nicht alle Hoffnungen erfüllen konnte.