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Musik

Was Beethoven mit syrischen Gefängnissen zu tun hat

Zwischen Beethoven-Kompositionen und internationalen Protestliedern erzählt Ali Abou Dehn seine Geschichte. Der Libanese wurde viele Jahre als politischer Gefangener in syrischen Gefängnissen gequält und gefoltert.

"Wahrheit wagt' ich kühn zu sagen, und die Ketten sind mein Lohn." Die pointierte Lyrik aus Ludwig van Beethovens Oper "Fidelio" hallt durch eine Kirche in Bonn. Die Beethoven-Akademie hat die Veranstaltung organisiert. Sie will die Musik des Komponisten mit aktuellen politischen Themen verbinden. Thema des Abends, der auch des 190. Todestags Beethovens am 26. März gedenkt, ist die politische Gefangenschaft. Zu hören sind mehrere Stücke von Beethoven, in die Protestlieder aus der Türkei, dem Iran, aus Syrien und Deutschland eingestreut werden. Die Veranstaltung ist dem deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel gewidmet, der zur Zeit in der Türkei inhaftiert ist.

Beethoven: "Die Hoffnung flüstert sanft mir zu"

Auch der Protagonist in Beethovens einziger Oper ist ein politischer Gefangener, der in den Kerker geworfen worden ist. Erst nachdem seine Frau - verkleidet als Gefängniswärter - das Vertrauen des Gefängnisdirektors gewinnt, kommt er wieder frei. Im Gefängnis-Chor singt ein Häftling: "Die Hoffnung flüstert sanft mir zu: Wir werden frei, wir finden Ruh."

Beethoven Oper Fidelio Farblithographie (picture alliance/akg-images)

Eine Sammlerkarte mit einer Illustrierung von Beethovens "Fidelio"

Gabriele Stein, Direktorin von Amnesty International Deutschland, greift das Thema auf. Sie betont, wie wichtig es sei, dass die vielen politischen Gefangenen nicht die Hoffnung verlieren und zitiert Beethoven: "Die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich hab' sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt, was wäre sonst aus mir geworden?"

Dreizehn Jahre ohne Musik

Auch Ali Abou Dehn aus dem Libanon ist in die Bonner Kirche gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Er war ehemals politischer Gefangener in Syrien. "Ich bin hier, um über meinen Schmerz zu reden", sagt er. "Wenn die Welt ihre Augen verschließt, wissen wir nicht, wohin wir gehen sollen." Abou Dehn hofft, dass Musik, die er als "Sprache der Welt" bezeichnet, den Menschen beim Verständnis seiner Geschichte helfen werde.

Am 28. Dezember 1987 wurde Abou Dehn inhaftiert. Dreizehn Jahre vergingen, bis er wieder Musik hören konnte. "Wir hatten noch nicht mal einen Stift, Papier oder ein Buch", berichtet er. "In Tadmor gibt es überhaupt kein Leben." Der syrische Dichter Faraj Bayrakdar beschrieb jenes Militärgefängnis in der zentralsyrischen Stadt Palmyra einmal als "das Königreich des Todes und des Wahnsinns". Die Anstalt war berüchtigt für elende Haftbedingungen, Folter und Massenhinrichtungen.

Willkürliche Hinrichtungen in Syrien

Kurz nachdem im Libanon 1975 der Bürgerkrieg ausbrach, rückten syrische Truppen unter der Führung von Hafez al-Assad in das Land vor. Über 30 Jahre hinweg wurden Hunderte Libanesen, die sich gegen die syrische Besatzung auflehnten, darunter auch Abou Dehn, in syrische Gefängnisse verschleppt – häufig ohne Gerichtsverfahren. Viele kamen nicht mehr lebend heraus.

Demonstration in Beirut Libanon gegen Syrien (picture-alliance/dpa/dpaweb)

Libanesen demonstrieren 2005 für den Rückzug syrischer Truppen

Abou Dehn verbrachte fünf Jahre in Tadmor sowie weitere acht Monate in Saidnaya, einem Gefängnis in der Nähe von Damaskus. Laut einem Anfang des Jahres veröffentlichten Bericht von Amnesty International wurden dort zwischen 2011 und 2015 bis zu 13.000 Häftlinge hingerichtet.

In einem besonders bewegenden Moment während des Konzerts dreht sich der syrisch-palästinensische Pianist und Flüchtling Aeham Ahmad um und verneigt sich unter Applaus vor Abou Dehn. Ein besonderer Umstand verbindet die beiden: Ahmads Bruder ist noch immer in Saidnaya inhaftiert. Ahmad, der für seine Förderung des Friedens durch Musik 2015 mit dem ersten Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion ausgezeichnet wurde, sagt: "Ich verstehe die Situation nicht, aber lasst uns Musik machen - vielleicht können wir damit die Welt zwischen uns öffnen." 

Dokumentarfilm über Tadmor mit ehemaligen Insassen

Im Jahr 2016 wurden Abou Dehn und 21 weitere ehemalige Tadmor-Häftlinge in dem Dokumentarfilm "Tadmor" mit ihren Erlebnissen konfrontiert. Regie führten die deutsche Filmemacherin Monika Borgmann und ihr Ehemann Lokman Slim, ein Verleger aus dem Libanon. Für den Film wurde ein Schlafsaal von Tadmor in einer verlassenen Schule in der Nähe von Beirut nachgebaut – inklusive Loch in der Decke, durch das die Insassen - die ehemaligen Häftlinge - observiert wurden. 

 

"Nachdem ich den Film gesehen hatte, brauchte ich ein oder zwei Tage, um wieder zu meinem normalen Leben zurückzukehren", erinnert sich Abou Dehn. "Weil wir die Folter wieder spürten, weil wir die Qualen wieder durchlebten."

In einem Interview mit der DW beschreibt Abou Dehn, wie Dutzende Insassen zum Schlafen nebeneinander liegen mussten, "zusammengepfercht wie Fisch in der Dose". Ihnen seien die Wimpern wegrasiert worden und und als sie nachwuchsen, hätten sie wie Nadeln in die Augen gestochen. Eine aus einem gekochten Ei bestehende Mahlzeit habe zwischen fünf Personen geteilt werden müssen. Wenn ein Insasse krank gewesen sei, hätten ihm die anderen ihren Anteil abgegeben. "Im Gefängnis verloren wir viel, aber wir lernten auch etwas", erklärt Abou Dehn. "Wir lernten, dass wir alle gleich sind. Wir lernten, uns gegenseitig zu lieben."

Zerstörung der Haftanstalt durch den IS

Das Tadmor-Gefängnis wurde während der systematischen Zerstörung der antiken Stätte Palmyra 2015 vom so genannten "Islamischen Staat" in die Luft gejagt. Menschenrechtler befürchten, dass wichtiges Beweismaterial über die brutale Behandlung von Häftlingen unter Bashar al-Assads Regime dabei zerstört worden sein könnte. Für Abou Dehn selbst war es eher ein persönlicher Verlust.

Palmyra Syrien UNESCO Welterbe (picture-alliance/dpa/V.Sharifulin)

Die antike Stadt Palmyra liegt in Schutt und Asche

"Am ersten Tag, als ich davon hörte, dass der IS Tadmor zerstört hatte, glauben Sie mir, da habe ich geweint. Sie haben meine Erinnerungen ausgelöscht", sagt er. "Sie haben die Wand, gegen die ich lehnte, zerstört, die Wand, der ich meine Geschichten erzählte, die ich fragte, wie es meinen Kindern und meiner Frau geht. Diese Wand hat meine Geheimnisse verwahrt."

Abou Dehn: "Mein Herz schreit"

Als Vorsitzender der Organisation für ehemalige libanesische politische Gefangene in Syrien kämpft Abou Dehn für die Freilassung von mehreren hundert Libanesen, die immer noch in syrischen Gefängnissen festgehalten werden sollen. Er erzählt seine Geschichte in Filmen, Artikeln und jetzt auch durch Musik, um Menschen dazu zu bringen, sich für das Schicksal dieser Gefangenen einzusetzen. "Mein Herz schreit", sagt er. "Wenn man Erinnerungen nur für sich behält, bedeuten sie nichts. Aber wenn man anderen die eigene Geschichte erzählt, kann man einen Teil dieses schweren Gewichts auf deren Schultern abladen - und in deren Köpfe einpflanzen."

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