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Bücher

Warum Wilhelm von Humboldt zu Unrecht im Schatten seines Bruders steht

Er gilt als Vater der modernen Universität: Wilhelm von Humboldt. Er ist weniger berühmt als sein weltreisender Bruder Alexander. Dabei verdankte ihm Preußen ein neues Bildungssystem. Nun wäre er 250 Jahre alt geworden.

Einen Wilhelm von Humboldt könnte man sich heutzutage als Bildungsminister nur wünschen: Kosmopolit, Sprachgelehrter, Philosoph, Staatsmann und Schriftsteller in einer Person. Wilhelm von Humboldt beherrschte die wichtigsten Sprachen der Alten und Neuen Welt fließend, und lebte über lange Phasen seines umtriebigen Lebens in den wichtigsten europäischen Zentren des ausgehenden 18. Jahrhunderts: Paris, Rom, London, Wien und zuletzt in der preußischen Metropole Berlin. Auch wenn er in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas im Schatten seines Bruders Alexander stand, ist er nicht weniger bedeutend.

Ein Leben als Bildungsreise

Sein ganzes Leben ist im Grunde eine Bildungsreise. Nach dem frühen Tod des Vaters - eines adeligen Kammerherrn und Grundbesitzers - erhält Wilhelm von Humboldt schon in Kinderjahren und später als Jugendlicher eine exzellente Bildung durch Privatlehrer. Die Mutter, wohlhabend und Spross hugenottischer Kaufleute, sucht nur die besten für ihre beiden Söhne aus: Philosophen, Reformpädagogen und Universalgelehrte, die Wilhelm und seinem Bruder Alexander nicht nur notwendige Schulbildung beibringe, sondern auch die Welt erklären.

Gemälde zeigt Goethe in Italien (picture-alliance/arkivi UG)

Ein Freund der Humboldts: Johann Wolfgang von Goethe

Forschergeist, intellektuelle Neugier und preußische Disziplin sind den beiden aufgeweckten Brüder schnell vertraut. Beide sollten später Großes vollbringen, jeder in seiner Profession. Sie haben intensiven Kontakt zu den Geistesgrößen ihrer Zeit: zu Schiller und Goethe, Fichte und Schleiermacher und studieren immer wieder die moderne Philosophie von Kant. Dank des elterlichen Vermögens sind sie finanziell unabhängig und können frei ihren persönlichen Interessen nachgehen.

Forscherdrang und Reiselust

Mit 23 Jahren tritt Wilhelm von Humboldt 1790 in den preußischen Staatsdienst ein. Aber er scheidet schnell wieder aus, weil ihm das Schreibstubenleben in Berlin zu langweilig ist. Er heiratet erstmal, die Braut ist ein Jahr älter als er und aus gutbetuchtem Hause.

Die beiden führen eine für die Zeit ungewöhnliche Ehe: Wilhelm umsorgt - ganz entgegen dem herrschenden preußisch-militärischen Männlichkeitsideal - fürsorglich die Kinder: füttert, wickelt und tröstet. Caroline ist hochgebildet und verwegen. Auf Reisen trägt sie - ganz emanzipiert - lieber Männerkleider, weil es beim Reiten praktischer ist.

Pyrenäen-Landschaft in Frankreich (Getty Images/AFP/Mehdi Fedouach)

Humboldt ging mit Frau und Kind auf Abenteuerreise in die Pyrenäen

Ausgedehnte Reisen führen die beiden durch Frankreich und Spanien, zum Teil in Gebiete, hoch in den Pyrenäen, in die sich Reisende im 18. Jahrhundert nur selten verirrten. Ihre drei Kinder nebst Erzieher haben sie mit im Gepäck. Mal ist die Reisegruppe auf Maultieren, mal mit Postpferden unterwegs. Das Älteste darf bei der Mutter mit im Sattel sitzen. Ein Abenteuer, das die Eheleute eng zusammenschweißt.

Privatgelehrter und königlicher Diplomat

Wilhelm von Humboldt treibt der gleiche Forscherdrang an wie seinen Bruder Alexander. Der sprachgewandte junge Mann führt schon bald auf muttersprachlichem Niveau Konversation in mehreren Fremdsprachen, saugt bei seinen vielen Reisen alles Unbekannte, Neuartige in sich auf. Und er ist aus tiefer Überzeugung Kosmopolit. Die praktische und lebensnahe Bildung des Geistes, das Erkunden fremder Kulturwelten, ist ihm zeitlebens wichtiger als das Durchpauken von Büchern und Theorien.

1802 wird Wilhelm von Humboldt zum zweiten Mal Staatsdiener des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Aber er hat Glück und wird als Diplomat nach Rom geschickt. Dort ist er weitestgehend unabhängig. Schriftsteller, Gelehrte und berühmte Künstler gehen bei ihm ein und aus. Doch mit der glücklichen Balance zwischen eigenen Vorlieben und offiziellen Staatsgeschäften ist es bald vorbei. Nach den verlorenen Napoleonischen Kriegen ist Preußen nicht nur militärisch besiegt und politisch gescheitert, sondern als Staat auch bankrott. Die Bevölkerung leidet Hunger, bittere Armut und harte Kriegsfolgen haben allen Lebensmut vernichtet.

Schloss Tegel in Berlin-Reinickendorf (Imago/Schöning)

Viele Jahre Humboldts Zuhause in Berlin: Schloss Tegel in Reinickendorf

Notwendige Reform des preußischen Bildungssystems

In diese Notsituation hinein wird Wilhelm von Humboldt 1808 vom König nach Berlin abberufen und zum Direktor der preußischen Kultus- und Unterrichtsverwaltung ernannt. Die Schulbildung in Preußen ist völlig verknöchert und lebensfremd. Es gibt keine Trennung von Kirche und Staat. Gepaukt wird nach einem strengen Lehrkanon. Die Schüler sollen zu hörigen Untertanen erzogen werden. Frauen ist die höhere Schulbildung verwehrt.

Mit Humboldt bricht ein neues Bildungs-Zeitalter an. Er reformiert das preußische Bildungssystem grundlegend. 1810 führt er ein einheitliches dreistufiges Schulsystem in Preußen ein: die Elementarschule, "die gelehrte Schule" des Gymnasiums und die Hochschule. Die "fatale Abrichtungspädagogik", wie er sie nennt, wird abgeschafft.

Erfinder der modernen Forschungsuniversität

Außerdem lässt er die antiquierten Lehrinhalte durchforsten: Lehrer und Hochschulprofessoren sollen ab jetzt "Anwalt der Bildung junger Menschen" und am praktischen Leben orientiert sein. Systematisches Lernen und ganzheitliche Erziehung durch Kunst und Musik sind Humboldt ebenso wichtig, wie Mathematik als Schulung des Verstandes. Auch die Befähigung zum kritischen Denken gehört für ihn dazu. "Wissen ist Macht, wer sich bildet, ist frei", ist sein Credo.

Berlin - Statue, Wilhelm von Humboldt (picture alliance/Arco Images/Schoening)

29 Nobelpreisträger hat die Berliner Humboldt-Universität bis heute hervorgebracht

Wilhelm von Humboldt übt sein Amt nur 16 Monate aus, aber er stellt damit Weichen für die Zukunft einer modernen Bildungsgesellschaft. Mit seiner Reform krempelt der Philosoph und Privatgelehrte auch die deutsche Hochschullandschaft um. Die alte "Professorenherrlichkeit" wird abgeschafft und durch zeitgemäße Lehrdidaktik ersetzt. Mit der Einführung einer modernen Forschungsuniversität bekommt das Königreich Preußen das fortschrittlichste Bildungssystem Europas.

"Die höchste Ausbildung aller menschlichen Kräfte zu einem Ganzen"

Als Wilhelm von Humboldt am 8. April 1835 in Berlin-Tegel stirbt, hinterlässt er ein beeindruckendes Gedankengebäude. Er wollte jungen Menschen "die höchste Ausbildung aller menschlichen Kräfte zu einem Ganzen" ermöglichen, sein Bildungsideal war der gebildete, mündige und selbstbewusste Bürger, unabhängig von Stand und familiärer Vorbildung.

Das humboldtsche Bildungsideal könnte auch heutzutage Leitlinie für die Schul- und Bildungspolitik in Deutschland sein. Aber regionalpolitische Länderinteressen und vollgestopfte Lehrpläne - die ihren Ursprung in der strengen preußischen Verwaltung haben - stehen dem entgegen. Die weltoffene, kosmopolitische Bildungsphilosophie eines Wilhelm von Humboldt ist in Deutschland in utopische Ferne gerückt.

Symbolfoto Studenten (picture-alliance/Geisler-Fotopress)

Humboldts Ideal: Gebildete und mündige Bürger