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Pleite eines Sonnenkönigs

Warum Solarworld in die Insolvenz rutscht

Deutschlands größte Solarfirma steht vor dem Aus. 3300 Jobs stehen bei Solarworld auf dem Spiel - und der Ruf einer einstmals strahlenden Branche. Eine Geschichte von Fortschritt, Subventionen und falschem Timing.

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Solarworld ist pleite

"Dies ist ein bitterer Schritt für Solarworld, den Vorstand und die Belegschaft und auch für die Solarindustrie in Deutschland", ließ Frank Asbeck, Gründer und treibende Kraft von Solarworld, am Donnerstag mitteilen. Selten gab es einen tieferen Fall. Auf dem Höhepunkt des Solarbooms in Deutschland war eine Aktie von Asbecks Unternehmen 7192 Euro wert. Das war vor zehn Jahren. Am Donnerstag landete das Solarworld-Papier nach einem beispiellosen Absturz von um die 60 Prozent auf einem Tief von 68 Cent.

Auf dem Höhepunkt strahlte wahrlich die Sonne im oft wolkenbedeckten Deutschland - damals wurden hierzulande vier Fünftel aller weltweit produzierten Photovoltaikanlagen installiert, die gänzlich umweltfreundlich Strom aus Sonne gewinnen sollten. Die Solarwirtschaft war ein großes Pfund für die Energiewende in Deutschland. Und sie wurde gelobt und gefördert, dass die Milliarden nur so flossen. Und einer, der schnell erkannte, was es da zu holen gab, war: Frank Asbeck.

Die Bundesregierung verpflichtete seinerzeit die Verbraucher in Deutschland per Gesetz dazu, den Produzenten von Solarenergie eine sogenannte Einspeisevergütung zu zahlen. Es war die höchste weltweit. Die Besitzer von Solaranlagen ließen die Sonne Strom produzieren, speisten den in die Energienetze ein, und sie profitierten von garantierten, hohen Abnahmepreisen. In dieser Blütezeit der Branche profitierten die Solarpioniere ihrerseits auch noch von großzügiger Förderung der Bundesländer für den Bau immer neuer Fabriken. Durch öffentliche Gelder unterstützt setzte sich eine neue Technologie durch, made in Germany.

Bilanz Solarworld in Bonn Frank Asbeck (picture-alliance/dpa)

Früher mal als "Sonnenkönig" gefeiert: Solarworld-Chef Frank Asbeck

Erfolg durch millionenschwere Förderung

Unter den Pionieren war Frank Asbeck mit seiner Solarworld einer der ersten und einflussreichsten. Gegründet wurde das Unternehmen 1999 und produzierte zuletzt mit rund 3300 Mitarbeitern vorwiegend in Deutschland und den USA. Mehr als hundert Millionen Euro an direkter Förderung erhielt der Solarpionier über die Jahre. Zwischenzeitlich strotzte der Konzern derart vor Selbstbewusstsein, dass Asbeck ankündigte, man wolle den deutschen Autobauer Opel, als dieser auf dem Sterbebett lag, übernehmen. Das war 2008. Mitte des Jahrzehnts hatte das deutsche Erneuerbare-Energie-Gesetz Unternehmen wie Solarworld zu einer kurzen Blüte verholfen.

Wenig später kam der erste Einbruch. Nicht zuletzt die chinesische Konkurrenz hatte erkannt, wie viel Geld mit der neuen Solar-Technologie zu verdienen war. Zentral angeschoben und mit jeder Menge Staatskapital wurden in China gigantische Produktionskapazitäten aus dem Boden gestampft. Chinesische Billigprodukte überschwemmten den Weltmarkt, viele deutsche Produzenten hatten kaum eine Chance.

Gleichzeitig endete in Deutschland die großzügige Förderpraxis für die neue Technologie. Reihenweise mussten Solar-Betriebe der ersten Stunde schließen. Vor allem in Ostdeutschland, wo die Branche besonders vital war: Mit Firmen wie Odersun, Ersol, Q-cells oder FirstSolar verloren Tausende Beschäftigte ihre Arbeit. Die Branche reagierte, aber sie reagierte weniger mit Innovation als mit dem Ruf nach Schutz vor, wie sie es sah, unlauterer Konkurrenz.

China | Photovoltaik in China (Getty Images/Feng Li)

Sonnenkollektoren in China, in der Provinz Gansu

Chinesisches Dumping

Mitte dieser Woche wiederholte ein Sprecher der Branchenvereinigung EU ProSun die mittlerweile alten Vorwürfe gegen China: "Seit nunmehr fünf Jahren beklagen wir in der EU massives Dumping chinesischer Solarhersteller. Über 100 Insolvenzen und Werksschließungen mussten wir in der europäischen Solarindustrie seitdem verzeichnen", erklärte Verbandspräsident Milan Nitzschke am Mittwoch. "Chinesische Staatsbanken haben inzwischen einen dreistelligen Milliardenbetrag in eine Produktionskapazität gesteckt, mit der das Land alleine den weltweiten Bedarf 1,3 mal decken kann."

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Europa first – Der Trump-Faktor

Nitzschke äußerte sich ganz im Sinne von Solarworld-Chef Asbeck, der in den Billigpreisen der chinesischen Konkurrenz die Hauptursache für die eigene Pleite sieht: "Solarworld hat in den USA und in Europa den Kampf gegen illegales Preisdumping angeführt. Dieses Dumping hat jetzt jedoch nochmals zugenommen", so Asbeck in seiner jüngsten Stellungnahme.

Tatsächlich erließ die Europäische Union nicht zuletzt auf Betreiben von Asbeck und anderer Branchengrößen Ende 2013 EU-Schutzzölle gegen Dumping-Angebote aus China. Allzu viel half das nicht. Eine Stellungnahme des Europäische Amts für Betrugsbekämpfung (Olaf) gegenüber dem "Handelsblatt" spricht da Bände: "Wir können bestätigen, dass wir derzeit 15 laufende Untersuchungen in Bezug auf die Umgehung von Anti-Dumping und Ausgleichszöllen auf Solarpaneele aus China durchführen". Durch Schmuggel und allerlei Tricks werden die Schutzzölle umgangen. Allein zehn Deutsche und Chinesen sollen dabei laut "Handelsblatt" 110 Millionen Euro an Zollgebüren und Steuern hinterzogen haben.

Sechs verlustreiche Jahre

Solarworld sieht sich als Opfer des jahrelangen Drucks aus China. Vor vier Jahren drohte der damals mit einer Milliarde Euro verschuldeten Firma schon einmal die Pleite. Das Eigenkapital nach Rekordverlusten von mehr als 600 Millionen Euro rutschte in den Minusbereich. Damals hatte Asbeck den Konzern gerettet, indem er sich mit den Gläubigern auf einen Schuldenschnitt verständigte. Sie verzichteten auf 60 Prozent ihrer Ansprüche und erhielten dafür Solarworld-Aktien. Für frisches Kapital sorgte ein Investor aus Katar.

Dem Insolvenzantrag in dieser Woche gingen sechs Verlustjahre in Folge voraus. Auch 2016 gab es tiefrote Zahlen. Da war der Weltmarktpreis für Solarmodule um rund ein Fünftel abgestürzt. Hintergrund wieder: die starken Überkapazitäten in China.  Unternehmenschef Frank Asbeck hatte noch Ende März angekündigt, mit einem scharfen Sparprogramm bis 2019 wieder aus der Verlustzone kommen zu wollen. Mit dem Abbau von 400 Stellen - 300 davon in Deutschland - und zahlreichen Einzelmaßnahmen sollten die Kosten um ein Fünftel verringert werden.

Kritiker werfen dem Solarworld-Chef vor, auch hausgemachte Fehler hätten zum Niedergang wesentlich beigetragen. Das Unternehmen habe zu spät - eben erst zu Beginn dieses Jahres - mit einem Sparprogramm auf die schrumpfenden Erträge reagiert. Da fehlte aber bereits das nötige Geld für einen Umbau: Ende 2016 lag das Eigenkapital der Konzernmutter nur noch bei 2,6 Millionen Euro. Außerdem habe Solarworld geschäftliche Chancen wie die Solarenergie-Beratung oder das Geschäft mit Speicherbatterien liegen lassen.

Weg vom Massenmarkt

Den Weg fort vom Geschäft mit Massenprodukten beschreiten andere deutsche Hersteller inzwischen nämlich recht erfolgreich. Ein Beispiel ist der kleinere Hersteller Solarwatt. 2012 musste das Dresdner Unternehmen mehr als einhundert Mitarbeiter entlassen und den Betrieb radikal umkrempeln. Heute, fünf Jahre später, verzeichnet der Solaranlagenhersteller steigende Umsätze, expandiert ins Ausland und stellt Mitarbeiter ein.

"Wir hatten damals die Erkenntnis, dass es kein 'Weiter so' geben kann", sagt der Chef Detlef Neuhaus. Die Konsequenz: weg vom Massenmarkt für Module und große Solarparks, weg vom förderabhängigen Markt, stattdessen stärkere Konzentration auf Häuslebauer und Verbraucher. "Ein Produkt, das nur dann funktioniert, wenn es staatliche Förderung gibt, ist kein Zukunftsmodell."

Heute setzt das Unternehmen auf Premiumprodukte und Komplettlösungen für Privathaushalte und Kleingewerbe: Neben Solaranlagen fürs Dach liefert Solarwatt selbst entwickelte Stromspeicher und intelligente Energiesteuerungen. Auch Neuhaus sieht im Massenmarkt keine Chance mehr für europäische Unternehmen, zu stark sei die Billigkonkurrenz aus Asien. "Da ist der Krieg ist seit mindestens drei, vier Jahren verloren."

Solarworld Niedergang in der Solarindustrie (picture-alliance/dpa)

Nach schweren Jahren in der ostdeutschen Solarindustrie: Schild an der Autobahn bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt

Damoklesschwert aus den USA

Bei Solarworld und dem früheren "Sonnenkönig" Asbeck spielt die Musik zum bevorstehenden Aus aber nicht nur in Asien sondern auch in den USA. Möglicherweise erklärt das auch den plötzlichen Sinneswandel hin zur Insolvenz, weg vom neuen Versuch, noch zu retten, was zu retten sein könnte. Als Damoklesschwert schwebt nämlich länger schon ein Streit mit dem US-Silizium-Lieferanten Hemlock über Solarworld. Dieser hat eine Solarworld-Tochter auf Zahlung von 800 Millionen Dollar verklagt, weil sie Silizium anders als vereinbart nicht abgenommen hat.

In erster Instanz hatten die Amerikaner gewonnen. Solarworld ging in Berufung. Gewinnt Hemlock ein weiteres Mal und kann seine Ansprüche auch in Deutschland geltend machen, wird es richtig eng für Asbeck: Rücklagen für die Forderung hat Solarworld bisher nicht.

Die chinesische Konkurrenz hatte ohnehin schon vor Zeiten das sichere Ende von Solarworld prognostiziert und eine ganz eigene Sicht auf die Dinge geliefert. Solarworld sei eine Firma ohne jede Wettbewerbsfähigkeit, sagte Gao Jifan, der Chef des weltgrößten Photovoltaikkonzerns Trina Solar im März dem "Handelsblatt": "Sie muss und wird aus dem Markt verschwinden. Sie kann sich nicht ewig mit Protektionismus und Subventionen über Wasser halten."

Die Billigprodukte aus seinem Land jedenfalls seien nicht das Problem - im Gegenteil: "Wir haben den Kunden in Europa gewaltige Vorteile gebracht, weil wir die Qualität verbessert und die Preise gesenkt haben. Ohne uns könnte die EU niemals ihre Ziele für die kommenden 20 Jahre erreichen. Wir helfen den europäischen Regierungen. Die EU sollte uns danken." 

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