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Kultur

Warum Papst-Bücher Bestseller sind

Das Sachbuch "Der Kämpfer im Vatikan" verkauft sich prächtig. Der Autor Andreas Englisch mischt Fakten mit Vatikan-Anekdoten und einer Prise Enthüllungsjournalismus. Die Formel geht auf.

"Sex sells" – diese altbekannte kaufmännische Weisheit gilt seit langem. Doch eine neue ist inzwischen hinzugekommen: "Pope sells." Zurzeit befinden sich gleich zwei Bücher über den Papst und den Vatikan unter den Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste und der Bestsellerliste des Börsenblatts, des Wochenmagazins für den deutschen Buchhandel. Weit oben steht das Sachbuch "Der Kämpfer im Vatikan" von Andreas Englisch. Der 52-Jährige war bis 2010 eine Dekade lang Vatikan-Berichterstatter des Axel-Springer-Verlags und ist inzwischen der dienstälteste deutsche Vatikan-Korrespondent. Es ist nicht das erste Mal, dass die Verkaufszahlen für eines seiner Bücher durch die Decke gehen. Kein Wunder, dass sich Heidrun Gebhardt, vom herausgebenden Verlag C. Bertelsmann, freut. "Wir haben in den ersten sechs Wochen, seit das Buch auf dem Markt ist, fast 100.000 Exemplare verkauft", verrät sie im DW-Gespräch.

Den zweiten Bestseller schrieb der italienische Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi. In "Alles muss ans Licht" geht es, ebenso wie bei Englisch, um die von Franziskus angestrebte Kurienreform, um seine Feinde innerhalb der Kurie, um das Etablieren einer "Kirche der Armen" gegen Widerstände.

Vatikan-Themen erregen Aufmerksamkeit

Papst Franziskus während der Messe im Rahmen der Bischofssynode

Der Vatikan: Ort der Anbetung Gottes und des gelebten Glaubens - aber auch Tatort für Machtspiele und Intrigen

Eines lässt sich unschwer feststellen: Alles, was im und rund um den Vatikan passiert, erregt das öffentliche Interesse. Zu allererst das der Katholiken. Wer von ihnen will nicht wissen, welchen Kurs der schwerfällige Tanker "Katholische Weltkirche" zukünftig einschlägt, wie die Kommandos auf der Brücke lauten und ob sie dann auch tatsächlich befolgt werden?

Interessiert an Vatikanbelangen sind aber auch solche Zeitgenossen, die kaum etwas oder gar nichts mit der katholischen Kirche zu tun haben. Für viele ist Papst Franziskus eine außergewöhnliche Persönlichkeit, weil er sich um das Wohlergehen aller Menschen sorgt und erklärtermaßen auf der Seite der Armen steht. Im Gegenzug sorgen sich überall auf der Welt diese Befürworter jenseits der Kirchentüren um das Wohlergehen des Pontifex, wünschen ihm Erfolg bei der gewaltigen Anstrengung, seine Kirche umzukrempeln.

Selbst Kritiker der katholischen Kirche werden spätestens dann aufmerksam, wenn es um Skandale geht, die Kirchenbediensteten und Institutionen zur Last gelegt werden, wie etwa der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen oder Verbrechen wie Geldwäsche.

Schweizergarde in Reih und Glied

Seit 1506 steht die Schweizergarde dem Papst zur Seite – hier in Uniformen im Renaissance-Stil

Außerdem erzeugen auch im 3. Jahrtausend nach Christi Geburt noch Verschwörungstheorien und vermeintliche Geheimnisse hinter dicken Archivmauern Neugierde. Antiquiert wirkende Riten, Gewänder und Uniformen oder auch die Tatsache, dass die Vatikanstadt die letzte absolute Monarchie in Europa ist, schaffen ein gewisses Flair. Und so wabert in den Köpfen so mancher Zeitgenossen noch immer ein Hauch von Mittelalter.

Englisch, der eloquente Dampfplauderer

Stoff gibt es also im Schatten des Petersdoms genügend – Stoff, aus dem Dramen, Kriminalfälle, Rührstücke, sogar Komödien gestrickt werden können. Es kommt nur darauf an, wer sie erzählt. Vatikan-Experte Andreas Englisch verfügt über einen reichen Erfahrungsschatz und gesetztes Faktenwissen, das er mit allerlei Anekdoten und Erlebnissen kombiniert. Dazu gibt es hier und da noch eine Prise Enthüllungsjournalismus. Er versteht es, diese Mischung aus Information und Unterhaltung so zu vermitteln, dass er von jedermann verstanden wird. Dabei erzählt er so, dass Zuhörer und Leser den Eindruck gewinnen, er bewege sich ständig im Schatten des Papstes.

Andreas Englisch auf dem Petersplatz

Andreas Englisch auf dem Petersplatz

Dass Worte das Vehikel einer jeden Botschaft sind, hat Andreas Englisch verinnerlicht. Einen ganz eigenen Stil hat er auch bei der Art des verbalen Vermittelns. Er spricht ohne Punkt und Komma, beinahe atemlos, mit leicht rauer Stimme und sehr engagiert. Diese Art zu kommunizieren hat ihm den zweifelhaften martialischen Spitznamen "Maschinengewehr Gottes" eingebracht. Eingebracht hat ihm das aber auch eine relativ hohe Medien-Präsenz. Es gibt kaum eine deutsche Talkshow, in der der Vatikan-Kenner noch nicht zu Gast war. Mit ein Grund dafür mag ein TV-Auftritt mit einer beinahe prophetischen Äußerung sein. Knapp ein Jahr vor dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. im Februar 2013 mutmaßte Englisch bereits, dass es so kommen werde. Das steigerte seine Reputation und damit auch die Auflagen seiner Bücher.

Erfolg durch Engagement und Begeisterung

Buchcover: Der Kämpfer im Vatikan von Andreas Englisch

Der Bestseller: Bereits 100.000 verkaufte Exemplare

Der Erfolg seines aktuellen Buchs "Der Kämpfer im Vatikan: Papst Franziskus und sein mutiger Weg" hat noch weitere Gründe: Andreas Englisch ist die Begeisterung anzumerken, mit der er schreibt und spricht. Dabei gibt er keineswegs das Bild eines objektiven journalistischen Vermittlers ab. "Er versteht sich als Sprachrohr des Papstes der Armen", sagt Heidrun Gebhardt, Pressechefin des C. Bertelsmann Verlags. Wenn überhaupt ein "Maschinengewehr", dann ist Englisch das des Papstes, an den er sich, wie eine große Tageszeitung schreibt, "entschlossen und innig heranschmeißt, von dem er nichts weniger als die Rettung der Kirche durch radikale Erneuerung erwartet".

Andreas Englisch bewege sich mit dem Buch und seiner speziellen Art von Vatikan-Journalismus nahe am Boulevard, monieren seine Kritiker. Fachjournalisten mochten sich auf Anfrage nicht öffentlich zum Autor und seinem Buch äußern. Englisch wird es angesichts des Erfolgs seiner 384 Seiten über den "Kämpfer im Vatikan" wohl gelassen zur Kenntnis nehmen.

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