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Welt

Warum Kanada das Kyoto-Protokoll kündigt

Als erster Staat steigt Kanada aus dem internationalen Klimaabkommen aus. Doch das war nur ein logischer Schritt, der absehbar war. Das Land hat es nicht geschafft seine Klima-Verpflichtungen einzuhalten.

Rauchende Schornsteine vor blauem Himmel (Foto: epa)

Für viele Experten ist die Ankündigung Kanadas, aus dem Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz auszusteigen, keine Überraschung. "Eigentlich ist das nur mehr eine Festschreibung dessen, was praktisch längst passiert ist", sagt Mojib Latif, Klimaforscher an der Universität Kiel.

Der kanadische Umweltminister Peter Kent hatte die Entscheidung am Montag vor allem damit begründet, dass seinem Land sonst Strafzahlungen in Höhe von 14 Milliarden Dollar gedroht hätten, wäre es weiter im Protokoll verblieben. "Kyoto war längst gescheitert, und jetzt hat die Regierung nur den letzten formalen Schritt vollzogen. Das ist nur konsequent", erläutert Klimaforscher Latif. Denn auch vorher habe Kanada seine Verpflichtungen nicht eingehalten.

Kanadas Umweltminister Peter Kent (Foto: dapd)

Steigt aus dem Kyoto-Protokoll aus: Kanadas Umweltminister Peter Kent

Das Protokoll von Kyoto wurde 1997 unterschrieben und ist 2005 als bislang einzige rechtsverbindliche Klimavereinbarung in Kraft getreten. Alle Mitgliedsländer verpflichteten sich darin bindend zu einer Verringerung ihrer CO2-Emissionen, im Falle Kanadas um sechs Prozent im Jahr 2012 im Vergleich zu 1990. Die Emissionen des Landes sind in den vergangenen 20 Jahren aber stark gestiegen. Die konservative Regierung von Premier Stephen Harper hatte bereits vor fünf Jahren erste Konsequenzen gezogen und die nationalen Gesetze der liberalen Vorgängerregierung zur Reduzierung der Treibhausgase rückgängig gemacht.

Schwaches Umweltbewusstsein

Ausschlaggebend für den endgültigen Ausstieg waren nicht zuletzt energiepolitische und wirtschaftliche Gründe. "Kanada ist eine Nation, die sehr stark vom Abbau von Bodenschätzen abhängt, unter anderem vom Öl. Diese Industrien verursachen viele Kohlendioxid-Emissionen", erklärt Martin Thunert, Kanada-Experte am Heidelberg Center for American Studies. Die aktuelle Regierung agiere daher lieber "wirtschaftsfreundlich" als international solidarisch: "Kanada ist ein Land ohne koloniale Vergangenheit. Man hat hier nicht das Gefühl, anderen Ländern etwas zu schulden."

Ein weiterer Grund sei, dass auch die USA und China das Kyoto-Protokoll nicht anerkannt hätten, zugleich aber über 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verursachten. Gerade gegenüber der Wirtschaftsmacht USA habe Kanada "keine einseitigen Lasten mehr schultern" wollen, so Latif.

Der kanadische Umweltminister Peter Kent hatte die Konferenz von Durban als einen vielversprechenden, anschlussfähigen Weg bezeichnet. Das Kyoto-Protokoll sei dagegen ein "Hindernis" im gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel gewesen. "Die Regierung Harper wird auch in Zukunft keine Klimalösung mittragen, die nicht auch China, Amerika und Indien verpflichtet", sagt Martin Thunert. "Keine nationalen Ziele, sondern eher Zielformulierungen für verschiedene Industriezweige", seien jetzt politisch vermittelbar.

Alleingang nicht ausgeschlossen

Petra Dolata, Kanada-Expertin am King's College, London (Foto: privat)

Warnt vor kanadischem Alleingang: Petra Dolata

Zu sehr habe der Umweltschutz im öffentlichen Diskurs innerhalb von nur wenigen Jahren in Kanada an Bedeutung verloren. 2006 standen Umweltthemen bei Umfragen in der Werteskala noch weit oben. Damals lief der Film "An Inconvenient Truth" des demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten und späteren Friedensnobelpreisträgers Al Gore in den Kinos und begeisterte auch in Kanada das Publikum. 2011 gaben nur mehr 13 Prozent der Befragten an, dass Klimaschutz für sie von Bedeutung sei.

"Multilaterale Vereinbarungen zur Lösung globaler Probleme sind nicht das, worauf die Regierung Harper setzt", meint auch Petra Dolata, Juniorprofessorin am King's College in London und Mitarbeiterin der deutschen Gesellschaft für Kanadastudien. Sie sieht Kanada auf dem Weg hin zu einem klimapolitischen Alleingang. Im Gespräch seien branchenabhängige Richtwerte für den CO2-Ausstoß, etwa bei der Ölsand-Produktion. Denkbar wären auch Zertifizierungen für einzelne Industrieprodukte, die dann zum Beispiel besonders CO2-arme Kunststoffe enthielten.

Diese Maßnahmen scheinen jedoch kaum ausreichend. "Wenn sich die USA und China weiterhin gegenseitig blockieren und sich die Industrienationen ihrer historischen Verantwortung nicht stellen", so Klimaforscher Latif, sei dieses Ziel nicht mehr zu erreichen: Um den Klimawandel aufzuhalten, müssten die CO2-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts um 50 Prozent reduziert werden. "Kyoto war Wortakrobatik. Kanada hat das nun offensiv dokumentiert."

Autorin: Johanna Schmeller
Redaktion: Friederike Schulz

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