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Wissen & Umwelt

Warum können Seehunde im Trüben fischen?

In Rostock ist Europas größtes Zentrum für Robbenforschung eröffnet worden. Hier können Seehunde live beobachtet werden. "So machen wir die Forschung einsehbar!", sagt Guido Dehnhardt im Gespräch mit DW-Wissenschaft.

Seehund (Foto: AP)

Kulleraugen und perfektes Kindchenschema: Und das soll ein Raubtier sein?

DW-WORLD.DE: Herr Dehnhardt, auf dem Foto schwimmen Sie mit einem Seehund- welche Ihrer neun Robben ist denn das?

Guido Dehnhardt, Leiter Marine Science Center: Das ist Malte.

Ihr Lieblings-Seehund?

Nein (lacht), ich hab keinen Lieblingsseehund. Einen mag ich vielleicht besonders gern, weil ich ihn am längsten habe, das ist Henry. Aber eigentlich sind mir alle Tiere gleich lieb.

Prof. Guido Dehnhardt mit Seehund (Foto: Marine Science Center)

Prof. Guido Dehnhardt. Seit mehr als zehn Jahren untersucht der Zoologe die Orientierungsmechanismen von Meeressäugetieren

Wie kann man sich die neue Robben-Forschungsstation, das Marine Science Center, in Rostock-Warnemünde vorstellen?

Das ist eine schwimmende Freiwasseranlage im Yachthafen "Hohe Düne" mit einem großen Forschungsschiff, das aber stationär im Hafen liegt. Die Tiere werden dabei in einem abgetrennten Bereich der Ostsee gehalten. Das Besondere hier ist, dass die Forschung für die Öffentlichkeit einsehbar ist. Das heißt, man kann als Besucher zu uns kommen und Robbenforschung live erleben und dabei sein, wenn die Tiere ihre Experimente absolvieren.

Und wenn wir wollen, können mit unseren trainierten Seehunden auch aus dieser Anlage herausfahren, auf die offenen See und dort – unter Echtbedingungen - Experimente durchführen, die wir sonst unter Laborbedingungen, in einem künstlichen Becken, machen müssten.

Robben-Freiwasseranlage (Foto: Marine Science Center)

Die Robben-Freiwasseranlage ist 60 mal 30 Meter groß und fünf Meter tief (gelbes Kreuz). Als eigentliche Forschungsstation dient ein ehemaliges Flussschiff

Büxen die Tiere bei diesen Ausflügen manchmal aus?

Ja, abhauen ist so ne Sache... das passiert schon mal. Aber in der Regel nur dann, wenn sich das Tier vor irgendetwas stark erschreckt hat. In der Regel ist es so, dass die Tiere gerne wieder nach Hause schwimmen. Denn die Forschungsanlage ist ja kein Gefängnis sondern letztendlich ihr Zuhause, in das sie gerne zurückkommen.

Was erforschen sie mit den Seehunden?

Wir arbeiten schon seit vielen Jahren an der Orientierung von Meeressäugern. Das heißt, wir wollen wissen, wie diese Tiere ihren Weg draußen im Meer finden, oft ja in der Dunkelheit oder in trüben Gewässern. Dazu untersuchen wir die Sinnensysteme dieser Tiere, aber auch deren Informationsverarbeitung. Wir schauen, wie die Tiere natürliche Umweltinformationen wahrnehmen und verarbeiten, um sich im Meer perfekt orientieren zu können.

Und wie tun die Tiere das?

Zum Beispiel mit ihren Barthaaren. Das ist der Tastsinn der Robben. Und um herauszubekommen, wie der funktioniert, setzen wir den Tieren auch schon mal Augenklappen oder Augenmasken auf. Dann müssen sie sich blind orientieren und ohne etwas zu sehen zum Beispiel einem kleinen U-Boot in der Anlage hinterher schwimmen. Nur mit Hilfe der Barthaare.

Seehund mit Forschern (Foto: Marine Science Center)

Der Seehund (Phoca vitulina) gehört zu den Robben. An den Küsten der Nordsee ist er allgegenwärtig, an der Ostsee dagegen extrem selten

Und wozu das Ganze?

Wir verfolgen einen bionischen Ansatz.

(Anm. d. Red. Das Wort Bionik setzt sich aus den Begriffen Biologie und Technik zusammen. Bioniker versuchen, "Erfindungen" der Natur technisch umsetzen.)

Wir gehen der Frage nach, was wir von diesen sensorischen Spezialisierungen der Robben lernen können. Und wie wir uns von den besonderen Fähigkeiten und Leistungen, die damit verbunden sind, inspirieren lassen können, um letztendlich vielleicht zu einer technischen Anwendung zu kommen.

Momentan arbeiten wir intensiv mit Strömungsmechanikern und Ingenieuren aus Rostock zusammen. Anhand der Barthaare der Robben wollen wir einen raffinierten Wasserbewegungs-Sensor entwickeln, der in der Lage ist, aus der schnellen Eigenbewegung heraus noch ganz, ganz feine Wasserbewegungen aufzunehmen und vermessen zu können.

Das heißt, Sie wollen Unterwasser-Roboter schlauer machen?

Genau. Denn wenn wir solche Wasserbewegungs-Sensoren auf sogenannte autonome Unterwasserfahrzeuge (AUVs) anbringen könnten, müssten diese nicht mehr programmiert werden, um in bestimmte Richtungen zu fahren. Sie wären dann in der Lage, bestimmte Umweltinformationen aufzunehmen und selbständig ihren Weg durchs Meer finden.

Das Interview führte Ulrike Wolpers

Redaktion: Judith Hartl

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