1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Warum ist Greenpeace so erfolgreich?

Der 15. September 1971 gilt als Geburtsstunde von Greenpeace - wir haben mit dem Soziologen Prof. Dieter Rucht über die Rolle der Umweltorganisation in Deutschland gesprochen.

Das Greenpeace-Schiff 'Artic Sunrise' (Foto: Greenpeace Deutschland)

DW-WORLD.DE: 40 Jahre nach der Geburtsstunde ist Greenpeace weltweit die vielleicht bekannteste und einflussreichste Umweltschutzorganisation. Die deutsche Sektion kann auf eine besonders hohe Unterstützerzahl und einen stetigen warmen Spendensegen aus der Bevölkerung bauen; zum Jubiläum gibt es freundliche Geburtstagsgrüße vom nahezu vollständigen Spektrum der offiziellen Politik. Herr Prof. Rucht, warum ist Greenpeace – auch im Vergleich zu anderen Nichtregierungsorganisationen – in Deutschland so überaus beliebt?

Prof. Dieter Rucht: Greenpeace hat sich einfach durch seine Aktionen einen Markennamen geschaffen, das gilt natürlich weltweit. Es liegt auch daran, dass Greenpeace häufig als alleiniger Akteur, also weniger im Verbund mit anderen Umweltorganisationen, auftritt und sich damit natürlich auch besser und profilierter platzieren kann. Nun ist es so, dass Greenpeace Deutschland in der Tat weltweit am stärksten ist und am meisten Unterstützer hat, auch am meisten Geld einnimmt. Das liegt in dem Fall daran, dass die Umweltbewegung hierzulande eine starke und aktive ist und deswegen auch der Rückfluss, also die Resonanz, größer ausfällt als in anderen Ländern. Wenn man allerdings die Bevölkerungsgröße in Rechnung stellt, dann ist Greenpeace Deutschland nicht unbedingt ganz an der Spitze, dann rangieren auch kleinere Länder wie Holland oder die Schweiz ganz weit vorn, ich glaube, dass sie relativ gesehen stärker sind als die deutsche Sektion.

Das Markenzeichen von Greenpeace sind ja möglichst spektakuläre Aktionen, die für Medienwirbel sorgen – hat das in Deutschland die Form der politischen Mobilisierung nachhaltig beeinflusst oder verändert; ist die Protestbewegung attraktiver geworden als die Parteipolitik?

Prof. Dr. Dieter Rucht (Foto: David Ausserhofer)

Prof. Dr. Dieter Rucht

Ich glaube nicht, denn es ist ja insgesamt so, dass sich diese Form spektakulärer und medialer, für die Medien inszenierter Aktionen so ein bisschen abgenutzt hat. Das heißt, diese Bilder der Schlauchboote, die da vor Tankern rumkutschieren, die Aktivisten, die auf Schornsteine klettern und da ein Transparent runterhängen, das hat man allzu oft gesehen, das haben auch andere Organisationen, etwa Robin Wood - eine Abspaltung von Greenpeace aus dem Jahr 1982 -, mit übernommen, und deshalb ist diese Aktionsform eigentlich gar nicht mehr so dominant. Sie war es sicherlich in den 80er und 90er Jahren.

Kritiker werfen Greenpeace ja zuweilen vor, eine "Werbeagentur mit angeschlossener Stuntman-Abteilung" zu sein – soll heißen: Der Effekt und die professionelle Vermarktung haben den Vorrang vor Inhalten – können Sie das nachvollziehen?

Teilweise ja. Greenpeace macht sicher ökologisch sinnvolle Aktivitäten, wo es um relevante Probleme geht, zum Teil aber hat sich Greenpeace insbesondere in der Vergangenheit auch auf ökologischen Nebenschauplätzen getummelt, etwa das Erschlagen von Robbenbabys; das erzeugt natürlich viel Mitleid und damit auch einen hohen Spendenfluss, ist aber ökologisch eher ein Randproblem.

Wenn ich in einer industrialisierten Gesellschaft als Spender Greenpeace unterstütze, ist das dann konkrete politische Teilhabe – oder vielleicht eher ein gewisser Ablasshandel mit einem diffusen ökologischen Schuldgefühl?

Ja, es hängt von den einzelnen Personen ab. Es kann durchaus den Charakter des Ablasshandels oder des Scheckbuch-Aktivismus haben - also, man delegiert praktisch per Geld den Aktivismus an andere Personen. Aber man darf nicht vergessen, Greenpeace hat ja auch ehrenamtliche Mitarbeiter, laut eigenen Angaben sind es etwa 3800, und Greenpeace hat in Deutschland ungefähr 80 Regionalgruppen, das sind dann Menschen, die nicht nur Geldbeträge spenden, sondern auch mehr oder weniger aktiv sind. Aber gemessen an der Gesamtzahl der Unterstützer, der zahlenden in der Größenordnung von 560.000, ist das natürlich eine verschwindend kleine Menge.

Wie groß kann die politische Macht von NGOs in einer Demokratie sein, wie groß ist die politische Macht von Greenpeace heute – und ist Greenpeace eigentlich selbst "demokratisch"?

Die Macht kann in Einzelfällen schon groß sein, also insbesondere dann, wenn sich mehrere NGOs oder soziale Bewegungen zusammentun und eine wirklich medienträchtige und aktionsstarke, beteiligungsstarke Kampagne auf die Beine bringen. Das war der Fall etwa beim Atomthema in der Bundesrepublik im letzten Jahr. Als einzelne Organisationen sind sie in der Regel nicht sehr stark, das heißt, gelegentlich wird ihr Rat gefragt, gelegentlich wird über Einzelaktionen berichtet. Aber der Druck entsteht vor allem dann, wenn sich Massen von Menschen für eine Sache engagieren, und wenn sich diese Sache auswirkt auf die öffentliche Meinung, wenn also viele Leute zustimmen und insbesondere dann, wenn diese Zustimmung sich dann auch wahlpolitisch auszudrücken droht, sprich, wenn also Regierende davon bedroht sind, dass sie ihre Posten bei der nächsten Wahl verlieren.

Die Organisation von Greenpeace selbst ist ja relativ "straff"…

Ja, man kann das durchaus als straffe und zentralisierte, manche sagen auch autoritäre Organisation bezeichnen, Greenpeace hat dazu in der Vergangenheit auch offensiv und selbstbewusst Stellung genommen, es gab etwa die Aussage, "wir sind keine demokratische Organisation, das muss auch so sein, das ist wie auf einem Schiff, wo es nur einen Kapitän geben kann, der sagt, wo es langgeht". Das hat aber auch intern über die Jahre hinweg zu Unmut geführt, und es gab leichte Demokratisierungstendenzen, ich unterstreiche noch mal das Wort "leicht" – denn es ist immer noch so, dass insgesamt nur 40 Mitglieder in Deutschland das Gesamtgeschehen von Greenpeace bestimmen. Und gemessen an der Zahl von 560.000 Förderern ist das natürlich nur eine verschwindende Minderheit.

Angesichts der veränderten Parteienlandschaft in Deutschland – wie geht es weiter mit Greenpeace, wie mit anderen NGOs?

Ich glaube, Greenpeace Deutschland - das ja immer noch leicht wächst, gemessen am Spendenfluss, gemessen an der Zahl der Unterstützer - hat im Grunde in den letzten Jahren eher eine Tendenz der Stagnation erlebt. Das wird zum Teil auch selbst intern diskutiert, ich war selbst auch in der Greenpeace-Zentrale und habe es mit den Leuten da diskutiert. Und ich glaube und fürchte, dass es da keinen durchschlagenden Ausweg gibt, das heißt, es gibt nicht die geniale Strategie, die jetzt Greenpeace noch einmal zusätzlich stark machen würde. Was sich insgesamt verändert hat, ist, dass die Bürgerschaft - organisiert oder unorganisiert - selbstbewusster geworden ist, sich mehr und mehr auch an Straßendemonstrationen und anderen Formen des Widerstands, des Protestes beteiligt, bis zu Aktionen des zivilen Ungehorsams.

Das heißt, das Vorbild von Greenpeace-Aktionen hat eine breitere Fortsetzung gefunden?

Ich würde nicht mal sagen, dass Greenpeace hier für viele als Vorbild gewirkt hat, es hat diesen an vielen Stellen deutlich ausmachbaren Trend verstärkt. Aber es war nicht so, als hätte Greenpeace diese Form zivilen Ungehorsams erfunden - da gibt es ja eine lange Kette, die über Gandhi bis nach Südafrika, also Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreicht.

Das Interview führte Michael Gessat
Redaktion: Sabine Faber

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dieter Rucht war langjähriger Leiter der Forschungsgruppe "Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema