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Kultur

Warum immer die alten Geschichten zu Weihnachten?

Kurz nach Weihnachten wirken die Geschichten aus der Bibel nicht mehr ganz so überzeugend. Warum soll man sich überhaupt noch mit ihnen beschäftigen? Das fragt sich Lucie Panzer für die evangelische Kirche.

Eine Bibel aus dem 15. Jahrhundert im Gutenberg-Museum in Mainz, aufgenommen am 12.09.2005. Foto: Mauri Rautkari +++(c) dpa - Report+++ dpa 7919017

Gutenberg Museum in Mainz

„Sie scheinen doch eigentlich ganz vernünftig“, hat mir kurz vor Weihnachten ein Mann geschrieben, „warum bloß kommen Sie immer mit diesen Geschichten aus der Bibel? Die sind doch aus einer ganz anderen Welt. Haben Sie denn keine eigenen Erfahrungen, die Sie weitergeben können?“

Ja, warum diese biblischen Geschichten, immer noch, am Anfang des 21. Jahrhunderts? Ehrlich gesagt, gerade in dieser Zeit, gerade erst vier Wochen nach Weihnachten, da verstehe ich die Frage ganz gut.

Die Weihnachtszeit war voller Geschichten, in jedem Gottesdienst wurden sie vorgelesen: von Maria und Josef und ihrem Weg nach Jerusalem, von Engeln und Hirten, von den Heiligen Drei Königen und vom bösen König, der kleine Kinder ermorden ließ. Zugegeben, ich höre sie jedes Jahr gern, diese Geschichten. Sie gehören zur Weihnachtszeit dazu, immer noch. Aber heute, mit dem Abstand von vier Wochen, wenn die Kerzen ausgeblasen sind und wieder die Glühbirnen und Neonlichter jeden Winkel ausleuchten und den Geschichten ihren Zauber nehmen – da verstehe ich die Frage ganz gut: Warum sollten die biblischen Geschichten einem mehr sagen als zum Beispiel die Legende vom Weihnachtsmann, der durch den Schornstein kommt und die Geschenke bringt oder die Märchen von Rumpelstilzchen, Frau Holle oder den Sieben Geißlein, die schließlich auch zu Weihnachten erzählt werden?

Entscheidend ist die Wirkung der Geschichten
Es ist ja wahr und kein vernünftiger Mensch wird das leugnen: Gerade bei den biblischen Geschichten für die Weihnachtszeit weiß man nicht so genau, was wirklich passiert ist und wie das damals war. In der Bibel aufgeschrieben ist das, was Menschen gehört, gesehen, erfahren und geglaubt haben. Und in den meisten Geschichten ist das zusammen geflossen, was viele Menschen erfahren und was sie davon erzählt haben. Nicht das Ereignis selber wird da erzählt – sondern seine Ausstrahlung auf die Menschen.

Zum Beispiel, dass die Leute in dem Menschen Jesus Gott erkannt haben und was sie dann von seiner Geburt erzählt haben: Dass er in einem Stall geboren wurde. Dass ein paar Hirten, die damals als Asoziale galten, begriffen haben: Gott ist bei uns zur Welt gekommen. Er will uns nah sein. Er ist nicht nur für die Reichen da, für die Starken und für die Angesehenen. Oder dass ein paar weise Männer einen neugeborenen König suchen und schließlich in ärmlichen Verhältnissen Gott finden.

Das sind Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Sie haben begriffen, wie und wo Gott sich zeigt. Dass man ihn nicht in den Palästen suchen muss. Auch nicht in den Palästen der Kirche. Dass man ihn da finden kann, wo Menschen einander beistehen. Da, wo ein Mann zum Vater wird, auch wenn das Kind gar nicht seines ist. Da, wo Menschen ihr armseliges Leben miteinander aushalten und versuchen, es einander leichter zu machen.

Gott verändert die Menschen
Dass Gott Menschen verändert, die ihm begegnen, auch dass wird in diesen Geschichten erzählt: Aus solchen, die verbittert und rau am Rande der Gesellschaft leben, können lebensfrohe Menschen werden. Die Hirten lobten Gott, heißt es, weil er sie nicht im Stich lässt. Das hat sie verändert, da bin ich sicher. Und weise Männer, die etwas ganz Besonderes, etwas Sensationelles gesucht haben, die haben begriffen, was wirklich zählt: Ein Kind. In ihm erkennen sie Gott. Ich denke mir, dass sie sich danach mehr um die Kinder gekümmert haben als um ihre Bücher und ihren wissenschaftlichen Ruhm. Und ich finde: Es ist egal, ob diese Geschichten wirklich ganz genau so passiert ist oder ein bisschen anders. Wahr sind sie trotzdem, die Geschichten.

Und sie regen mein Denken an und nähren mein Vertrauen. Die Erfahrungen der Menschen von damals öffnen mir die Augen: So kann es also sein. So kann man Gott begegnen – auch heute noch.

Ob ich denn keine eigenen Erfahrungen habe? Ob ich von Gott nicht auch aus eigener Erfahrung reden kann? Doch, inzwischen kann ich wohl sagen: Ich habe auch eigene Erfahrungen. Ich bin ja alt genug. Aber ob ich mir da nicht was einbilde? Mir etwas vormache, mir Gott und meinen Glauben so zurechtbiege, wie ich ihn gerade brauche? Die Erfahrungen so deute und umdeute, wie es mir gerade in den Kram und zu meiner Stimmung passt? Da helfen mir die biblischen Geschichten. Sie helfen mir, meine eigenen Erfahrungen im Licht Gottes zu verstehen. Ich glaube, ich werde auch 2013 mit diesen biblischen Geschichten versuchen, mein Leben zu verstehen. Bisher habe ich nämlich gute Erfahrungen damit gemacht.

Die evangelische Pfarrerin Lucie Panzer

Die evangelische Pfarrerin Lucie Panzer

Lucie Panzer(geb. 1955 in Stadtoldendorf, Weserbergland) ist Pfarrerin der württembergischen Landeskirche im Landespfarramt für Rundfunk und Fernsehen. Sie studierte evangelische Theologie in Bethel, Göttingen und Tübingen. Nach vier Jahren als Vikarin und Pfarrvikarin an der Stiftskirche in Tübingen folgte eine neunjährige Familienpause. Ab 1995 ist sie Rundfunkbeauftragte der württembergischen Landeskirche zunächst für den Südwestfunk, ab 1998 für den Südwestrundfunk. Lucie Panzer hat seit 2008 einen Lehrauftrag für Homiletik an der Universität Tübingen. Sie hat vier erwachsene Kinder und lebt in Stuttgart.

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