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Kultur

Warum ich die Trauerfeier für Prinzessin Diana nicht gesehen habe

Der Tod von Diana ist den Briten so präsent wie der 11. September 2001 oder das London-Attentat 2005. Für Abigail Frymann Rouch hatte er Einfluss auf ihren 21. Geburtstag - und die Trauer um ihre eigene Mutter.

Ich lag im Bett und kam langsam zu mir, als der Stiefvater meines Freundes auf einmal vor mir stand. Was er sagte, ergab keinen Sinn. Prinzessin Diana wurde getötet? Ein Unfall? Sie war doch erst 36.

Das war 1997, es waren die letzten Tage, bevor es die 24-Stunden-Berichterstattung und Nachrichten-Websites geben sollte. Wir schalteten also den Fernseher ein, doch nach einer Weile fuhr ich nach Hause: Ich hatte dringendere Probleme.

Mein Vater und meine Stiefmutter standen kurz davor auszuwandern, und mein Verlustgefühl fokussierte sich auf sie und die Familie. Die Neuigkeiten der Leute und die Massen an niedergelegten Blumen wirbelten um mich herum, aber ich blendete das alles aus.

Ich habe nicht überlegt, mich den Menschenmassen vor dem royalen Buckingham Palast anzuschließen, obwohl ich nur 15 Kilometer entfernt wohnte. Ich musste beim Packen helfen und entscheiden, welche Kartons ich für mein letztes Jahr an der Universität brauchen würde.

Schlechter Zeitpunkt für eine Beerdigung

Die Trauer, die unsere Nation so verschlang, störte meine Vorbereitungen. Die Feier zu meinem 21. Geburtstag war für den 6. September geplant, einen Samstag. Mein Vater und meine Stiefmutter würden dann schon im Ausland sein, deshalb hatte ein Freund angeboten, die Feier bei ihm stattfinden zu lassen. Ein weiterer Freund hatte sich aus Wales angekündigt.

Gedenkort vor dem Buckingham Palast nach dem Unfall von Prinzessin Diana 1997 (Carl De Souza/AFP/Getty Images)

Ein Land unter Schock: ein Meer von Blumen in Gedenken an die verunglückte Prinzessin Diana

Dann wurde der 6. September als Tag von Dianas öffentlicher Trauerfeier bekannt gegeben. Jemand fragte mich, ob ich meine Feier absagen wollte. Ich war verwirrt - meine Feier sollte mich doch inmitten meines eigenen Verlustes aufheitern. Ganz London würde stillstehen, aber Freunde waren dazu fähig, mich das ausblenden zu lassen.

Ich gehörte also nicht zu den 32,1 Millionen Menschen allein in Großbritannien, die die Trauerfeier am Fernseher verfolgten.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum ersten Mal Ausschnitte von der Trauerfeier sah, aber ich habe noch das Bild der beiden jungen Prinzen William und Harry vor Augen, die sich hinter dem mit einer Flagge umhüllten Sarg ihrer Mutter herschleppten: ausdruckslos, verloren, beobachtet von Tausenden am Straßenrand und - über die Fernsehkameras - Millionen weiterer Zuschauer am Bildschirm.

Prinz Harry gab im Juni 2017 erstmals Einblick in seine damalige Gefühlswelt: "Ich denke, kein Kind sollte das durchleben müssen."

Der Verlust der Mutter

Meine gespaltenen Gefühle waren kein Resultat von Gleichgültigkeit. Als Kind fand ich das Gerücht so traurig, Diana hätte sich selbst eine Treppe hinuntergestürzt. Ich bewunderte sie dafür, ihre Handschuhe im Auto liegen zu lassen, als sie ein AIDS-Hospiz in London besuchte - ein starkes Zeichen in den 1980er Jahren. Als heranwachsendes Mädchen interessierte ich mich nicht für den Stil von Lady Di, ihr glühendes Liebesleben oder die Distanz zu ihren angeheirateten Familienmitgliedern.

Lady Diana inmittten von Fotografen (picture-alliance/dpa/J. Fraser)

Objekt der medialen Begierde: Diana umringt von einer Fotografenmeute (1996)

Plötzlich fand die Trauer ihres Sohnes ihren Nachhall in meinem eigenen Leben: Meine Mutter war durch einen Unfall gestorben, als ich 15 war, das gleiche Alter, in dem William 1997 gewesen ist. Ich sperrte die öffentliche Trauer aus, ich hatte genug Leid erfahren und kannte die Aufmerksamkeit, die einen zu frühen Tod begleitet. Die Prinzen hatten es nicht nötig, auch noch von mir begafft zu werden.

Wie sich die Monarchie veränderte

Was hat sich in den zurückliegenden 20 Jahren seitdem verändert? Die Selbstregulierung der Medien hat sich verschärft, die Verwendung von Paparazzi-Fotos - sie waren anfangs für den Autounfall verantwortlich gemacht worden - wurde eingeschränkt.

Mit William und Kate erfreut sich die Öffentlichkeit an einem jungen royalen Paar, das so gelassen miteinander umgeht, wie es Charles und Diana niemals getan hatten. Die Zuversicht des New-Labour-Großbritanniens mit seinem talentierten jungen Anführer, der Diana nach ihrem Tod als Prinzessin des Volkes ehrte, ist dagegen verflogen: Tony Blair bezahlt noch immer für den Irak-Krieg und die Nation zerfleischt sich über den Brexit selbst.

Währenddessen hat sich die Queen neu erfunden: von der ruhigen Stoikerin hin zu einer würdevollen Deuterin der nationalen Stimmung. War sie einst dafür kritisiert worden, unmittelbar nach Dianas Tod in Schottland geblieben zu sein, sagte sie einige Jahre später: "Leid ist der Preis, den wir für Liebe zahlen." Ihre Weihnachtsansprachen und Reden wirken heute geradezu pastoral.

Prinz Harry trägt derweil sein Herz auf der Zunge. In verschiedenen Interviews gab er in diesem Jahr Einblicke in die schwierige Verarbeitung seiner Trauer, die durch die unklaren Umstände des Todes seiner Mutter und den Bekanntheitsgrad seiner Familie noch erschwert wurde.

Prinz William und Harry auf dem Weg zur Hochzeit von Pippa (picture-alliance/AP Photo/K. Wigglesworth)

Immer im Zentrum der Öffentlichkeit: die beiden Brüder Prinz William (li) und Prinz Harry

Ein künftiger König zeigt keine Schwäche

Manche Kommentatoren waren der Meinung, Harry teile seine Gefühle zu offenherzig mit, dabei war er Teil einer Kampagne, die das Bewusstsein für mentale Erkrankungen stärken soll. Es fällt auf, dass William sich in diesen Fragen zurückgehalten hat, wahrscheinlich weil selbst die modernen Royals den Eindruck vermeiden wollen, der künftige König könne Schwächen haben.

William und Harry arbeiten hart daran, den Eindruck der Öffentlichkeit auf die fürsorgende Mutter zu richten statt auf die unstete Liebhaberin. Als William Kate den Verlobungsring seiner Mutter gab, untermauerte diese Geste, dass Diana ihre Söhne nie verlassen hat.

Als die Herzogin von Cornwall vergangenen Monat ihren 70. Geburtstag feierte, bejubelte die konservative Presse sie als "Königin Camilla" und meinte, sie wäre würdig, diesen Titel zu tragen, wenn Charles König werde. Umfragen und Leserbriefe legen allerdings nahe, dass die öffentliche Unterstützung für das Paar nachlässt. Das Scheitern von Charles' erster Ehe und Dianas zahlreiche Aussagen darüber haben einen langen Schatten hinterlassen.

Nur die Zeit kann zeigen, ob die Nation in ihrem Herzen einerseits Platz für Charles als König haben und andererseits ihre Zuneigung für Diana am Leben halten kann. Bis dahin lebt in der reformierten, menschlicheren Monarchie und in den Worten und Gesten ihrer Söhne ein sorgsam gezeichnetes Vermächtnis der Frau weiter, die einmal ihre Handschuhe in einem Auto hat liegen lassen.

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