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Kultur

Warum heißen plötzlich alle Leon?

Früher orientierten sich Eltern bei der Namenswahl an Religion oder Tradition, heute sollen Namen möglichst individuell sein. Namensforscher zeigen: Mit der Gesellschaft wandeln sich auch die Vornamen.

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Spielende Kinder: Bestimmt ist ein Max oder eine Marie dabei

Gerhard Müller ist eine Art Detektiv. Sein aktueller Auftrag lautet: Finden Sie Tuana! Also macht er sich auf die Suche - im Internet. Er muss Belege dafür sammeln, dass Tuana irgendwo auf der Welt ein gängiger Vorname ist.

Seine Auftraggeber sind bundesdeutsche Standesämter, die von der "Gesellschaft für deutsche Sprache" - Müllers Arbeitsgeber - Gutachten über die "Eintragungsfähigkeit" exotischer Vornamen einfordern. Aber auch Eltern mit ausgefallenen Vorstellungen darüber, wie ihr Nachwuchs heißen soll, rufen bei Müller an. Im Fall Tuana kann er grünes Licht geben, er hat ausreichend Indizien dafür finden können, dass sich dahinter ein weiblicher Vorname verbirgt. Demnächst wird also irgendwo in Deutschland eine kleine, staatlich abgesegnete Tuana das Licht der Welt erblicken.

Maximilian und Marie liegen vorne

Kindergeburtstag

Die Siebziger: Kein Kindergeburtstag ohne Christian oder Christine

Seit Ende der 1970er-Jahre führen die Wiesbadener Sprachforscher Buch über die beliebtesten Vornamen der Deutschen. Damals, 1978, führten übrigens Christine und Christian die Namenshitliste an. "Anders als in Finnland oder Österreich", erklärt Müller, "gibt es in Deutschland keine zentrale amtliche Erfassung von Vornamen." Daher hat sich die "Gesellschaft für deutsche Sprache" dieser Aufgabe angenommen.

Mittlerweile melden jährlich über 150 Standesämter der Republik die jeweils beliebtesten Vornamen. In den letzten Jahren lieferten sie fast immer das gleiche: Wie in den Vorjahren zählen bei den Jungs Maximilan, Alexander und Paul zu den beliebtesten Namen des Jahres 2004, bei den Mädchen liegen weiterhin Marie, Sophie und Maria im Trend.

Vornamen als Spiegel der Gesellschaft

Die Beliebtheit von Namen kann man zwar nicht immer im Einzelfall erklären", sagt Jürgen Gerhards. "Aber es lassen sich eindeutige Muster bei der Vergabe von Vornamen erkennen." Auch Gerhards beschäftigt sich von Berufs wegen mit Deutschlands Vornamen. Der Berliner Soziologe hat die Daten der Einwohnermeldebehörden von zwei deutschen Gemeinden, Gerolstein und Grimma, von 1894 bis 1994 untersucht. Sein Befund: Die scheinbar so private Entscheidung für einen Kindsnamen hat vor allem soziale Hintergründe. Die Phänomene Individualisierung, Globalisierung und Säkularisierung schlagen sich auch in den Vornamen einer Gesellschaft nieder.

Gemälde von der Verkündigung Mariä

Heilige dienten früher als Namensgeber

Früher spielten religiöse Bindungen bei der Namenswahl eine entscheidende Rolle, erklärt Gerhards: "Doch mit der Säkularisierung nahm auch die Beliebtheit von christlichen Namen ab." Im Verlauf der 100 von Gerhards untersuchten Jahre ist ihr Anteil von 50 auf 32 Prozent gesunken. "Wenn Eltern heute ihr Kind Martin oder Lukas nennen, dann kaum noch aus religiösen Gründen", so Gerhards. Und trotzdem stehen selbst bei Atheisten Namen wie Jonas, David, Katharina und Johanna hoch im Kurs.

Schön muss er sein

Für den Sprachforscher Gerhard Müller erklärt sich das mit Geschmacksmoden. Aus zahlreichen Beratungsgesprächen mit angehenden Eltern weiß er, dass letztlich der Klang eines Namens entscheidet. "Der Name muss in erster Linie schön klingen." Mit den Namen ist es also wie mit der Musik oder der Mode. Der eine schwört auf Eminem und Baggy Pants, der andere auf 12-Ton-Musik und Rollkragenpullis. Und so wie Moden wiederkehren können, wollen die Namensexperten nicht ausschließen, dass längst vergessene Namen ein Revival erleben werden.

Dass der gute Geschmack aber keine Naturgabe ist, weiß der Soziologe Gerhards. Je nach Schichtzugehörigkeit variieren auch die modischen Vorlieben. "Die bildungsbürgerliche Oberschicht will sich beispielsweise vom Massengeschmack abgrenzen", erklärt Gerhards. "Distinktionsbedürfnis" heißt der Wunsch nach Abgrenzung im Soziologenjargon. "Das gilt vor allem in dicht besiedelten Räumen, dort wechseln die Modenamen auch schneller." Also wird man in Großstädten eher exotische Namen finden als in der Provinz.

Von Ober- und Unterschichtennamen

Schwangere

Werdende Mutter: Steckt da schon wieder ein Leon drin?

Der Wunsch nach Individualität bringt freilich auch Probleme mit sich. Der Name soll hübsch exotisch sein, aber bitte nicht so, dass das Kind damit unangenehm auffällt oder am Ende gar gehänselt wird. Viel schlimmer jedoch: Die breite Masse orientiert sich gerne an den Gewohnheiten der nach Exklusivität strebenden Elite. Deshalb gibt es heute so viele Leons. Gerhards meint, dass die Akademiker diesen Namen vor gut zehn Jahren für sich entdeckt haben und er mittlerweile erfolgreich "diffundiert" ist, sich also ausgebreitet hat. Dem einstigen Distinktionsmittel der Oberschicht droht ein Schicksal als massenhaft verbreiteter Unterschichtenname.

Nach dieser Logik wächst die Zahl der Vornamen im Deutschen stetig, obwohl die Deutschen immer weniger Kinder bekommen. So unterschieden sich 1894 38 Prozent der Vornamen voneinander, 100 Jahre später waren es schon 81 Prozent. "Die große Namensvermehrung hat mit der Gründung der Bundesrepublik angefangen", erklärt Gerhards. Die kulturelle Öffnung des Landes zeigte den Deutschen, dass die Kinderzimmer nicht nur mit Heinrichs und Helgas gefüllt werden können.

Marcus ja, Mohammed nein

Die seither neu hinzugekommenen Namen lassen sich recht genau nach Kulturkreisen klassifizieren. "Vor allem angloamerikanische und romanische Namen wie Tom, Marcus oder Marina wurden eingespeist", so Gerhards, der daher lieber von einer Okzidentalisierung denn von einer Globalisierung des Namenssektors redet. Dagegen haben etwa die türkischen Einwanderer das Taufverhalten der Deutschen überhaupt nicht verändert. "Das liegt an der Reputation von Kulturkreisen", erklärt Gerhards. Von Kulturen, die einen schlechten Ruf genießen, wollen sich die Deutschen lieber nicht inspirieren lassen.

Und warum gab es in der DDR so auffallend viele Nancys und Ronnys? Sehnsucht nach einem gewissen US-amerikanischen Präsidentenpaar? "Das lässt sich nicht so einfach nachweisen", so Gerhards. "Nancy und Ronny sind zwar typisch ostdeutsche Namen. Aber sie bilden eine Ausnahme", erklärt der Soziologe. Zumindest auf diesem Gebiet gibt es zwischen West- und Ostdeutschland kaum nennenswerte Unterschiede. "Die DDR war komplett west-orientiert. Zum Teil sogar stärker als Westdeutschland."

Kein Benedikt-Boom

Papst Benedikt Amtseinführung

Löst dieser Mann einen Benedikt-Boom aus?

Dass es eine Renaissance der Namen Josef und Benedikt geben werde, weil Deutschland nun Papst ist, glaubt Gehards dagegen nicht. "Wir erleben derzeit keine Rückkehr des Religiösen, nur weil ein Deutscher auf dem Heiligen Stuhl sitzt und die Medien so ausführlich darüber berichtet haben", sagt er. Das Religiöse hat als Orientierung vorerst ausgedient, meint Gerhards, der mutmaßt: "Wenn die Eltern eines Martins von dem religiösen Ursprung des Namens wüssten, würden sie ihn womöglich noch umbenennen."

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