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Ostmitteleuropa

Warum Erinnerungen an den August 1968 für Tschechen und Slowaken wichtig sind

- Zum 34. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings

Köln, 21.8.2002, MLADA FRONTA DNES, RADIO PRAG, RADIO SLOWAKEI

MLADA FRONTA DNES, 20.8.2002, tschech.

(...) Der 21. August 1968 ist ein Datum, das man nicht vergisst. Der Einmarsch der "brüderlichen" Warschauer-Pakt-Staaten (Sowjetunion, Polen, Ungarn, Bulgarien, DDR – MD) bedeutete nämlich für alle, die die sowjetische Besatzung erlebt hatten, eine historische Zäsur. Am 21. August 1968 fand der Versuch einer Demokratisierung des totalitären Regimes über Nacht ein gewaltsames Ende. (...)

In den Morgenstunden des damaligen hässlichen Mittwochs stand die Mehrheit von uns zwar unter einem Schock, aber im Prinzip war alles einfach. Auf der einen Seite die Panzer, auf der anderen wir, fast 15 Millionen Tschechen und Slowaken, die zu ihrer Regierung unter Alexander Dubcek standen. (...)

Danach hat sich in nur einem Jahr vieles geändert. Um so mehr sollten wir uns deswegen an den 21. August 1969 erinnern. Erneut Tausende Menschen auf den Straßen, Demonstrationen für die Fortsetzung der Reformpolitik, für die Demokratisierung des öffentlichen Lebens, für Meinungsfreiheit und gegen die inzwischen wieder eingeführte Zensur.

Im Gegensatz zum August 1968 standen diesmal auf der anderen Seite der Barrikaden jedoch nicht mehr die Warschauer-Pakt-Soldaten, sondern "unsere" eigenen Sicherheitskräfte, "unsere" Polizei- und Milizeinheiten. Diesmal (im August 1969 – MD) standen also Tschechen gegen Tschechen, die vor einem Jahr vielleicht noch zusammen den sowjetischen Besatzern die Fäuste zeigten (...)

In der Tschechoslowakei begann die "Normalisierung". In diesem Augenblick hat sich definitiv bestätigt, dass der Kommunismus nicht reformierbar ist. Die Einheit der tschechoslowakischen Bürger vom August 1968 wurde zerschlagen. Hunderttausende von Menschen, ihre Familien sowie ihre erst später geborenen Kinder mussten die Konsequenzen aus der Niederschlagung des Pragers Frühlings tragen.

Jetzt lernen wir (...) inzwischen schon im zweiten Jahrzehnt, wie man in einer Demokratie lebt. Vieles hat sich für uns alle verändert. Die Ereignisse vom August 1968 und vielleicht noch mehr die vom August 1969 erinnern uns jedoch immer aufs Neue daran, dass Demokratie und Freiheit Werte sind, die man nie für ganz selbstverständlich halten darf. (ykk)

RADIO PRAG, 21.8.2002, deutsch, Jitka Mladkova

Zum 34. Mal jährt sich an diesem Mittwoch das Ereignis, das für immer in die Geschichte der nicht mehr existierenden Tschechoslowakei und somit auch in die der Nachfolgestaaten - der Tschechischen und der Slowakischen Republik – eingegangen ist.

In der Nacht zum 21. August begann die Invasion von fünf Warschauer-Pakt-Staaten in die damalige Tschechoslowakei, die unter anderem auch mehrere Dutzend Tote und Hunderte von Verletzten in der Bevölkerung forderte. Mit der Okkupation der Tschechoslowakei endete auch der Traum von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wie die Devise der damaligen Reformkommunisten hieß. Definitiv zu Ende war der Reformprozess, der seinerzeit auch weit über die Grenzen des Landes hinaus unter dem Namen "Prager Frühling" bekannt war.

Unter den Jahrestagen im Kalender hat der 21. August wohl in gewissem Sinne eine Sonderstellung. Kein Grund zum Feiern natürlich, wie es bei vielen anderen Daten der Fall ist, ein Grund zum Sicherinnern schon, aber gerade in den Erinnerungen hat die Symbolik dieses Tages nach der Wende 1989 im Vergleich zu der Vor-der-Wende-Zeit eine Entwicklung durchgemacht.

Aus Anlass der Besetzung der Tschechoslowakei vor allem durch sowjetische Panzer am 21. August 1968 kann man in der Mittwochausgabe der slowakischen Tageszeitung Sme lesen:

"Vor dem November 1989 hat dieses Datum eine positive Kraft von Empörung und Widerstand ausgestrahlt. Es war eine Täuschung, der Inhalt des 21. August war jedoch die Erniedrigung. Das Volk brauchte einen Mythos, eine Legende, einen Punkt, mit dem der Traum von Freiheit verknüpft war."

Erst nach der Wende durfte offen von einem Hochverrat derjenigen gesprochen werden, auf deren Einladung - wie es 1968 hieß - die Bruderländer mit ihren Streitkräften zu Hilfe in die Tschechoslowakei herbeieilten. Zwölf Jahre nach dem Sturz des kommunistischen Regimes ist es jedoch der Justiz hierzulande nicht gelungen, ein gerechtes Verdikt für die Exponenten/Initiatoren des Landesverrats zu fällen.

Die gegen insgesamt 13 Prominente des kommunistischen Regimes eingeleiteten Strafverfahren wurden in der Mehrheit der Fälle allmählich eingestellt, einige Leute sind gestorben. Im Zusammenhang mit der Invasion in die CSSR 1968 werden gegenwärtig nur drei Personen verfolgt. Nicht nur angesichts dieser Tatsache hat die Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit in Tschechien noch nicht stattgefunden." (ykk)

RADIO SLOWAKEI, 21.8.2002, deutsch

Vor 34 Jahren, am 21. August 1968 haben die Truppen des Warschauer Paktes die ehemalige Tschechoslowakei besetzt. Die Truppen sollten die Reformbewegung der damaligen Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, geführt vom Slowaken Alexander Dubcek, blockieren. Ziel der Reformbemühungen, die unter dem Namen "Prager Frühling" bekannt wurden, war, das kommunistische Regime humaner zu machen.

Laut dem tschechischen Amt für Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus wurden in den ersten Wochen der Invasion 80 Menschen getötet und 280 schwer verletzt. Unter den Toten war in Bratislava am 21. August auch die junge Studentin Danka Kosanova, die auf den Stufen der Comenius Universität in Bratislava ohne Grund erschossen wurde. Der Mord an ihr sollte der Bevölkerung zur Warnung dienen.

Nach der Invasion waren alle tschechoslowakischen Repräsentanten nach Moskau verschleppt worden. Dort wurden Protokolle unterzeichnet, die den Weg der Normalisierung, also der Verschärfung der Verhältnisse, eröffnet haben. Manche Historiker belegen, dies haben die tschechoslowakischen Vertreter unter Nötigung getan. Die sowjetischen Besatzungstruppen sind in der Tschechoslowakei mehr als 20 Jahre geblieben.

Vor dem Parlamentsgebäude in Bratislava wurde am Dienstag (20.8.) eine Büste von Alexander Dubcek enthüllt. Auf Dubcek, der zum Symbol des Prager Frühlings wurde und eine bedeutende Rolle auch bei der Wende 1989 spielte, sind 36 Prozent der Slowaken stolz.

Die Meinungsumfragen unter den jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren ergeben, dass der August 1968 für 43 Prozent dieser Altersgruppe nichts bedeutet und für jeden vierten das historische Ereignis ganz unbekannt ist. (ykk)

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