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Deutschland

Warum Ehrenamt begeistert

Ehrenamtlich Engagierte übernehmen Verantwortung, bilden sich fort und investieren viel Zeit. Doch die Freiwilligen geben nicht nur. Sie bekommen auch eine Menge zurück.

Konzentriert wandern die Augen der blonden jungen Frau von links nach rechts, den Blick Richtung Baumkronen gerichtet. Um sie herum: eine Gruppe von rund 20 Frauen und Männern, die es ihr gleich tun. Jana Sucker leitet das "After work birding", eine Vogelstimmentour im Berliner Tiergarten. Seit eineinhalb Jahren arbeitet die 33-Jährige ehrenamtlich für den Naturschutzbund NABU, eine der großen Umweltorganisationen in Deutschland. Sie säubert Nistkästen und bringt anderen Menschen die heimische Vogelwelt näher. Hauptberuflich ist die Hobbyvogelkundlerin Produktmanagerin bei einem Pharmaunternehmen.

Ausgleich zum Beruf

Jana Sucker guckt hoch in die Bäume des Tiergarten in Berlin

Hobbyvogelkundlerin Jana Sucker im Tiergarten in Berlin

Doch gerade wollen die Vögel nicht so recht. Warten ist angesagt. "Ich habe was entdeckt", ruft Sucker. Ferngläser werden gezückt. "Da ist eine Blaumeise, ziemlich weit oben." Je tiefer die Gruppe in den Tiergarten hineingeht, desto mehr unterschiedliche Vogelstimmen sind zu hören. Was Jana Sucker in ihrem Ehrenamt antreibt? Sie lächelt: "Dass wir vielleicht dahin kommen, wie es in Großbritannien ist - wo die Vogelbeobachtung Volkssport ist." Und damit auch der Vogelschutz.

Ihr ist es aber auch wichtig in der Natur zu sein: "Die Arbeit beim NABU ist für mich ein echter Ausgleich zum Büroalltag. Da komme ich ganz schnell runter, vergess den Stress. Gleichzeitig kann man etwas Gutes damit tun." Etwas Gutes tun für andere – und für sich.

Eine gesunde Portion Egoismus hält die Psychologin Barbara Moschner von der Universität Bielefeld für ein wichtiges Motiv bei der Wahl eines Ehrenamts: "Selbst wenn das Wohl oder das Glück von anderen im Vordergrund steht, hat jede Handlung auch einen Selbstbezug, und nicht alle Bedürfnisse oder Wünsche werden dem fremdnützigen Ziel untergeordnet." Wer in seinem Ehrenamt auch persönliche Ziele und Wünsche erfüllt, pflegt es langfristig.

Zweite Leidenschaft

Ilona Golisch sitzt in einem Café

Ehrenamtliche Richterin: Schöffin Ilona Golisch

Ilona Golisch hat sich schon zu Schulzeiten für die Justiz interessiert. Beruflich traf sie dann doch eine andere Wahl. Sie ist Angestellte in einem Kommunikationsunternehmen. Als sie vor ein paar Jahren im Internet las, dass Schöffen in Brandenburg gesucht werden, flammte die alte Begeisterung wieder auf. Sie bewarb sich auf das Ehrenamt als Laienrichterin. Nun ist die 51-Jährige seit fünf Jahren am Landgericht Potsdam tätig: "Mich begeistert es, wenn ich im Gerichtssaal sitze. Das ist für mich eine ganz eigene Welt. Wenn ich da reingehe, konzentriere ich mich voll auf die Verhandlung."

Schöffe zu sein, ist das höchste Ehrenamt des Staates. Und eines mit enormer Verantwortung: Laienrichter haben die gleichen Stimmrechte wie der Richter. Einmal im Monat ist ein Prozesstag angesetzt. Es gab auch schon Prozesse, die haben Ilona Golisch so mitgenommen, dass sie nur noch nach Hause wollte, um die Verhandlung zu verarbeiten. Dennoch mag sie es, im Gerichtssaal genau zu beobachten oder Zeugen zu befragen. Darum hat sie sich auch für eine weitere fünfjährige Amtszeit beworben: "Und wenn ich Glück habe, darf ich nächstes Jahr wieder mitmachen."

Gut fürs Selbstbewusstsein

"Ehrenamt mache ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang", sagt Jürgen Lubnau. "Das hält mich jung." Der 70-Jährige Rentner ist seit seiner Kindheit blind und arbeitet ehrenamtlich als Vorsitzender des Fördervereins des Deutschen Blinden-Museums in Berlin. Gerade hat er mit einem Architekten den Umbau der Ausstellung besprochen. Auch bei Führungen für Schulklassen springt er schon mal ein.

Jürgen Lubnau hält die Hand eines Jungen

Jürgen Lubnau bei einer Führung im Deutschen Blinden-Museum

Seine Ehrenamt-Karriere begann Lubnau mit 26, er war vor allem in Blindenverbänden aktiv - führte als Vorstandsmitglied Gespräche mit Bundestagsabgeordneten, Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten. Und das alles neben seinem Beruf als Geschäftsführer einer Selbsthilfeorganisation. "Das Ehrenamt ist auch wichtig für das Selbstwertgefühl: wenn man etwas erreicht, wenn man den Verein voranbringt, wenn man etwas neu anstoßen kann."

Früher ist Lubnau Marathon gelaufen. Da war er selber auf die Hilfe Ehrenamtlicher angewiesen. Sehende Sportvereinsmitglieder unterstützten ihn beim Training und bei Wettkämpfen: "Man braucht einen Mitläufer, der schneller ist als man selber, der die Übersicht behält und hilft Hindernisse zu umlaufen." Da ist ein Gefühl der Dankbarkeit seinen ehemaligen Laufpartnern gegenüber, aber etwas anderes überwiegt: "Ich habe das so erlebt, dass die das richtig gern gemacht haben und nicht als Belastung empfunden haben." Wahrscheinlich weil sie sich einfach ein Ehrenamt gesucht haben, auf das sie Lust hatten.