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Wirtschaft

Warum die Ukraine ein Stromdefizit hat

Stromabschaltungen gehören in der Ukraine heute zum Alltag. Dabei hat das Land früher Energie exportiert. Jetzt kommt sogar Strom aus Russland. Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Die Probleme bei der Stromversorgung in der Ukraine sind groß. In vielen Teilen des Landes bleibt es immer häufiger dunkel. In einigen Städten bleibt der Strom bis zu sechs Stunden täglich weg. In der Westukraine schalten Energieversorger in einigen Städten die Straßenbeleuchtung ab.

Nach Angaben des Energieministers Wladimir Demtschischin beträgt die Versorgungslücke über zehn Prozent des Bedarfs. Um das Problem zu lösen, genehmigte die Regierung in Kiew, Strom aus Russland zu importieren.

Ein Stück von Anthrazit-Kohle

Anthrazit ist eine seltene Kohlesorte, die unter anderen in der Ostukraine abgebaut wird

Dabei war die Ukraine früher ein Stromexporteur. Was sind die Gründe für das heutige Stromdefizit, die das Land zwingen, den Strom teilweise einzukaufen?

Gegenwärtig wird kaum die Hälfte des Potenzials der ukrainischen Stromproduktion ausgeschöpft: von potenziellen 55.000 Megawatt werden nach offiziellen Schätzungen nur etwa 26.000 Megawatt produziert. Der Energieminister sieht das Hauptproblem in Engpässen bei der Versorgung der Kohlekraftwerke, die etwa 40 Prozent des Stroms liefern.

Permanenter Kohlemangel

Die wichtigsten ukrainischen Zechen befinden im Osten des Landes, wo zurzeit die Kämpfe toben. Zudem funktionieren die meisten ukrainischen Kohlekraftwerke nur mit Anthrazit-Kohle, sagt der Geschäftsführer des Vereins der Kohlenimporteure, Erich Schmitz. Nach seinen Worten ist das eine seltene Kohlesorte, die unter anderen auch in der umkämpften Donbass abgebaut wird.

Eine Lösung wäre, Anthrazit zu importieren. Doch es ist nicht leicht, Lieferanten zu finden. Schmitz erklärt, dass es Anthrazit noch in den USA, China, in Südafrika und in Russland gibt. Obwohl die Ukraine schon begonnen hat, die spezielle Kohle aus Südafrika zu kaufen, sieht Schmitz das nicht als Alternative zur Kohle in Donbass und meint, dass Russland der einzig realistische Lieferant von Anthrazit für die Ukraine ist.

Zerstörte Stromleitungen

Kohlekraftwerk in Lugansk 08.11.2014

Zerstörtes Kraftwerk in der Ostukraine

In den umkämpften Regionen der Ostukraine befinden sich viele Kraftwerke, zum Beispiel das Luhansker Wärmekraftwerk. Es produzierte in Friedenszeiten 92 Prozent der Energie für die Region. Seit August ist dieses Kraftwerk vom Netzverbund der Ukraine abgeschnitten, weil während der Kämpfe die Hochspannungsstromleitungen beschädigt wurden. Das Kraftwerk funktioniere nur noch begrenzt, sagt Pressesprecherin Marina Poljakowa.

Begrenzte Funktion von Atomkraftwerken

Auch Atomkraftwerke spielen eine wichtige Rolle in der Stromversorgung der Ukraine. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) produziert alleine das Atomkraftwerk Saporoschje 44 Prozent des ukrainischen Stroms. Dieses Kraftwerk geriet Anfang Dezember wegen eines technischen Defekts in die Schlagzeilen der Weltpresse.

"Atomkraftwerke der Ukraine haben in diesem sehr schwierigen Jahr eine stabilisierende Rolle für das nationale Energiesystem gespielt", so Olga Koscharnaja, PR-Managerin des ukrainischen nuklearen Forums. Eine ähnliche Situation gab es in der Ukraine Mitte der 1990er Jahre. Damals gab es nicht genug Kohle für die Kohlekraftwerke, aber die Atomkraftwerke funktionierten.

Heute können aber auch die Atomkraftwerke aus technischen Gründen nicht im vollen Maße genutzt werden, räumt Olga Koscharnaja ein. Die Verfügbarkeit von Atomkraft bleibe unter 74 Prozent. Das heißt, dass etwa 26 Prozent der verfügbaren Kapazitäten nicht benutzt werden können. Zum Vergleich: Die Verfügbarkeit von Atomkraft in Ländern der EU beträgt über 90 Prozent.

Keine eigene Technologien

In der Ukraine fehlen die Technologien für die vollständige Produktion des Atombrennstoffs, deswegen ist das Land zu 90 Prozent von russischen Lieferungen abhängig, erläutert Olga Koscharnaja. 600 Millionen Dollar muss die Ukraine jährlich dafür zahlen.

Außerdem fehlen dem Land die Technologien für die Verwertung des abgebrannten Brennstoffs. Jährlich werden 200 Millionen Dollar für die Abfallagerung in Russland bezahlt, so Olga Koscharnaja. Nach ihren Worten hat nur das Atomkraftwerk Saporoschje ein eigenes Trockenlager.

Keine Pläne für Zukunft

Khmelnitskiy Atomkraftwerk Ukraine

In 20 Jahren werden die ukrainischen Kernkraftwerke veraltet sein

In Zukunft steht der ukrainische Energiesektor vor weiteren Herausforderungen. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaute Atomkraftwerke werden spätestens in 20 Jahren veraltet sein und müssten geschlossen werden, sagt Olga Koscharnaja. Doch durch welche Kraftwerke sollen sie ersetzt werden? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Um die alten Atomreaktoren durch neue zu ersetzen, müsste viel Geld investiert werden. Denn selbst wenn man billige Kredite aufnehmen würde, die Russland früher angeboten hatte, würde man trotzdem mindestens zwei Milliarden Dollar brauchen. "Ich weiß nicht, wer bereit ist, so viel Geld zu zahlen," sagt der Experte des ukrainischen Instituts für Energieforschung, Yury Korolchuk, "klare Pläne für die nächsten 20 Jahre habe ich nirgendwo gesehen."

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