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Filme

Warum die Nazi-Serie "The Man in the High Castle" hochaktuell ist

Der Wahlerfolg Marine Le Pens in Frankreich und Donald Trumps Popularität in den USA zeugen vom Lauterwerden fremdenfeindlicher Stimmen. Wie gefährlich das sein kann, zeigt die US-Serie "The Man in the High Castle".

Donald Trump, republikanischer Präsidentschaftskandidat, hat eine Einreisesperre für Muslime in die USA gefordert. Weitere Republikaner verlangten einen Einreisestopp für Flüchtlinge aus Syrien. In Frankreich hat einen Tag zuvor der islamfeindliche Front National von Marine Le Pen die Regionalwahlen gewonnen. So manche Schlagzeile in den aktuellen Nachrichten erinnert an das dunkelste Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts: den Aufstieg des Nationalsozialismus.

Vielleicht erklärt diese politisch brisante Situation, warum "The Man in the High Castle" in den USA so starke Reaktionen beim Publikum hervorgerufen hat. In der Fernsehserie geht es um das Leben in einem imaginären Amerika, das von Nazi-Deutschland und dem kaiserlichen Japan regiert wird. Sie haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen - so das Horrorszenario im Film. Wie heikel es ist, mit diesem Thema zu spielen, musste Amazon Studios, die Produktionsfirma der Serie, schon bei ihrer Marketingkampagne erfahren. Die Nazi-Symbole, die sie auf den Sitzen der New Yorker Metro als Reklame für den Start der Serie hatten anbringen lassen, mussten nach einem öffentlichen Aufschrei wieder entfernen werden.

Wer sich "The Man in the High Castle" anschaut, erlebt einen gehörigen Schock: In hunderten von Szenen der zehnteiligen Serie wird der amerikanische Lebensstil von totalitären Symbolen - und darauffolgenden Aktionen - bedroht. Genau das ist aber auch das Faszinierende an der Serie: Sie zeigt auf, wie Fremdenfeindlichkeit zum Alltag werden kann, bevor man deren Siegeszug überhaupt bemerkt hat.

USA Promotion TV-Serie The Man in the High Castle. Rechte: Getty Images/A. Stawiarz

Das Filmteam von "The Man in the High Castle" bei der Premiere im November in New York City

In zwei voneinander unabhängig geführten Interviews erklären Inkoo Kang, die Fernsehkritikerin der einflussreichen alternativen New Yorker Wochenzeitschrift "Village Voice", wie auch Ilya Somin, der für die "Washington Post" bloggt, gegenüber der DW, dass "High Castle" beweise, wie Menschen sich so ziemlich an alles gewöhnen könnten.

Natur versus Erziehung?

In der Dystopie der Serie beherrschen Nazis die Ostküste der USA, Japaner die Westküste. Die Amerikaner erleben totalitäre Institutionen und ethnische Säuberungsaktionen. In einer Szene, die die Aufmerksamkeit von Kritikern besonders auf sich gezogen hat, schwebt Asche von einem Krematorium auf eine Autobahn, woraufhin ein Polizist trocken bemerkt: "Dienstags verbrennen sie Krüppel und Todkranke - eine Last für den Staat."

Bei dem Versuch, zu erklären, wie ständiger Horror zur Normalität werden kann, gibt Kang zu bedenken: "Es ist heute möglich zu sagen, dass wir keine vom Staat geförderte Gewalt haben, wie etwa in Form einer institutionalisierten Eugenik. Und doch gibt es jede Menge Ungerechtigkeit überall in unserem Land, und wir finden das offenbar in Ordnung."

Somin ist Rechtsanwalt und beschäftigt sich in dieser Funktion auch mit dem politischen Gehalt von Science Fiction und Fantasy. Er meint, dass "High Castle" davon auszugehen scheint, dass "Menschen in allen möglichen Gesellschaften unter den richtigen Umständen zu Mitläufern von unterdrückerischen und ungerechten Regimen werden können".

Resonanz aus dem wirklichen Leben

Die Fernsehserie "The Man in the High Castle" - nach der Romanvorlage von Philip K. Dicks aus den 1960er-Jahren - folgt den Streifzügen der Heldin Juliana Crane (gespielt von Alexa Davos) in eine Widerstandsbewegung im Untergrund und erzählt von den Konsequenzen ihres Handelns für ihre Familie und Freunde. Die beiden rassistischen Regime - das kaiserliche Japan und Nazi-Deutschland, gegen die sie kämpft - erinnern Somin an die aktuelle Wahlkampagne von Donald Trump. Der führende Republikaner hat bereits vor seinen jüngsten Äußerungen zum Einwanderungsstopp für Muslime, den Bau einer Mauer verlangt, um Einwanderer aus Mexiko abzuhalten, sowie eine Datenbank gefordert, um Muslime in den USA besser überwachen zu können.

USA Präsidentschaftswahl 2016 Kandidaten Donald Trump. Rechte: imago/UPI Photo

Donald Trump macht mit einer Reihe von fremdenfeindlichen Äußerungen von sich reden - und ist damit erfolgreich

"Es wirkt wie ein Echo auf die tatsächlichen Ereignisse in Europa und den USA", sagt Somin, wobei er auf Trump, Le Pen und den ungarischen Ministerpräsidenten, Viktor Orbán anspielt, der tatsächlich einen Grenzzaun um sein Land gezogen hat - aus Angst vor Flüchtlingen. Für unrealistisch hält Somin allerdings die Geschwindigkeit, mit der einige der Charaktere in "High Castle", das zwölf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielt, die Besatzungsregime akzeptieren. Seiner Meinung nach würde die Skepsis einer Nation gegenüber einem Regimewechsel länger anhalten.

"Selbst wenn Trump gewählt wird und versucht, seine Datenbank für Muslime oder was auch immer aufzubauen, glaube ich, dass diese Maßnahme zumindest für einige Zeit kontrovers diskutiert werden würde." Allein sein Wahlsieg würde nicht ausreichen, um diese Veränderungen gesellschaftlich zu verankern - genauso wenig wie die Wahl und Wiederwahl von Obama ausgereicht habe, um Obamacare in der Gesellschaft zu verankern.

Während die autoritären Regime in "The Man in the High Castle" Somin an Trumps Kampagne erinnern, sieht Kang vielmehr Ähnlichkeiten zwischen dem kontroversen Präsidentschaftskandidaten und der Widerstandsbewegung in der Serie.

In der Serie jagt die Widerstandsgruppe ständig mysteriösen Filmen hinterher, die eine Welt darzustellen scheinen, in der die Alliierten und nicht die Achsenmächte gewonnen haben, eine Quelle der Hoffnung, die Juliana dazu inspiriert, ihr bisheriges Leben für den Kampf im Untergrund aufzugeben.

Kang erkennt bei den amerikanischen Hauptfiguren der Serie eine Neigung zu "völkischem Defätismus", sobald sie sich mit Deutschen oder Japanern verglichen. Dies erinnere ihn an Trumps Botschaft, die Wähler sollten "Amerika wieder groß machen" angesichts der angeblichen Bedrohung durch nicht-weiße Zuwanderer.

Botschaft des Mitgefühls

"In der Serie wird auch eine Art romantische Phantasievorstellung aufgebaut, der zufolge man jedermanns Einstellung sehr leicht ändern könnte", sagt Kang über Julianas Reaktion auf einen Untergrundfilm. "Das soll nicht heißen, dass die Serie schlecht ist. Sie will ja gerade ein inspirierendes Beispiel dafür sein, wie Menschen zu besseren Denkern und damit Wählern werden können."

Seitdem "The Man in the High Castle" im Herbst in den USA angelaufen ist, haben zahlreiche Beiträge in amerikanischen, deutschen und anderen Medien versucht, die tiefere Bedeutung der Serie herauszuarbeiten. Genauso wie der rivalisierende Streaming-Dienst Netflix hat auch Amazon bisher nicht die Zuschauerzahlen publik gemacht. Ob für die Serie, die ab dem 18. Dezember auch in Deutschland mit Untertiteln zu sehen sein wird, eine zweite Staffel gedreht wird, ist noch ungewiss.

Eines aber ist klar: Die Serie hat mit ihrer tiefgründigen Erforschung des Einwirkens totalitärer Regime und Stimmungen, wie Fremdenfeindlichkeit auf ganz normale Menschen, bereits Beachtung gefunden. Kang sagt dazu: "Ich glaube in der Serie steckt ein Aufruf zu mehr Mitmenschlichkeit - und davon brauchen wir angesichts der Ereignisse unserer Zeit noch viel mehr."

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