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Kultur

Warum die Lebenserwartung immer weiter steigt

Früher wurde man 35, heute 80, und demnächst werden alle 100. Dieses Bild steckt in den Köpfen fest, da sich das Durchschnitts-Lebensalter in den Industrienationen extrem erhöht hat. Aber stimmt das wirklich?

Neugeborene Mädchen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 82 Jahren, Quelle: bilderbox

Neugeborene Mädchen haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 82 Jahren

Früher gratulierte der Bundespräsident Hundertjährigen wie wie Rosa Richter noch ganz persönlich - das wäre nicht mehr zu schaffen , Quelle: dpa

Früher gratulierte der Bundespräsident Hundertjährigen wie Rosa Richter noch ganz persönlich - das wäre nicht mehr zu schaffen

Freitagnachmittag im kleinen Ort Bad Lippspringe. Die 92-jährige Anneliese Bee ist zu Besuch bei ihrer Tochter mitsamt Enkel und Urenkel. Anneliese Bee ist Jahrgang 1916. Die rüstige alte Dame lebt in der eigenen Wohnung und kocht regelmäßig das Mittagessen für ihre Familie. Immer mehr Menschen in den Industrieländern erreichen ein Alter von achtzig oder gar neunzig Jahren. Das war nicht immer so, weiß Anneliese Bee aus eigener Erfahrung. "Meine Mutter war 68, mein Schwiegervater war 70 und meine Schwiegermutter war auch so 68, als sie starb", sagt sie. "So alt, wie ich jetzt bin - und dass ich noch herumlaufen kann -, das hatte man ganz selten."

Hypothetischer Wert

Dass Menschen vor allem in den Industrieländern immer älter zu werden scheinen, zeigt sich auch in der Statistik. "Die Lebenserwartung hat sich ja in den letzten Jahren ständig erhöht", erklärt Bettina Sommer vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. "Wenn wir 130 Jahre zurückgehen, hat sie sich mehr als verdoppelt, aber das gilt eben nur für die Lebenserwartung der Neugeborenen."

Die Statistikerin Sommer leitet die Arbeitsgruppe, die alljährlich die durchschnittliche Lebenserwartung für jedes Alter errechnet. Ein heute geborenes deutsches Mädchen hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 82 Jahren, ein neugeborener Junge eine durchschnittliche Lebenserwartung von 76 Jahren. Allerdings ist diese durchschnittliche Lebenserwartung ein hypothetischer Wert - eine Prognose. Sie hat nichts damit zu tun, wie alt die einzelnen Menschen wirklich werden.

Aidswaisen in Malawi, Quelle: AP

Aidswaisen in Malawi

"Vor 130 Jahren sind natürlich nicht alle mit 38 Jahren gestorben", sagt Sommer. "Es sind viele jung gestorben, aber es gab durchaus Leute die über 60 wurden und dann noch gute Chancen hatten, über 70 zu werden." Eine hohe Kindersterblichkeit verschiebt den Altersdurchschnitt einer Bevölkerung stark nach unten. Ein Rechenbeispiel: Von vier Menschen werden zwei 80 Jahre alt, zwei sterben bei der Geburt. Damit ist das durchschnittliche Sterbealter dieser Mini-Modellbevölkerung 40 Jahre. Und auch, wenn von den vier Menschen nur einer bei der Geburt stirbt und drei ein Alter von 80 erreichen, ist das Durchschnittsalter 60. Die Senkung der Kindersterblichkeit ist vor allem dem medizinischen Fortschritt zu verdanken: Durch Impfungen und Antibiotika ist heutzutage das Leben von Babys und Kleinkindern kaum noch bedroht. "Das hat dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung insgesamt so stark gestiegen ist - in den letzten Jahrzehnten ist allerdings auch die Lebenserwartung älterer Menschen angestiegen", sagt Bettina Sommer.

Sinkende Lebenserwartung in Afrika

Deutschland gehört, global gesehen, zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung weltweit. Und die Zahlen nehmen immer weiter zu – allerdings nicht überall auf der Welt, sagt Bettina Sommer. "Zwar hat die Lebenserwartung auch global gesehen in den letzten Jahrzehnten zugenommen, aber es gibt immer noch Entwicklungen, die in die gegenteilige Richtung zeigen."

In den Ländern die stark von Aids betroffen sind, sei die Lebenserwartung gering – denn dort sterben viele junge Leute, was die durchschnittliche Lebenserwartung erheblich senkt. Gerade in Ländern des südlichen Afrika liegt die statistische Lebenserwartung daher bei unter 40 Jahren. Diesen Trend umzukehren, ist das Ziel vieler Hilfsorganisationen, die versuchen, die Aids-Epidemie und auch die Kindersterblichkeit zu bekämpfen.

Die Chancen steigen mit dem Alter

Mit jedem Lebensjahr, das ein Mensch bewältigt, steigt nämlich auch seine Lebenserwartung insgesamt. Was bedeutet: Je älter man schon ist, desto besser sind die Chancen, auch noch älter zu werden. Ein 20-Jähriger hat eine höhere Lebenserwartung als ein neugeborenes Kind – denn er hat Risiken, die bis dahin bestanden, überlebt. "Wer heute 80 ist, hat gute Chancen auch noch 81 zu werden. Ein neugeborenes Kind muss erst mal bis 80 Jahre kommen", sagt Sommer.

Anneliese Bee hat es mit ihren 92 Jahren weit gebracht. Geistig ist sie noch voll auf der Höhe, körperlich macht ihr das hohe Alter inzwischen zu schaffen: Sie ist schwerhörig, hat Gelenkarthrose und ist ein bisschen wackelig auf den Beinen. Vor einem Jahr stürzte sie deshalb mit ihrem Fahrrad – woraufhin ihr Arzt ihr einen Rollator als Gehhilfe verschrieb. Und erst ab da wurde es ihr selbst klar: "Wie ich den Rollator kriegte, da dachte ich – jetzt ist es geschehen. Jetzt bin ich alt!"

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