Warum die Eigenbluttherapie von Manuel Neuer kein Doping ist | Sport | DW | 15.02.2018
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Manuel Neuer

Warum die Eigenbluttherapie von Manuel Neuer kein Doping ist

"Manuel Neuer: Therapie mit Eigenblut-Spritzen (...) retten ihm die WM", titelt die "Bild"-Zeitung. Eigenblut? Ist das denn kein Doping? Nein, lautet das Urteil der Experten. Aber es ist ein schmaler Grat.

 Manuel Neuer (Getty Images/Bongarts/A. Hassenstein)

Nur Zuschauer: Manuel Neuer muss seit Monaten seinen Kollegen zusehen. Seine Reha läuft langsam.

Schwarze Kappe, weißes Shirt, rote Shorts, Birkenstock-Sandalen - das perfekte Klischee eines deutschen Urlaubers. Manuel Neuer steht im Schatten hoher Palmen und hebt lächelnd den Daumen. Seine Geste ist eindeutig: Es geht aufwärts. Unter diesem Foto, dass Neuer auf Instgram gepostet hat, steht: "Diese Woche mache ich meine Reha in der Sonne. Grüße an Euch alle!" Der verletzte Bayern-Torhüter grüßt aus Thailand, wo er seinem gebrochenen Mittelfuß mehr Ruhe zur Heilung geben will. 

Die "Flucht" aus Deutschland wurde zunächst als schlechtes Zeichen gedeutet. Kann Manuel Neuer überhaupt noch rechtzeitig vor der WM fit werden? Die Unkenrufe wurden lauter. Seit September fehlt Manuel Neuer dem FC Bayern und auch der deutschen Nationalmannschaft wegen seines Fußbruchs. Auch fünf Monate später ist völlig unklar, wann Neuer wieder auf dem Platz stehen wird. Das früher genannte Datum 1. März ist längst Makulatur. Demonstrativ stärkt ihm der Trainerstab der Nationalmannschaft den Rücken: Über einen "Plan B" mache man sich "keine Gedanken", so Bundestorwarttrainer Andreas Köpke. Und Manuel Neuer machte unlängst via Vereins-TV klar: "Ich gehe fest davon aus, dass ich bei der WM im Tor bin."

Seppelt: "Generelle Diskussion über Eigenblut angebracht"

Für dieses Ziel geht Neuer auch ungewöhnliche und umstrittene Wege. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, lässt sich Neuer auch mit Eigenblut therapieren. Eigenblut? War da nicht was? Richtig, unter anderem wegen des Dopings mit Eigenblut stürzte ein anderer deutscher Sportheld: Ex-Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich. Auch in vielen anderen Sportarten sorgte die verbotene Reinfundierung des eigenen Blutes für Schlagzeilen: So geschehen in der Leichtathletik oder im Ski-Langlauf. Ist das also Doping, wenn sich Manuel Neuer Eigenblut spritzen lässt?

Deutschland 1. Bundesliga- Bayern München - SC Freiburg 4:1 (picture-alliance/dpa/Revierfoto)

Meisterfeier auf Krücken: Manuel Neuer hat eine Geschichte mit Fußverletzungen

"Verboten ist diese spezielle Behandlung nach den Regularien nicht", stellt Doping-Experte Hajo Seppelt klar. "Dieser Fakt sollte aber nicht davon ablenken, dass eine generelle Diskussion über Behandlungen mit Eigenblut im Sport angebracht ist. Es gibt immer wieder Ärzte, die in Grauzonen agieren, Limits austesten oder darüber hinausgehen. Auch wenn dies hier nicht der Fall zu sein scheint." Ein Graubereich? Warum geht Neuer überhaupt diesen umstrittenen Weg? Das Management von Manuel Neuer wollte auf Medienanfragen zu diesem Thema bislang nicht eingehen.

Thevis: "Das ist ein schmaler Grat"

Sein Berater Thomas Kroth blieb gegenüber der "Bild" im Vagen: "Es läuft alles gut und wie geplant. Nach seiner Rückkehr [aus Thailand, Anm. d. Red.] wird es noch mal Termine mit den Ärzten geben, dann wird überlegt, wann Manuel einsteigt. Wir haben immer gesagt: Er soll sich die Zeit nehmen. Wenn es eine Woche länger dauert, dauert es eine Woche länger, wenn es drei Wochen länger dauert, dann eben drei."

Auch der Leiter des renommierten Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, Mario Thevis, glaubt im Fall Neuer nicht an ein Dopingvergehen."Die Behandlung, die wahrscheinlich bei Manuel Neuer durchgeführt wird, ist explizit seit 2013 nicht mehr verboten", stellt der Dopingforscher im DW-Gespräch fest. Allerdings schränkt er ein, dass dies nur gelte, "sofern nicht weitere Verbote missachtet wurden. Es gibt zum Beispiel eine Regelung, dass nicht mehr als 100 Milliliter injiziert werden dürfen", so Thevis, der zudem darauf hinweist, dass auch die Isolierung bestimmter Blutbestandteile mit dem Ziel der Leistungssteigerung verboten seien. "Das ist ein schmaler Grat."

Neuer will "nur keine Fehler machen"

Wenn die Informationen der "Bild" richtig sind, hat Neuer auf ein sehr altes medizinisches Verfahren gesetzt, das erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Verruf geraten ist. Mit dem eigenen Blut wurde bereits in der Antike geheilt. Seitdem wird die Therapie bei verschiedenen Erkrankungen oder Verletzungen wie Knochenbrüchen, aber auch Asthma oder Allergien angewandt. Das Prinzip dahinter: Die Wachstumsfaktoren des Blutes sollen gestärkt werden. Allerdings kommt eine deutsche Studie zu dem Ergebnis, dass beispielsweise die hämatogene Oxydationstherapie (die so genannte Blutwäsche nach Wehrli) unwirksam ist. Andere Formen der Eigenbluttransfusion, wie etwa die UV-Bestrahlung des Blutes, führten zu Doping-Diskussionen und Beschuldigungen.

EURO 2016 - Viertelfinale Deutschland - Italien (picture-alliance/G.C. von der Laage)

Der Rückhalt des Teams: Manuel Neuer (Mitte) wird bei der EM 2016 von seinen Kollegen gefeiert

Eindeutiger ist der Fall bei der Therapie mit der Anreicherung des Blutes durch ein Erythrozytenkonzentrat. Dabei werden die Sauerstoff transportierenden roten Blutkörperchen (Erythrozyten) per Zentrifuge isoliert und nach einer Weile wieder injiziert. Das steigert kurz vor dem Wettkampf die Leistungsfähigkeit. Radsportler und andere Athleten wurden vom spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes mit dieser Methode gedopt.

Manuel Neuer steht derzeit nicht kurz vor einem Wettkampf. Im Gegenteil: Der Aufenthalt in Phuket mit Ehefrau Nina dient wohl eher dem Ziel, Abstand zu bekommen, den Druck aus den Comebackplänen zu nehmen. Zu seinem Gesundheitszustand schweigt Neuer weiter, äußert eher Allgemeinplätze: Man müsse "auf Nummer sicher gehen" und "sehr vorsichtig" sein, so Neuer, der "nur keine Fehler machen" wolle. Der "kicker" berichtete am Montag, dass eine routinemäßige Kontrolle des dreimal gebrochenen linken Mittelfußes positive Ergebnisse zeige. Wird Neuer Deutschland bei der Operation Titelverteidigung anführen? Oder müssen tatsächlich Marc-Andre ter Stegen (FC Barcelona) oder Bernd Leno (Bayer 04 Leverkusen) für ihn in die Bresche springen? Der Ausgang dieser Geschichte scheint völlig offen.

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