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Wirtschaft

Warum die Börsen stürzen

Der Dax fällt und fällt … Seit Wochen taumelt der Börsenhandel, die Kurse purzeln immer weiter. Wie kann das geschehen? Was passiert hinter den Kulissen? Kann man das scheinbar Irrationale überhaupt rational erklären?

Mann steht auf der fallenden Dax-Kurve und blickt in den Abgrund (DW-Grafik/Sander)

In diesen Tagen bietet der Deutsche Aktienindex ein Bild des Jammers. Die Fieberkurve auf der großen Anzeigetafel im Frankfurter Börsensaal zeigt immer wieder steil nach unten. Zwischendurch erholt sich der Kurs etwas und weist für einen kleinen Moment aufwärts. Das nennen die Börsianer, die ihr Geschäft mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und schwarzem Humor würzen, den Plumps der toten Katze, "Dead Cat Bouncing": Auch eine tote Miezekatze springt noch einmal auf, wenn sie wirklich tief gefallen ist.

Für den Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser ist das alles nichts Neues. "Das kennen wir bereits aus dem Jahr 1929", sagt er im Gespräch mit DW-TV und verweist auf diesen "Schwarzen Freitag" und weitere Krisen der Börsengeschichte im zwanzigsten Jahrhundert. Für das Auf und Ab an den Börsen gibt es rationale Gründe – zum Teil. Aber auch technische Voraussetzungen und psychologische Effekte spielen eine große Rolle. Manchmal ist menschliches Versagen verantwortlich und mitunter spielt auch der ungünstige Bodymaßindex eines Händlers eine fatale Rolle.

Karrikatur eines Börsianers, der mit fettem Finger eine falsche Verkaufsorder losschickt (DW/Joswig)

Nicht nur für Models, Chirurgen und Pianisten gilt: Ist der Finger fett und zittert, ist das nicht gut für's Geschäft.

Fette Finger werfen tote Katzen

Für die jüngsten Talfahrten scheint – wieder einmal – ein fetter Finger verantwortlich zu sein. Der "Fat Finger" ist schnell erklärt: In der Eile rutscht ein Händler bei der Eingabe einer Verkaufsanweisung in seinen Computer mit dem Finger ab. Auf diese Weise kann die Größenordnung einer Verkaufsorder leicht potenziert werden. Das Ergebnis: Das Papier wird billiger, es wird geradezu verramscht, und der Kurs sinkt deutlich. Das kann in der Hektik schon mal passieren – oder aber, der Broker ist tatsächlich zu fett und seine Finger passen nicht mehr auf die Tasten seines Computers.

Im Mai 2010 ist das zum Beispiel an der Wall Street passiert. Die Händler bestreiten das in der Regel und sagen, so etwas geschähe nie und nimmer – aber wer gibt schon gern zu, dass er fehlbar ist. An einem solchen Punkt jedenfalls treten technische Mechanismen in Kraft: Institutionelle Anleger haben ihren Fonds "Stopp Loss"-Funktionen eingebaut. Sinkt der Wert eines Papiers unter eine vorher festgesetzte Linie, wird es automatisch verkauft. Das dient der Verlustminimierung und ist durchaus vernünftig. Der Effekt kann aber verheerend sein: Denn kommen noch mehr Verkaufsorders, sinkt der Preis der Aktie noch weiter. Die Verlustbegrenzung verstärkt die Entwertung eines Papiers.

Tote Katzen wie fallende Messer

Figur eines Bären vor der fallenden Dax-Kurve (Foto: dpa)

Fallen die Kurse, spricht der Börsianer vom Bärenmarkt

Spätestens jetzt entfalten psychologische Einflüsse ihre Wirkung: Bei der Ansicht scheinbar grundlos fallender Kurse erinnert sich der Börsianer der einfachen Wahrheiten. Dann kommt ihm der Merksatz in den Sinn: Greife nie in ein fallendes Messer! Es wird auf dem Parkett niemand die fallenden Papiere aufsammeln, der Markt kann sich nicht selbst korrigieren, die tote Katze fällt weiter.

Der Händler braucht "Fantasie", und Fantasie kann eine tote Katze nicht wecken, jedenfalls nicht den Traum auf eine blühende Zukunft. "Fantasie" an der Börse heißt: Eine Aktie wird ihren wahren Wert erst in der Zukunft entfalten und zwar dann, wenn ich sie kaufe – und in der Folge auch viele andere. Weckt ein Papier diese Fantasie nicht, wird es nicht gekauft – die Aktie macht dann keine Umsätze und der Index wird nicht steigen.

Fallende Messer freuen Krisengewinnler

Jenseits aller Fantasie und Psychologie entfalten auch Spekulationen hinter den Kulissen ihre Wirkung. Man kann nämlich auch auf fallende Kurse setzen und mit "Leerverkäufen" sehr, sehr viel Geld verdienen.

Werner Abelshauser, Wirtschaftshistoriker an der Universität Bielefeld (Foto: dpa)

"Das ist nichts Neues!" Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser

Besonders unregulierte Hedgefonds sind dabei sehr rege. Sie verkaufen Aktien, die sie gar nicht besitzen. Sinkt der Kurs, kaufen sie sie (zum inzwischen gefallenen Preis) zurück und verdienen so am Kursverfall. Diese Zockerei, die inzwischen in großem Umfang betrieben wird, verstärkt die ohnehin schon enormen Kursstürze weiter.

Tote Katzen, fallende Messer und fehlende Fantasie– das hat es schon immer gegeben. Neu in der aktuellen Krise ist die Unfähigkeit der Politik, an den Verhältnissen etwas zu ändern, sagt Werner Abelshauser im Interview. Beim Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes und der Pleite der Lehman-Bank hätten die Nationalstaaten noch reagiert, das könnten sie nun nicht mehr. Die Staaten hätten sich verausgabt und zu viele Schulden gemacht. Diese Verschuldung "beeinträchtigt nun ihre Handlungsfähigkeit".

Autor: Dirk Kaufmann
Redation: Zhang Danhong