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Politik & Gesellschaft

Warum der Rassismus abnimmt

Wie rassistisch sind die Deutschen? Umfragen deuten darauf hin, dass die Fremdenfeindlichkeit zurückgeht. Doch Experten warnen davor, das Thema vorschnell abzuhaken.

Deutsche und türkische Fußballfans schwenken 2008 in Berlin Fahnen ihrer Staaten (Foto: AP)

Deutsche und türkische Fußballfans 2008 in Berlin

"Leben in Deutschland heute zu viele Ausländer?", das wollte das Allensbacher Institut für Demoskopie 1984 von den Westdeutschen wissen. Als die Meinungsforscher die Befragung 25 Jahre später im vereinigten Deutschland wiederholten, stießen sie auf eine massive Veränderung: Der Anteil derer, die die Frage bejahten, war von 79 auf 53 Prozent gesunken - obwohl der Ausländeranteil im Untersuchungsgebiet von rund sieben auf knapp zehn Prozent gestiegen war.

"Konjunkturelle Schwankungen"

Mit einer etwas anders formulierten Fragestellung ermittelte die Universität Bielefeld in einer seit 2002 andauernden Langzeit-Studie denselben Trend: Zwischen 2002 und 2011 sank die Zustimmung zu der These, es gebe zu viele Ausländer, von rund 55 auf 44 Prozent. "Die Fremdenfeindlichkeit nimmt im Moment tendenziell ab", sagt Andreas Zick, einer der Autoren der Studie. "Wenn wir uns aber die letzten zehn Jahre anschauen, sehen wir, dass sie auch immer wieder mal ansteigt."

Christoph Butterwegge (Foto: ZB)

Christoph Butterwegge

Der Kölner Politologe Christoph Butterwegge verweist ebenfalls auf die Instabilität solcher Stimmungen. "Rassismus unterliegt konjunkturellen Schwankungen", sagt er. "Wenn es einen Aufschwung gibt, wenn Wohlstand herrscht, ist die Verlockung geringer, nach Sündenböcken zu suchen." In Krisenzeiten dagegen nähmen rechtsextreme Einstellungen zu.

Dieser Zusammenhang lässt sich auch empirisch nachweisen. Entscheidend sei die individuelle Krisenwahrnehmung, erklärt der Sozialforscher Andreas Zick: "Wenn sich Menschen - ganz gleich, aus welcher Schicht sie kommen - durch eine Krise bedroht fühlen, führt das zu einer Erhöhung des Vorurteils."

Ein Asylbewerber schaut 1991 in Hoyerswerda aus einem eingeschlagenen Fenster (Foto: ZB)

Ein Asylbewerber schaut 1991 in Hoyerswerda aus einem eingeschlagenen Fenster

Einen weiteren wichtigen Einfluss haben nach Meinung der meisten Experten gesellschaftliche Diskurse. So führte die aufgeheizte Debatte um die Verschärfung des Asylrechts in den frühen 1990er Jahren zu einem Anstieg fremdenfeindlicher Einstellungen. Auch die rassistische Gewalt nahm drastisch zu und kulminierte in tagelangen Ausschreitungen gegen zwei ostdeutsche Asylbewerberheime.

Das Sarrazin-Paradoxon

Die Folgen von öffentlichen Debatten lassen sich jedoch nur schwer vorhersagen. Im vergangenen Jahr löste der SPD-Politiker Thilo Sarrazin eine monatelange Diskussion um vermeintlich integrationsunwillige Muslime aus. Islamfeindliche Einstellungen nahmen dadurch jedoch keineswegs zu – im Gegenteil: Die Zustimmung zu der Aussage "Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land" sank im Verlauf der Sarrazin-Debatte von 38,9 auf 30,2 Prozent. "Sarrazin scheint vielleicht den Effekt gehabt zu haben, dass leichtfertiger populistische Islamfeindlichkeit geäußert wurde", sagt Andreas Zick. "Aber es gab in weiten Bereichen auch eine Rückbesinnung, dass wir nicht wahllos Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit abwerten können."

Andreas Zick, Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld (Foto: dpa)

Sozialforscher Andreas Zick

Der langfristige Trend bleibt von diesem Auf und Ab rassistischer Einstellungen jedoch unbeeinflusst. "Es gibt eine immer weitere gesellschaftliche Öffnung", sagt Andreas Zick. "Besonders in den Städten sehen wir, dass die Menschen kulturelle Vielfalt sehr hoch schätzen, auch, weil sie dort Alltagswirklichkeit ist." Dies halte eine positive Norm aufrecht, die inzwischen stark etabliert sei.

Gewaltbereite Minderheit

Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg, hält dieses Miteinander für zentral. "Aus der Kontaktforschung wissen wir, dass Gruppen Vorurteile und Stereotype abbauen, wenn sie miteinander in Kontakt kommen", sagt Wagner. Wer persönliche Erfahrungen mit Einwanderern habe, lasse sich deutlich weniger von gesellschaftlichen Stimmungen beeinflussen. So lässt sich auch erklären, dass sich der tatsächliche Anteil von Ausländern und ihre Wahrnehmung als "zu viele" gegenläufig entwickeln.

Neonazi-Demonstration im Februar in Dresden (Foto: ZB)

Neonazi-Demonstration im Februar 2011 in Dresden

Für eine Entwarnung sieht Wagner jedoch keinen Anlass: "Insgesamt scheint es einen Rückgang von Fremdenfeindlichkeit zu geben, aber das bedeutet nicht, dass das für alle Segmente der Bevölkerung gleichermaßen gilt." Ein Teil koppele sich immer stärker von dieser Entwicklung ab. Diese Gruppe ist alles andere als klein: 19 Prozent der in der Bielefelder Studie Befragten stimmten der Aussage zu: "Wenn sich andere bei uns breit machen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist."

Auch beim Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Trend sei Nüchternheit geboten. "Man kann es positiv finden, dass weniger Menschen glauben, es gebe zu viele Ausländer in Deutschland", sagt Wagner. "Man muss aber auch sehen: Es sind immer noch fast 50 Prozent."

Autor: Dennis Stute
Redaktion: Andrea Grunau

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