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Deutschland

Warum braucht Münster einen Türmer?

Tradition oder bloß Touristenattraktion? Als eine der letzten Städte Europas leistet sich Münster einen Türmer. Der soll nachts über die westfälische Stadt wachen. Er selbst findet diese Aufgabe ein wenig überholt.

In sein Horn bläst am 10.05.2000 vom Turm der St. Lamberti-Kirche in Münster einer der letzten Türmer Deutschlands, Wolfram Schulze (Foto: dpa)

Gibt den Ton an - Türmer Wolfram Schulze in Münster

298 Sandstein-Stufen führen nach oben. Manche sind krumm, einige nur in der Mitte etwas durchgetreten. Halsbrecherisch steil winden sie sich empor. Mit kurzen, schnellen Schritten nimmt Wolfram Schulze eine Stufe nach der anderen. Er geht gebeugt, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Das Treppenhaus der Münsteraner Lamberti-Kirche ist eng und wird nach oben immer schmaler. Es ist der beschwerliche Arbeitsweg von Wolfram Schulze, der auf halber Strecke leise seufzt: "Seit 15 Jahren steige ich diese Stufen hoch. Das ist der schwerste Teil meiner Arbeit."

Eine aussterbende Spezies

Wolfram Schulze ist Türmer, einer der letzten seiner Art. Nur noch vier soll es in Europa geben. Seine Arbeit fußt auf Traditionen des Mittelalters und ist eigentlich ein Anachronismus. Früher sollten Türmer vom höchsten Punkt der Stadt aus Feinde vor den Stadtmauern oder Feuer melden. Im Münster des 21. Jahrhunderts sind Belagerungen selten geworden – sieht man mal von den Schaulustigen am Prinzipalmarkt ab, wenn gerade ein neuer Tatort gedreht wird. Und für Brände gibt’s die Feuerwehr.

Braucht eine Stadt also heute überhaupt noch einen Türmer? Schulze zögert, dann schüttelt er seinen kahlen Kopf. "Nein, eigentlich nicht. Wozu?", fragt er und steigt die letzte Stufe hinauf. Hinter einer schweren Tür verbirgt sich ein kleines Zimmerchen, die Türmerstube. Auf ein paar Quadratmetern Holzboden stehen ein Tischchen mit Telefon, zerschlissene Polstermöbel mit dem Charme der 70er Jahre, ein fahrbarer Heizkörper und eine Kommode mit zwei Büchern – das war’s. Selbst die winzigen Zimmer in Münsters Studentenwohnheimen sind geräumiger. Aber es ist Münsters höchster Arbeitsplatz und das macht Schulze ein klein wenig stolz. So wie der Anruf einer älteren Dame neulich, die meinte, dass sie sich sicherer fühle, wenn er von seinem Turm aus nachts über die Stadt wacht. Irgendwie irrational, findet er, aber andererseits auch ein gutes Gefühl.

Ein altertümlicher Zeitansager

Ein Blick auf die Uhr reißt Schulze aus seinen Gedanken: Kurz vor neun, die Türmerpflicht ruft. Zwischen neun und zwölf bläst er zu jeder halben Stunde ins Horn - als Alternative zum Glockengeläut. Er geht hastig zur Tür, schnappt sich sein Instrument und betritt die schmale Brüstung, die um die Türmerstube führt. Aus dem geschwungenen Messing-Kupfer-Horn ertönt ein sonores Tuten. Der Schall verliert sich irgendwo über den Dächern des Prinzipalmarktes. Neben einer lauten Touristengruppe am Fuße der Kirche geht der Ton unter.

Kunstwerk auf dem Prinzipalmarkt in Münster. Daneben ein Turm der Lambertikirche (Foto: dpa).

Der Prinzipalmarkt und die Lambertikirche in Münster

Früher, als sich die Häuser in der westfälischen Stadt noch eng an die St. Lamberti-Kirche schmiegten, war der Türmer kaum zu überhören. Wohl auch, weil einige von Schulzes Vorgängern nächtliche Saufgelage in luftiger Höhe abhielten. Auch Beschwerden über vom Turm herabfallenden "Unflat" sind überliefert.

Hoher Stellenwert für den Nachtwächter

Trotz mancher Fehltritte war der Türmer für den Stadtrat 1777 der wichtigste Mann der Stadt: "Die ganze Wohlfahrt der Stadt hängt vom Türmer ab". Das ist lange her, meint der heutige Türmer. Er fühlt sich wie "ein lebendes Relikt, ein Museumsstück aus einer anderen Zeit". Schulze sagt dies nüchtern, ohne Wehmut in der Stimme. Er braucht die Anerkennung nicht. Was er braucht, ist ein Rückzugsraum nach einem bewegten Leben. "Man kann fast von einer gescheiterten Existenz sprechen", urteilt der 65-Jährige über sich selbst. "Ich hatte viele Jobs, schrieb Bewerbungen, wurde arbeitslos." Den Job als Türmer hat er wegen des Geldes angenommen.

Heute sieht er die Dinge anders. Freiwillig arbeitet er noch zwei Jahre weiter und genießt die Ruhe im Turm. Schon 500 Bücher hat er hier gelesen, meist schwere Kost: Hegel, Schopenhauer, Tolstoi oder Nietzsche; vor allem Nietzsche, sein Lieblingsphilosoph. Der habe ihn schon während seines Philosophie-Studiums fasziniert. Gerne hätte er an der Uni Karriere gemacht, aber ihm fehlten die Ellbogen, wie er sagt. Hier oben brauche er die nicht. Und all seine Gedanken seien frei. "Meine Probleme lasse ich unten. Von hier aus wirken sie klein und unbedeutend. Ich denke, deshalb bin ich hier", sagt er lächelnd und bläst kraftvoll in sein Horn.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Karin Jäger