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Europa

Warteraum Westbalkan?

Noch bewegt sich der Fluss der Migranten stockend, aber ungebremst nach Norden - vom Transitcamp an der griechischen Grenze zum Stopp im mazedonischen Tabanovce und weiter nach Serbien. Barbara Wesel aus Tabanovce.

"Mazedonien kann nicht Pufferzone oder Außengrenze der EU werden, das wäre ein großer Fehler", sagt Yasmin Redzepi von der Hilfsorganisation Legis in Skopje. Das wäre nur möglich, wenn man das Land auch als Mitglied in die Nato und EU aufnehmen würde. Außerdem meint er, es gebe heftige Fremdenfeindlichkeit im Land: "Wenn Flüchtlinge hier wirklich in Lagern bleiben müssten, dann wird es schnell wieder so schlimme Szenen geben wie früher, bevor die Durchreise richtig organisiert wurde".

Die mazedonische Regierung jedoch ist der Idee gegenüber gar nicht abgeneigt, was Redzepi für eine falsche Strategie hält: "Man kann jetzt nicht aus Geldgier - oder weil man der EU näher kommen will - eine Aufgabe übernehmen, die eigentlich Griechenland erfüllen müsste. Griechenland ist die Außengrenze der EU, nicht Mazedonien". Und noch funktioniert der Staffellauf über die Balkanroute, wie schon seit dem vergangenen Herbst.

"Stop and Go" der mazedonischen Grenze

Am Montag konnte eine kleine Gruppe von Syrern bei Idomeni in Griechenland die Grenze zu Mazedonien überqueren, nach nur einem Tag Wartezeit. Samir aus Aleppo und seine Reisegefährten hatten Glück: Denn vor dem Wochenende hatte Mazedonien den Grenzzaun vorübergehend ganz geschlossen, als Österreich eine Obergrenze für Flüchtlinge angekündigt hatte. Einige Kilometer Zaun an der Grenze zu Griechenland wurden in Gevgelija bereits mit ungarischer Hilfe aufgebaut, nach und nach soll die Grenze komplett dicht gemacht werden.

Dann könnten Grenzschützer aus EU-Ländern hier helfen, Flüchtlingen die Weiterreise aus Griechenland zu versperren, so der Plan von einigen europäischen Innenministern. Eine Delegation aus Brüssel ist gerade in der Hauptstadt Skopje, will aber keine Interviews zu den Gesprächen mit der mazedonischen Regierung geben. Bislang helfen vor allem ungarische Soldaten am Übergang zu Griechenland aus.

Flüchtlinge an einem Müllcontainer (Foto: DW/B. Wesel)

Hoffen auf die Weiterreise - nicht alle dürfen das

Bisher läuft es noch auf der Balkanroute

Samir aus Aleppo und seine Freunde erlebten noch die eingespielte Routine: Sie mussten ihre Reisepapiere aus Griechenland vorzeigen, konnten in einen Zug steigen und durchquerten Mazedonien. Vier Stunden später fanden sie sich schon im Durchgangslager Tabanovce an der Grenze zu Serbien wieder. Der Balkantransit läuft weiter. Am organisierten "illegalen Grenzübergang" zu Serbien hatte ein Helfer am Mittag schon etwa 1200 Ankommende gezählt, bis zum Abend würden es rund 2000 sein.

Im Herbst hatte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, das Camp mit großen beheizten Zelten, Toilettenblock und Essensausgabe ausgerüstet, so dass die Flüchtlinge die Nacht im Warmen verbringen können. Hier gibt es auch Decken, Schlafsäcke und notfalls Schuhe und warme Jacken. Helfer kümmern sich um Frauen und Kinder.

Familie mit heißem Getränk (Foto: DW/B. Wesel)

Im UNHCR-Camp gibt es wenigtens beheizte Zelte und warme Getränke

Und Tabanovce ist voller Kinder: Aus den Kriegsregionen in Syrien und Irak scheinen derzeit vor allem Familien zu kommen. Zweijährige zockeln an der Hand ihrer erschöpften Mütter, ein Vater hockt mit einem vier Wochen alten Baby auf dem Bahnsteig, das Kind dick in eine Decke gewickelt. Man sieht viele solcher "Baby-Pakete" in den Armen der Eltern. Alle größeren Kinder müssen die zwei Kilometer durch das Niemandsland zum Grenzkontrollpunkt zu Serbien selbst laufen. Hin und wieder weint eines, aber die meisten Kleinen stapfen stoisch durch den Matsch.

"Wir wissen nichts von politischem Streit"

Samir weiß aus dem Internet von den Ereignissen in Köln an Sylvester. Aber er weiß nichts von den Plänen der EU, vielleicht bald die Grenzen zu schließen. "Wenn einige Flüchtlinge etwas Schlechtes gemacht haben, dann muss man sie ausweisen", sagt er, aber warum sollte man alle bestrafen? Es waren doch keine Syrer sondern Marokkaner, habe er gehört.

Er kann sich nicht vorstellen, in einem Transitcamp in Mazedonien bleiben zu müssen, wenn die Balkanroute dicht gemacht wird: "Hier gibt es doch nichts für uns". Er will nach Deutschland, wie wohl fast alle auf dem Bahnsteig in Tabanovce. Sie rufen "Alemania, Alemania", als sie uns Journalisten deutsch sprechen hören.

Bahnsteig mit Müll (Foto: DW/B. Wesel)

Jeden Tag werden tausende Flüchtlinge durchgeschleust - da bleibt viel zurück

Auch Samir hat unterwegs Dramatisches erlebt: Auf der Überfahrt von der türkischen Küste nach Mytilini habe er das Schlauchboot gesehen, mit dem vor einer Woche 20 Flüchtlinge ertrunken sind: "Es ist ganz langsam untergegangen, vielleicht 20 Minuten lang", und keine Küstenwache in der Nähe um zu helfen. Das war der schlimmste Teil der Reise, danach lief es ganz gut. Unter den Leuten aus dem Zug seien viele Syrer und viele Kurden, aber auch andere Nationalitäten: "Es gibt einige, die haben sich falsche Papiere gekauft. Ich weiß nicht, woher sie kommen…manche findet die Polizei, andere nicht." Kein Wunder: Die Kontrollen sind flüchtig, falsche Papiere können die Polizisten hier kaum erkennen.

Endstation für Libyer und andere

In einer Ecke hocken zwei junge Männer aus Libyen. Für Bilal und seinen Freund Soufian ist hier Endstation. Als sie vor zwei Monaten aus der Gegend von Tobruk loszogen, wussten sie nicht, dass Mazedonien nur noch Syrer, Iraker und Afghanen durchreisen lassen würde. Über die griechische Grenze sind sie noch mit Schleppern gekommen. Jetzt aber sind die beiden deprimiert, weil sie schon seit vier Wochen hier feststecken. "Wir wissen nicht, wohin wir sollen." In der letzten Nacht habe ein anderer Libyer versucht, hier in der Nähe durch den Wald nach Serbien zu gehen. "Aber die Polizei hat ihn festgenommen", erzählt Bilal.

Hier sei zu viel Polizei und man müsste weiter entfernt versuchen, über die grüne Grenze zu kommen. Aber das Gelände ist unwegsam und die beiden haben kein Geld mehr: Mazedonische Polizisten hätten ihnen alles weggenommen. Im UNHCR-Zelt ist es wenigstens warm und es gibt zu essen. Aber die Lage der beiden jungen Libyer ist ziemlich aussichtslos: Wenn sie nicht Geld für Schlepper beschaffen können, sitzen sie im Niemandsland in Mazedonien fest.

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