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Politik

Warten aufs Startsignal

Lange nichts mehr gehört vom amerikanischen Raketenabwehrsystem. Hatte sich das Ganze nicht erledigt durch das neue Bedrohungsszenario Terrorismus? Weit gefehlt!

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Udo Bauer

Donald Rumsfeld, vorübergehend totgesagtes Pentagon-Rauhbein, schwimmt wieder obenauf. Mit markigen Worten kündigte er auf einer Konferenz vor mehreren Hundert Vertretern des militärisch-industriellen Komplexes die Geburt des neuen Raketenabwehrsystems an: "Hier triumphieren Hoffnung und Vision über Pessimismus und Skepsis!“

Der Verteidigungsminister ließ keinen Zweifel daran, dass er sein neues Spielzeug schon bald geschenkt bekommt - und zwar schon weit vor Weihnachten. Mitte September, so schätzt der für die Entwicklung des Star Wars-Systems zuständige General John Holly, werde er wohl sein endgültiges Gutachten zur Einsatzbereitschaft vorlegen. Politisch ist das System auch innerhalb der USA zwar sehr kontrovers, aber gerade Kontroversen nimmt Präsident Bush ja bekanntermaßen gerne als Herausforderung. Er hatte schon vor einigen Tagen angekündigt, dass das Raketenabfangsystem „noch in diesem Jahr funktionsfähig“ werde - ohne es wirklich wissen zu können.

Star Wars ist Wahlkampfthema

Unabhängig von der Frage, ob ein solches System strategisch überhaupt Sinn macht und ob es überhaupt funktioniert, will der Präsident schon jetzt demonstrieren, dass ihm die nationale Sicherheit lieber und teurer ist als seinem Herausforderer John Kerry. Der Demokrat hatte sich ja in letzter Zeit als harten Hund dargestellt, mehr Truppen gefordert als Bush für den Irak und die gesamten Streitkräfte, mehr Geld für Verteidigung, und, und, und. Nur in einem Punkt offenbart der Möchtegern-Commander-in-Chief aus republikanischer Sicht eine Schwäche: Er will nicht so viel Geld ausgeben für die Raketenabwehr. Also wird das (nach Meinung vieler Militärexperten völlig nutzlose) Projekt jetzt erst recht politisch gepusht.

Die Begründung dafür muss allerdings noch nachgeliefert werden. Denn dessen Notwendigkeit erschließt sich dem Wähler nicht auf Anhieb. Selbst wenn Nordkorea die Fähigkeit hätte, Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen Richtung USA zu schicken, glaubt dann irgend jemand, dass das (steinzeit-)kommunistische Regime sich auch trauen würde, auf den roten Knopf zu drücken und eine Rakete Richtung US-Westküste abzuschießen. Die Antwort der USA wäre offensichtlich die totale (eventuell nukleare) Zerstörung des Landes, Steinzeit eben. Aber das Außerkraftsetzen der Logik bei militärischen Dingen ist ja eine Spezialität der Bush-Administration, das weiß man spätestens seit der Irakkontroverse.

Technische Probleme

Heimlich, still und leise also haben die Bushmänner während der letzten Jahre an dem milliardenteuren System weitergeforscht. Mittlerweile ist der erste dieser Interzeptoren bereits in einem Raketensilo in Alaska. Weitere sollen folgen und intensiv getestet werden. Apropos Test: Die meisten der bisher durchgeführten Raketenabwehr-Manöver gingen voll in die Hose. Zuletzt musste ein Test wegen eines Computerfehlers abgesagt werden. Auch hatten sich die Militärs beim Setup der Test selbst in die Tasche gelogen, weil sie die Angriffrakete viel zu einfach programmiert hatten, sprich ohne die seit Jahrzehnten gängigen Ablenk- und Schutzmassnahmen ausgestattet hatten.

Aber, wie gesagt, logisch muss ja in Amerika nicht alles sein. Vor allem nicht im Wahljahr.