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Europa

Warten auf die Rückkehr in die Heimat

Die Lage der Bevölkerung in der Ostukraine ist dramatisch. Inzwischen sind Hunderttausende auf der Flucht. Auch nach Russland.

Charkiw, im Nord-Osten der Ukraine. An einem warmen Sommertag sitzen Menschen auf Parkbänken. Sie können sich nicht über das schöne Wetter freuen, aus ihren Gesichtern spricht die Angst um ihre Existenz. Die Menschen sind aus der Ostukraine geflüchtet, wo seit Wochen Kämpfe zwischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen toben. Ein Arzt aus Luhansk, der mit Frau und Kind nach Charkiw flüchtete, sagte dem WDR: "Von 450.000 Einwohnern sind nur etwa 80.000 geblieben. Wir warten hier, bis die Stadt befreit ist. Dann kommen wir und bauen die Straßen wieder auf."

Seit Ende Juni lebt die Familie von ihrem Zuhause entfernt. Wie ihr geht es vielen anderen Menschen in der Ostukraine. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR schätzt, dass inzwischen mehr als 117.000 Menschen innerhalb der Ukraine auf der Flucht sind. Zusätzlich seien bis zum 1. August schätzungsweise 168.000 Menschen nach Russland geflohen. Die meisten von ihnen hätten dort aber offenbar keinen Flüchtlingsstatus.

Viele bleiben in der Grenzregion

Nach russischen Angaben hat der Großteil der Vertriebenen um eine befristete Aufenthaltserlaubnis gebeten. Fast 20.000 Ukrainer hätten sogar die russische Staatsbürgerschaft beantragt. Laut russischen Behörden ist die Zahl der Ukrainer, die seit dem Beginn des Konflikts nach Russland kamen, noch deutlich höher. Die Einwanderungsbehörde registrierte zwar 168.000 Flüchtlinge, schätzt aber, dass insgesamt rund 730.000 Ukrainer seit Anfang des Jahres dank eines visumfreien Einreiseprogramms nach Russland gekommen sind. Dan McNorton vom UNHCR sagte der DW: "Das sind nicht alles Flüchtlinge, aber Menschen, die ihre Heimat dennoch verlassen, weil sie es woanders für sicherer halten. Die Zahlen sind schwer zu verifizieren. Manche Ukrainer werden auch einfach auf Reisen sein."

Ukraine Alltag in Donetzk (Foto: DW)

Die ostukrainische Stadt Donezk ist vielerorts wie ausgestorben

Die meisten der geflüchteten Ukrainer, rund 80 Prozent, blieben laut UNHCR in den Grenzgebieten. Andere besuchten Freunden oder Verwandten in anderen Teilen Russlands. Rund 42.000 Menschen lebten derzeit in russischen Flüchtlingslagern.

Zuhause ist es nicht mehr sicher, sagt auch John Ging vom Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (OCHA): "Rund 3,9 Millionen Menschen leben in Gegenden, die direkt von gewalttätigen Auseinandersetzungen betroffen sind." Wer dort bliebe, sei immer stärker gefährdet, da sich die Kämpfe langsam in die stärker besiedelten Regionen verlagerten. Zwar bemühten sich die Vereinten Nationen, Menschen zu beschützen. Laut eines Berichts der Weltgesundheitsorganisation WHO seien seit Mitte April bei Kämpfen in der Ostukraine aber mindestens 1300 Menschen ums Leben gekommen und 4000 verletzt worden.

Angst vor Repressionen in der Heimat

Viele Ukrainer haben zudem Angst vor Verfolgungen wegen ihrer politischen Ansichten oder der ethnischen Zugehörigkeit. "Die Separatisten klauen Autos und rauben Banken aus, sie töten Menschen einfach so", behauptet ein junger Mann aus Luhansk, der nun in Charkiw Unterschlupf sucht. "Sie haben einem Kumpel von mir mit einem Hammer die Knie zerschlagen. Deshalb sind wir weg von da", sagte er dem WDR. Wie der Mann leben die meisten Vertriebenen, die in der Ukraine bleiben, bei Freunden oder der Familie. Andere mieten eine eigene Wohnung. "Die Suche nach einer Unterkunft zählt zu den größten Problemen der Vertriebenen in der Ostukraine" sagt Dan McNorton vom UNHCR.

Ukraine Flüchtlinge aus Donezk 26.06.2014 (Foto: Picture-alliance/dpa)

Ukrainische Flüchtlinge aus Donezk verlassen ihre Heimat

Neun von zehn Flüchtlingen innerhalb der Ukraine stammen nach UNHCR-Informationen aus den östlichen Regionen Luhansk und Donezk. Die restlichen rund 15.000 Menschen waren bislang auf der Halbinsel Krim zu Hause. Das UNHCR fordert nun von der Regierung in Kiew, eine zentrale Registrierung von Binnenvertriebenen einzuführen. Der Mangel an einem systematischen und einheitlichen System erschwere die Koordination und Umsetzung der Hilfsmaßnahmen. Wichtig sei auch, dass die ukrainischen Behörden Vorbereitungen für den Winter träfen. Die meisten der aktuellen Unterbringungen seien nicht geeignet für die kalten Monate.

Schäden durch Kämpfe belasten Menschen

Seit Anfang Juli kehrten immerhin rund 20.000 Menschen in das von der ukrainischen Armee zurückeroberte Slowjansk zurück. Doch die Infrastruktur ist in vielen Gebieten durch Kämpfe beschädigt. McNorton: "Vor allem das Trinkwasser wird immer knapper, weil viele Häuser und Gebäude zerstört wurden." Zudem gehe vielen das Geld aus, da Geldautomaten nicht mehr funktionierten.

Das UNHCR hat den Rückkehrern Hygiene-Artikel und Küchenutensilien zur Verfügung gestellt, um ihnen die Wiederaufnahme ihres Alltags zu erleichtern. Doch das, sagt McNorton, könne nur ein Anfang sein: "Wir brauchen dringend eine politische Lösung in der Ostukraine", sagt er. "Nur so können wir erreichen, dass die Zahl der Flüchtlinge wieder sinkt."

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