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Kultur

Warten auf die Auferstehung

Tiefgefrorene Menschen wieder zum Leben zu erwecken, sei etwa dasselbe wie der Versuch, aus einem Hamburger wieder eine Kuh zu machen, sagen Skeptiker. Kryoniker hingegen wollen dem Tod eiskalt ein Schnippchen schlagen.

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Kryonik: Der Tod als Zwischenstopp?

Thorsten Nahm ist erst 28 Jahre alt, doch mit dem Tod beschäftigt er sich schon länger. Er ist Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft für Transhumanismus" in Bonn, die sich mit den Möglichkeiten beschäftigt, biologische Grenzen des menschlichen Lebens zu überwinden. Und darum will er jetzt schon seine vorerst letzte Reise buchen.

Option auf Auferstehung

"Kryos" heißt im griechischen Kälte. Und diese Kälte soll Nahm die Auferstehung nach dem Tod garantieren. Die Kryoniker lassen sich nach ihrem Tod in der Hoffnung einfrieren, dass die Wissenschaft irgendwann weit genug sein wird, die Tiefkühlkörper unbeschadet ins Leben zurück zu holen. Dazu werden unmittelbar nach Eintritt des Todes die Körperflüssigkeiten durch Frostschutzmittel ersetzt. Danach wird der Körper bei minus 196 Grad Celsius in meterhohen Edelstahlzylindern, die wie überdimensionierte Thermosflaschen aussehen, auf unbestimmte Zeit gelagert.

Die Chance ist größer Null - immerhin

Als Naturwissenschaftler und Atheist sieht Thorsten Nahm darin die einzige Chance, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen: "Es ist ein wissenschaftliches Experiment, das schief gehen kann. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es klappt ist größer Null, und das ist mehr, als wenn ich nichts unternehme."

Kryonik

Alcor: Das Geschäft mit der Auferstehung?

In den USA gibt es bereits etwa ein Dutzend kryonischer Organisationen, die mit dem Glauben an die Unsterblichkeit ihr Geschäft machen. Allein die "Stiftung für Lebensverlängerung" namens "Alcor" in Arizona verzeichnet bereits über 1000 Vertragspartner. Kostenpunkt für Thorsten Nahm: Rund 120.000 US-Dollar.

Irreparable Schäden

Die meisten deutschen Wissenschaftler halten diese Angebote für fragwürdig. "Nach aktuellem Stand der Wissenschaft wird in naher Zukunft die Reanimation aufgetauter Körper nicht möglich sein", erklärt ein deutscher Kryobiologe. Zwar ist Konservierung durch Kälte in Medizin und Biologie längst an der Tagesordnung, etwa bei der Lagerung von Eizellen, Spermien oder Blutkonserven. Aber das Einfrieren ganzer Organe - etwa für eine spätere Transplantation - hat bisher noch nicht funktioniert. Denn die extreme Kälte hinterläßt bei den Zellen irreparable Schäden.

Entnahme von DNA aus einer Eizelle, Klonverbot

Irreparable Schäden an Zellen

Auch für Kryoniker ist das ein Problem: Neue Verfahren, wie das der "Vitrifikation", das die Kristallbildung beim Abkühlen verhindert, sollen die Gefrierschäden beim Konservieren reduzieren. "Die Anhänger der Kryonik hoffen auf die Fortentwicklung in Nanotechnologie und Stammzellenforschung", weiß der Biologe, "die solche Schäden eines ungewissen Tages reparabel machen wird." So ist sich auch Thorsten Nahm sicher: "Die Wissenschaft hat schon häufig überraschende neue Impulse bekommen. Wer hätte sich vor ein paar Jahrzehnten das Klonen vorstellen können?" Optimisten wie das Alcor-Mitglied Ray Kurzweil sind davon überzeugt, dass es bereits in 50 Jahren soweit sein könnte.

Geht die Persönlichkeit verloren?

Der Kryobiologe bezweifelt das und gibt zu bedenken: "Wir können auch nicht abschätzen, was bei diesen Verfahren im Gehirn mit den Synapsenverbindungen passiert. Das ist wie ein Bauplan, der Persönlichkeit, Erfahrung, Erinnerungen eines Menschen ausmacht. Ich glaube nicht, dass man den rekonstruieren kann.

Das Geschäft mit dem Tod

Musik im Kopf

Was passiert mit Erinnerungen, Erfahrungen und Persönlichkeit?

Für Thorsten Nahm hingegen ist die Sache klar: Der 50 Seiten dicke Vertrag mit Arcor liegt bereits unterschrieben zu Hause: Zwei Zeugen mussten ihm geistige Zurechnungsfähigkeit bescheinigen. In seinem Testament darf er keine gegenteiligen Verfügungen hinterlassen und die Finanzierung versucht er gerade mittels Risikolebensversicherung zu stemmen. Nahm gehört zu dem guten Dutzend Deutscher, die sich ernsthaft für Kryonik interessieren. "In den USA sind die ethischen Bedenken nicht so groß wie hier," weiss Nahm.

Darum wird es für ihn in Deutschland, wie in fast allen anderen europäischen Ländern - mit Ausnahme Großbritannien - schwierig: Nahm müsste kooperative Ärzte finden, die der Überführung seines Körpers zustimmen.

Und dann?

Und wenn der Tag X gekommen ist? Der Kryobiologe vermutet: "Durch das Verfahren gehen Information verloren, die man nicht mehr zurück holen kann." Nahm hingegen hält es auch durchaus für möglich, dass sein Bewusstsein und seine Erinnerungen auf einem Mikrochip gespeichert werden können. Und er hofft, dass die Wissenschaft es schon so richten wird, dass er nach seiner Auferstehung am normalen Leben teilnehmen kann, denn eins weiß er genau: "So wie ein Tier im Zoo leben will ich nicht."

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