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Geschichte

Warschau: Wunden, die niemals heilen

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Ein Datum, das fest im kollektiven Gedächtnis des osteuropäischen Landes verankert ist. Besonders in der Hauptstadt Warschau.

Janina Szumna war zehn Jahre alt, als sie deutsche Offiziere in NS-Uniform durch die Straßen marschieren sah. Sie wohnte mit den Eltern im Zentrum Warschaus. Noch am Sonntag zuvor war die Familie durch die lebhaften Straßen flaniert und in einer der besten Konditoreien Warschaus eingekehrt. Dann, an jenem Freitag, überfiel Hitlers Wehrmacht das Land. "Als der Krieg ausbrach, verließ mein Vater mit den polnischen Truppen die Stadt. Meine Mutter ging mit uns Kindern zu Freunden aufs Land, weil dort die Versorgungslage besser war", erinnert sich Janina Szumna.

Es sollten fünf Jahre vergehen, bis Janina Szumna in ihre Heimatstadt zurückkehrte. Sie erkannte Warschau nicht wieder. "Die Häuser lagen in Trümmern. Es war schrecklich, alles in Schutt und Asche gelegt."

Janina Szumna war bei Kriegsbeginn zehn Jahre alt (Foto: DW)

Janina Szumna war bei Kriegsbeginn zehn Jahre alt

Die Bilder der Zerstörung lassen sie auch heute nicht los. "Ich sehe immer noch die Trümmerberge vor mir." Janina Szumna ist nach Berlin gereist, um von Warschau zu berichten, den Wunden der Stadt und dem Wiederaufbau. Anlass ist die Ausstellung "Lass mich dir von meinem Warschau erzählen…" auf Initiative der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" und des Vereins "Freunde alter Menschen". Die Schau zeigt private Fotografien von Menschen, die meist noch Kinder waren, als der Krieg kam, Bilder von damals und heute.

Verzweifelter Widerstand

In Polen gibt es heute rund 450.000 Menschen, die den Krieg am eigenen Leib erlebt und überlebt haben. Jeder Einzelne steht für eine meist schmerzvolle Lebensgeschichte. In Warschau wütete der NS-Terror von Kriegsbeginn an. Tagtäglich gab es Exekutionen und Deportationen. Die Menschen hungerten. 1940 errichteten die NS-Besatzer ein Ghetto und pferchten dort die Juden Warschaus ein, später auch Juden aus der Umgebung.

Zwei Ghetto-Insassen werden während des Warschauer Ghetto-Aufstands von SS-Soldaten gefangen genommen (Foto: picture-alliance)

Zwei Ghetto-Insassen werden während des Warschauer Ghetto-Aufstands gefangen genommen

Fast ein Drittel der 1,3 Millionen Einwohner Warschaus waren jüdischen Glaubens, die größte jüdische Gemeinde Europas zu der Zeit. Sie waren nun auf engstem Raum eingesperrt. Doch das Ghetto war nur eine Zwischenstation, denn die meisten Gefangenen wurden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert.

1943, kurz vor der Auflösung des Ghettos und damit dem endgültigen Transport aller Insassen nach Treblinka, riefen die Eingesperrten den Aufstand aus und leisteten über Wochen verzweifelten Widerstand. Am Ende erfolglos. Die SS machte das Stadtviertel dem Erdboden gleich.

Das Drama von 1944

Nun begann auch die übrige Bevölkerung von Warschau, sich auf einen großen Aufstand gegen die NS-Besatzer vorzubereiten. Im Sommer 1944 war es soweit. Die Sowjetarmee stand schon am östlichen Ufer der Weichsel, die durch Warschau fließt. Die polnischen Kämpfer hatten sich zur Armia Krajowa, zur Heimatarmee, zusammengeschlossen. Sie hofften, die Sowjets würden ihnen bei Ausbruch der Kämpfe zu Hilfe kommen. Doch nichts dergleichen geschah. Der Aufstand kostete 200.000 Menschen, vor allem Zivilisten, das Leben.

Mit dem Überfall auf Polen am 1.9.1939 begann der Zweite Weltkrieg (Foto: k.A.)

Mit dem Überfall auf Polen am 1.9.1939 begann der Zweite Weltkrieg

Dramatische Szenen spielten sich ab, als Wehrmacht und SS zur Abschreckung Massenexekutionen in den Stadtbezirken Wola und Ochota durchführten. "Deutsche Offiziere meldeten damals in ihren Berichten, dass die Munition für das tausendfache Töten fehlte, und sie deshalb die Menschen in die Keller trieben, um sie dort mit Granaten und Flammenwerfern zu ermorden. Das war billiger", sagt der Historiker Łukasz Michalski vom Polnischen Institut für Nationalgedenken. Nach 63 Tagen kapitulierten die Aufständischen.

Was dann folgte, war ohne Beispiel. Die Deutschen machten den Stadtkern dem Erdboden gleich. Das Königsschloss, die Altstadt und die wichtigsten Bauwerke wurden gesprengt. Warschau war damals schon völlig entvölkert: Vor dem Aufstand lebten rund 700.000 Menschen dort, nun versteckten sich in den Ruinen gerade einmal 900 Menschen. In Anlehnung an den Roman Daniel Defoes heißen sie im Volksmund "die Warschauer Robinsons".

Die Realität der Nachbarn besser kennen

Der Historiker Michalski ist sich mit vielen seiner Landsleute einig, dass die Geschichte des Warschauer Aufstands bekannter werden soll, vor allem in Deutschland. Aktuelle Brisanz hat das Thema durch die Kontroverse um den Film "Unsere Mütter, unsere Väter" des öffentlich-rechtlichen ZDF erhalten. Der Film hatte in Polen Empörung ausgelöst, weil die polnische Heimatarmee dort für viele Kritiker als antisemitisch dargestellt wird. Aus der Debatte hat der Publizist und Deutschlandkenner Adam Krzeminski den Schluss gezogen, dass eine gemeinsame deutsch-polnische Filmproduktion für mehr gegenseitiges Verständnis sorgen könnte. "Darin könnte der unterschiedliche Alltag der Deutschen und Polen im besetzten Warschau gezeigt werden." Er hält es für wichtig, den Deutschen das Ausmaß der NS-Besatzungspolitik in Polen zu erklären. Bisher sei das für die meisten Deutschen ein "exotisches Stück Geschichte im Osten".

Janina Szumna: Die Erinnerung an den Schock bleibt (Foto: DW)

"Die Erinnerung an den Schock bleibt"

In Polen entstehen derzeit mehrere Filme über den Aufstand. Im kommenden Jahr, wenn sich der Aufstand zum 70. Mal jährt, soll die Produktion "Die Stadt '44" in die Kinos kommen. Vor 1989 wurde der Aufstand vom kommunistischen Regime verschwiegen, die Kämpfer von damals galten als Feinde der Sowjets. Heutzutage hält die Stadt jedes Jahr am 1. August, pünktlich um 17 Uhr, eine Minute inne, die Sirenen jaulen auf, die Menschen gedenken still.

Schwierige Debatte

Unterdessen hat sich eine innerpolnische Debatte entwickelt: Welchen Sinn hatte der Aufstand vom Sommer 1944? Wie sehr diese Frage spaltet, zeigt das Buch des konservativen polnischen Historikers Piotr Zychowicz mit dem Titel "Wahnsinn '44". Seine These: Einerseits erweise man den Helden des Aufstands Ehre und zugleich hinterfrage man den Sinn ihres heroischen Todes. Zychowicz schreibt: "Die polnischen Offiziere haben schlechte Arbeit geleistet. Sie haben die Besten der jungen Generation geopfert, die Blüte des Volkes, die nach dem Krieg fehlte."

Dass der Zweite Weltkrieg in der polnischen Öffentlichkeit auch heute noch so präsent ist, ist für Janina Szumna und viele Überlebenden ein zweischneidiges Schwert: Zwar hilft es, die Erfahrungen ihrer Jugend aufzuarbeiten, doch es reißt auch alte Wunden auf. "Die Erinnerung an den Schock bleibt: Als wir wieder nach Hause gingen - und keines mehr hatten." Die Fotos geben nur einen kleinen Einblick in das Schicksal der Stadt und ihrer Menschen. Doch sie zeigen, dass manche Wunden nie verheilen.

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