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Welt

Warnung vor Russlands Atomindustrie

Rosatom gehört zu den wichtigsten Verkäufern der Atomtechnologie weltweit. Auch nach der Katastrophe von Fukushima hält das undurchsichtige russische Unternehmen an der gefährlichen Atomtechnik fest. Kritiker warnen.

Der russische Atomexperte Andrey Ozharovskiy von der NGO Nördliche Allianz für Nachhaltigkeit (Foto: Achim Nuhr, DW)

Nuklearphysiker Andrey Ozharovskiy warnt

Das Videoblog von Rosatom verkündet stets Erfolgsmeldungen, denn die russische "Staatliche Körperschaft für Nuklearenergie" lebt weiterhin im Zeitalter der atomaren Verheißung: So plant Rosatom gerade einen atomar betriebenen Eisenbahnzug. Dabei gibt es wichtige Gründe, bescheidener aufzutreten: Der sowjetische Vorgänger von Rosatom verschuldete bekanntlich mehrere Atomkatastrophen, zum Beispiel Tschernobyl. Damals galten der sowjetische Staat und seine Führung als politisch verantwortlich.

Das neue Atomkraftwerk Buschehr im Iran wurde mit Hilfe von Rosatom gebaut. Foto vom 20. August 2010. (Foto: EPA / ABEDIN TAHERKENAREH)

Das neue Atomkraftwerk Buschehr im Iran wurde mit Hilfe von Rosatom in Betrieb genommen



Eine Behörde, ein Privat- oder ein Staatsunternehmen?

Doch wer ist eigentlich heute zuständig für den riesigen russischen Atomkomplex mit rund 250.000 Mitarbeitern? Ist die "Körperschaft" Rosatom eher eine Behörde, ein Privat- oder ein Staatsunternehmen? Darauf gibt deren aufwendige Website keine Antwort. Stattdessen werden 67 "Betriebe" aufgelistet, die alle irgendwie dazu gehören: ein Sammelsurium staatlicher Forschungsinstitute, privater und staatlicher Unternehmen sowie Behörden. Rosatom sieht sich als - Zitat - "eine Reihe von Unternehmen, die sich sowohl mit der Entwicklung von Nuklearanlagen beschäftigen als auch mit der nuklearen und Strahlensicherheit, dem Atomwaffenkomplex sowie der Grundlagenforschung".

Undurchsichtig und anfällig für Korruption

Wer diese Struktur nicht versteht oder gar für gefährlich hält, befindet sich in guter Gesellschaft: Die Nichtregierungsorganisation Transparency International sieht eine "erhöhte Anfälligkeit für Korruption". Ähnlich sieht das der unabhängige Atomexperte Andrey Ozharovskiy: "Rosatom hat bereits mehrfach den Namen gewechselt: Früher nannte man sich 'Staatskomitee für die Nutzung der Kernenergie', dann 'Ministerium für Atomenergie'. Nun also: 'staatliche Körperschaft'. Das lässt Rosatom alle Möglichkeiten offen. Beim Atomabfall sagen die: Wir sind staatlich - bitte gebt uns öffentliche Mittel für die Abfallentsorgung. Aber beim Betrieb der Atomkraftwerke heißt es: Wir sind ein Privatunternehmen, wir sind gewinnorientiert. Fragt also nicht nach Reaktorsicherheit oder unseren Auslandseinnahmen – das sind alles Geschäftsgeheimnisse."

"Sicherheitsstandards sind niedrig"

Atomkraftwerk Kolskaya von Rosatom auf der Kola-Halbinsel. Quelle: Fotodatenbank von Rosatom zur Veröffentlichung freigegeben.

Atomkraftwerk Kolskaya läuft länger und eventuell bald mit erhöhter Leistung.

Der russische Nuklearphysiker Andrey Ozharovskiy arbeitet für Nichtregierungsorganisationen wie die "Nördliche Allianz für Nachhaltigkeit", die osteuropäische Umweltschützer zusammenführt. Er beobachtet vor allem die Atomkraftwerke von Rosatom: zum Beispiel das alte AKW Kolskaja im äußersten Nordwesten Russlands: "Die ersten beiden Atomreaktoren gingen bereits 1973 und 1974 in Betrieb. Die Sicherheitsstandards sind entsprechend niedrig. Eigentlich liefen deren ursprünglich vorgesehene Laufzeiten schon vor sieben und acht Jahren ab. Aber sie laufen bis heute", gibt der Nuklearphysiker zu bedenken. Nun soll nach seiner Information die ursprünglich vorgesehene Maximalleistung um sieben Prozent gesteigert werden: von 440 Megawatt auf 470 Megawatt. Nach Einschätzung von Andrey Ozharovskiy sei dies auch deshalb gefährlich, weil dabei der Druck und die Temperatur im Reaktor über das zunächst geplante Limit hinaus erhöht würden.

Rosatom hat keine Bedenken

Saida-Bucht, Kola-Halbinsel: Atom-U-Boot-Schrott , (Foto: Achim Nuhr, DW 2011)

Rosatom kümmert sich auch um die Entsorgung alter Atom-U-Boote

Rosatom sieht bei der Laufzeitverlängerung für das alte Kolskaja-Atomkraftwerk dagegen kein Problem: Sie sei gerechtfertigt wegen "intensiver Modernisierungsmaßnahmen", nach denen das AKW "derzeit" die Empfehlungen der Internationalen Atomenergie-Organisation erfüllen würde, verkündet Rosatom auf seiner Website. Ein anderes Rosatom-Dokument bestätigt die geplante Kapazitätssteigerung, ohne jedoch präzise Zahlen zu nennen. Trotzdem meint Andrey Ozharovskiy, dass es um die Sicherheit nicht nur dieses russischen Atomkraftwerks schlecht bestellt sei: Allein im Februar hätten innerhalb von nur elf Tagen fünf russische Atomkraftwerke nach Zwischenfällen notabgeschaltet werden müssen. Rosatom lässt sich davon nicht beirren: Bald soll ein schwimmendes Atomkraftwerk auf die raue Arktische See gezogen werden.

Autor: Achim Nuhr
Redaktion: Gero Rueter

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