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Politik

Warnung vor "ökologischer Aggression"

Am Sonntag (27.10.02) erhielten der Politiker Klaus Töpfer und der Unternehmer Peter Lüth den "Deutschen Umweltpreis 2002". Unter anderem für ihr außergewöhnliches Engagement für eine nachhaltige Entwicklung.

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Will nicht zurück in die Bundespolitik: Klaus Töpfer

Der "Deutsche Umweltpreis" ist der höchstdotierte Umweltpreis Europas und wird seit 1993 von der "Deutschen Bundesstiftung Umwelt" vergeben. Mit der Preisvergabe würdigt die unabhängige Stiftung "Einsatz und Leistungen, die entscheidend und in vorbildlicher Weise zum Schutz und zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Umwelt beigetragen haben oder in Zukunft zu einer deutlichen Umweltentlastung beitragen werden".

Seit 1998 ist Klaus Töpfer (CDU) Direktor der UN-Umweltbehörde UNEP. Im Gespräch mit DW-WORLD erklärt der ehemalige Bundesumweltminister, wie Umweltpolitik wieder auf die internationale Tagesordnung kommen kann.

DW-WORLD: Herr Töpfer, seit 1998 sind sie bei der UNO und gelten als einer der profiliertesten Umweltpolitiker. Findet eigentlich Umweltpolitik auf internationaler Ebene noch Beachtung nach den Ereignissen am 11. September 2001?

Klaus Töpfer: Auch der Kampf gegen den Terror lenkt nicht von der Notwendigkeit einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung ab. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass über zwei Milliarden Menschen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, dann ist klar, dass etwas passieren muss. Eine solche wirtschaftliche Entwicklung kann aber wiederum nur im Einklang mit der Umwelt stattfinden.

Das klingt optimistisch. Allerdings helfen alle Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft wenig, wenn die USA als weltweit größter Emissionsproduzent sich weiterhin dagegen wehren, Abkommen wie das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen...

Meine Mutter hat mir früher einmal gesagt: Wenn man mit einem Finger auf einen anderen zeigt, soll man daran denken, dass drei Finger auf einen selbst zurückzeigen. Wir sollten nicht immer auf andere gucken, sondern selbst daran arbeiten, Umweltstandards umzusetzen. Von daher ist es gut und richtig, dass die EU und Japan das Kyoto-Protokoll ratifiziert haben. Wir sollten außerdem bedenken, dass die USA ein sehr großes Land sind und die Umweltpolitik einzelner US-Staaten – zum Beispiel Kalifornien – sehr fortschrittlich ist.

Aber Tatsache ist doch, dass es mittel- und langfristig ohne die USA kein Fortkommen beim internationalen Umweltschutz geben kann.

Natürlich geht es nicht ohne die USA. Aber wir sollten nicht auf die Amerikaner warten, sondern ihnen zeigen, dass Umweltmaßnahmen sehr wohl günstig für die Wirtschaft sind und Vorteile mit sich bringen. Nur im Dialog und nicht in der Konfrontation können wir Umweltpolitik mit den USA machen.

Als erfahrener Skatspieler wissen Sie, dass es sich mit einem guten Partner an der Seite am besten gegen den Spieler mit den Trümpfen in der Hand spielen lässt. Mit wem sollten die Europäer koalieren, um die Bush-Administration zum Nachdenken in Umweltfragen zu bringen?

Das Kyoto-Protokoll hat gezeigt, das eine Koalition mit den Entwicklungsländern und China sehr gut funktioniert. Auch die Zusammenarbeit mit Japan und Russland war sehr förderlich. Das Kyoto-Protokolls ist es ein reines Rechenbeispiel: Wir brauchen zu seinem Inkrafttreten die Unterstützung von Industrieländern, die gemeinsam für 55 Prozent aller schädlichen Emissionen verantwortlich sind. Die USA produzieren 35 Prozent der Emissionen. Wir müssen nun die Erzeuger der verbleibenden 65 Prozent zusammenbringen. Wenn einer sagt 'ich mach nicht mit', dann heißt das nicht, dass ein Projekt gescheitert ist.

Sie haben unlängst vor einem neuen kalten Krieg des Nordens gegen den Süden gewarnt. Was meinen Sie damit?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es heutzutage eine Art 'ökologische Aggression' gibt. Der reiche Norden wälzt viele seiner Umweltprobleme auf den armen Süden ab, der sich dies nicht auf Dauer gefallen lassen wird. Wie in der Tektonik werden sich auch hier Verwerfungen ausgleichen und es wird im übertragenen Sinne Erdbeben geben. Das sollten wir sehr ernst nehmen.

Was bedeutet der Begriff der Nachhaltigkeit in der politischen Diskussion heute noch?

Dieser Begriff wird mittlerweile vollkommen inflationär verwendet. Für uns bedeutet Nachhaltigkeit: Wirtschafte so, dass auch die kommenden Generationen mit den gleichen Chancen ihr Leben gestalten. Wir dürfen die Umwelt in ihren Erträgen nutzen, aber nicht ihre Substanz angreifen und Raubbau betreiben. Nachhaltigkeit wird für die Menschheit zu einer Überlebensfrage werden.

Umweltbewusstsein ist durch kulturelle und historische Unterschiede geprägt. Wir wissen, dass Japan zum Beispiel – angeblich aus kulturellen Gründen – nicht auf den Walfang verzichten will. Wie kann die internationale Gemeinschaft auf einen gemeinsamen Nenner in Umweltfragen kommen?

Das ist eine sehr schwieriges und wichtiges Thema. Sicherlich kann gemeinsame Umweltpolitik nur gemacht werden, wenn Menschen aus allen Erdteilen bereit sind, voneinander zu lernen. Die Globalisierung darf nicht zu einer kulturellen Konformität führen. Anders als beim Beispiel des Walfangs in Japan ist es in der Regel so, dass kulturelle Vielfalt Artenvielfalt unterstützt. So sind die Kenntnisse der indigenen Völker und Urvölker über Natur und Naturmedizin unglaublich wertvoll und können uns helfen, eine stabile Entwicklung in Umweltfragen zu erreichen.

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  • Datum 28.10.2002
  • Autorin/Autor Das Gespräch führte Oliver Schilling
  • Drucken Seite drucken
  • Permalink http://p.dw.com/p/2Vh5
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