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Asien

Warnte bevor die Erde bebte: Der Sender NHK

Die Erdbebenberichterstattung von Japans Fernsehsender NHK ist weltweit einmalig. Am 11. März sahen Millionen Zuschauer die Live-Bilder von NHK und verfolgten die Katastrophe in Echtzeit am Bildschirm.

Redakteure sitzen bei NHK vor den Monitoren (Foto: DW/Silke Ballweg)

Alle Kanäle im Blick: Nach dem Erdbeben sendete NHK eine Woche lang ein Sonderprogramm

Bei Erdbebenwarnungen schießen bei NHK die Einschaltquoten nach oben. So war es auch am Nachmittag des 11. März: Am Tag des großen Bebens sendet das Satellitenprogramm von NHK live aus dem japanischen Parlament. Man sieht, wie Abgeordnete miteinander diskutieren und über Vorschläge und Ideen abstimmen.

Mit einem kurzen Signalton wird um 14 Uhr 46 Ortszeit dann plötzlich ein blauer Schriftzug mit einer Landkarte eingeblendet: 'Im Nord-Osten der Hauptinsel Honshu hat sich soeben ein Erdbeben ereignet.' Der Reporter aus dem Parlamentsstudio, der gerade noch über die politische Debatte berichtet hat, unterbricht das Programm und informiert jetzt darüber, welche Präfekturen vom Erdbeben betroffen sind.

Frühe Warnung rettete Menschenleben

Das NHK-Gebäude in Tokio von außen Foto: DW/Silke Ballweg)

Das NHK-Gebäude in Tokio: die Steuerungszentrale des Frühwarnsystems

Japans öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt NHK strahlt eine ganze Reihe von Radio- und Fernsehkanälen aus. Alle verfügen seit Jahren über ein einzigartiges Erdbeben-Frühwarnsystem. Sobald sich irgendwo in Japan ein Beben ereignet, blendet der Sender automatisch eine Erdbebenwarnung ein. Das Besondere an dieser Information ist, dass sie vor den eigentlichen Erschütterungen kommt.

Das System basiert auf der Tatsache, dass bei einem Erdbeben zwei Arten von seismischen Wellen entstehen. Es registriert die Energie der ersten, noch ungefährlichen Wellen und warnt automatisch über alle Fernseh- und Radiokanäle. Denn erst die zweite Erdbeben-Welle lässt die Erde zittern. Diese wenigen Sekunden können lebensrettend sein, weil sie den Menschen die Möglichkeit geben, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Sonderprogramm auf allen Kanälen

Bereits in dem Moment, in dem sich das Erdbeben ereignete, kannten die Mitarbeiter von NHK die Stärke. Anderthalb Minuten nach dem Beben hatte der Sender sein Programm geändert, alle Kanäle brachten nun ein Sonderprogramm.

Routiniert bei Erdbeben-Warnungen: Yoshihiko Shimizu, Nachrichtenchef von NHK (Foto: DW/Silke Ballweg)

Routiniert bei Erdbeben-Warnungen: Yoshihiko Shimizu, Nachrichtenchef von NHK

Der 56 Jahre alte Yoshihiko Shimizu ist seit 2008 Nachrichtenchef von NHK. "NHK hat ein automatisches System", erklärt er: "Wenn sich ein Erdbeben ereignet, das stärker ist als 6, dann stellen wir unser Programm automatisch um." Seine Mitarbeiter seien routiniert und wissen genau, was zu tun ist, weil sich Erdbeben in Japan so häufig ereignen, erklärt Shimizu: "Unsere Journalisten haben ungefähr eine Minute, um auf das Sonderprogramm umzustellen. Das ist wenig Zeit, aber es klappt. Wir haben rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, einen Moderator in Bereitschaft: Der kann jederzeit ins Studio gehen und mit der Live-Sondersendung beginnen."

NHK zeigte Tsunamiwelle

Den Journalisten in Tokio war schnell klar, dass das Erdbeben einen Tsunami ausgelöst hatte. NHK besitzt zwölf Hubschrauber. Sie sind in ganz Japan verteilt und können jederzeit starten, wenn irgendwo etwas passiert. Und so zeigte NHK am 11. März kurz nach dem Beben Bilder der Tsunamiwelle, die auf Japans Ostküste zuraste. Aus der Vogelperspektive konnten die Zuschauer in Japan mitverfolgen, wie die Welle in Sendai auf Land traf: Die Wassermassen verschlingen Autos und Häuser, sie überspülen Felder und Gewächshäuser.

Am 11. März beschrieben die Moderatoren die dramatischen Bilder, die zeigten, wie ein ganzer Landstrich unter den Wassermassen begraben wurde. Sie wirkten dabei distanziert und unbeteiligt. Das sei so gewollt, erklärt Yoshihiko Shimizu: "Egal, was passiert, auch wenn sie sehen, dass eben noch fahrende Autos von dem Wasser erfasst werden und untergehen - unsere Moderatoren sollen ruhig bleiben. Denn wenn sie emotional würden, dann würden auch die Zuschauer von Gefühlen überwältigt."

"Wir wollen keine Panik verbreiten."

Im Newsroom von NHK World sitzen die Redakteure in kleinen Kabinen vor ihren Rechnern (Foto: DW/Silke Ballweg)

Entwicklungen in Fukushima beherrschen die Nachrichten: Newsroom von NHK World

Fast vier Wochen nach dem Erdbeben beherrschen die Entwicklungen in Fukushima noch immer die Nachrichten bei NHK. Allerdings ist es für NHK schwierig, mit den mangelhaften Informationen von Tepco, der Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks, umzugehen. "Eigentlich müssen wir alle Informationen weitergeben, die wir bekommen", so Nachrichtenchef Shimizu, "aber wir müssen auch überlegen und abwägen, was passiert. Denn wir wollen keine Panik verbreiten."

Große Schlagzeilen wie "Radioaktive Wolke zieht nach Tokio", die vor einigen Tagen auf der Webseite eines großen deutschen Politikmagazins stand, würde NHK unter den derzeitigen Umständen nicht bringen, sagt Shimizu: "Denn wenn wir sagen, die Strahlung kommt, dann würden 100 Millionen Leute panisch werden. Deswegen sind wir sehr vorsichtig mit solchen Aussagen."

Doch für diese Vorsicht muss der Sender auch Kritik einstecken. Viele Japaner finden, NHK müsste kritischer sein und Tepco und die Regierung schärfer kritisieren.

Autorin: Silke Ballweg
Redaktion: Ana Lehmann/tko

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