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Politik

Warmes Wasser Mangelware

Würde man die Moskauer nach dem Unwort des Jahres fragen, so würde ganz oben in der Rangliste vermutlich das Wort "Remont" stehen. Das heißt Reparatur, und das bedeutet für fast alle Moskauer: kein warmes Wasser.

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Jedes Jahr werden in den Sommermonaten die Wasser- und Heizungsrohre auf die Probe gestellt, und mit ihnen die Moskauer. Die alljährliche Trockenperiode im Sommer verdanken die Russen dem sowjetischen Zentralisierungsirrsinn: Wärme und Warmwasserzufuhr werden in Moskau wie auch in allen anderen Städten zentral gesteuert. Fernwärme-Kraftwerke versorgen die Haushalte mit warmen Wasser und pumpen in der Heizperiode von Oktober bis April heißes Wasser in alle Heizkörper.

Irgendwann im Oktober, wenn es bereits draußen empfindlich kalt wird, werden in den Kraftwerken die Hebel umgelegt. Dann blubberts in allen Moskauer Röhren, und die Heizkörper wärmen sich. Regulieren lässt sich die Temperatur dann bis zum Ende der Heizperiode nur über das zeitweise Öffnen der Fenster, denn Regler sucht man an den alten sowjetischen Heizkörpern vergeblich. Eine gigantische Energieverschwendung.

Dusch- und Kaffeekränzchen

Da der Großteil des zentralen Heiz- und Röhrensystems hoffnungslos überaltert ist, muss in den Sommermonaten ein Heer von Technikern, Schweißern und Installateuren ausrücken, um auf den Stichtag im Herbst vorbereitet zu sein. Und damit das rund 2400 Kilometer lange Röhrennetz in Ruhe gewartet werden kann, klemmen die städtischen Heizungstechniker Viertel für Viertel von der Warmwasserversorgung ab.

Wenn Olga und Ivan Normalverbraucher Glück haben, erfahren sie rechtzeitig aus der Zeitung, wann ihr Straßenzug trockengelegt wird, oder finden einen Hinweis im Hausflur. Doch nicht selten trifft sie das Warmwasserdefizit überraschend und ohne Vorwarnung. Statt warmen Wassers kommt aus dem Wasserhahn dann nur noch ein dumpfes Röcheln.

Während im Westen Fußball und das Wetter die wichtigsten Gesprächsthemen sind, beschäftigt die Moskauer vor allem eine Frage: Wer hat gerade warmes Wasser? Da viele öffentliche Bäder ebenfalls von den Wartungsarbeiten betroffen sind, bleibt nur die Verabredung zu Dusch-und Kaffeekränzchen. Das Warmwasserdefizit wärmt alte Freundschaften wieder auf. Gefragt sind dann vor allem gute Beziehungen zu Moskauern, die glückliche Besitzer eines Gas-Boilers sind, denn die bleiben von der Warmwasserknappheit verschont.

Improvisation ist gefragt

Auf die dreiwöchige Trockenheit reagieren die Moskauer unterschiedlich. Die Gleichgültigen fahren ihre Körperhygiene auf ein Minimum herunter, was zu Geruchsbelästigungen in den öffentlichen Verkehrsmitteln führt. Die Abgehärteten lassen sich nicht beirren und springen unter die kalte Dusche. Die große Mehrheit löst das Warmwasserproblem mit Improvisation: Auf dem Gasherd wird das Wasser in großen Töpfen erhitzt und im Badezimmer mit kaltem Wasser vermischt. Gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen, die wegen Verbrühungen in den Moskauer Krankenhäusern versorgt werden müssen.

Kürzlich erst landete Moskau auf der Rangliste der teuersten Städte weltweit auf dem dritten Platz, hinter Tokio und London. Das klingt seltsam: Eine Stadt, die vor Luxus und Bauboom nur so strotzt und gleichzeitig ihren Bewohnern nicht einmal eine ganzjährige Warmwasserversorgung bieten kann. Aber Moskau war schon immer die Hauptstadt der Kontraste.