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Fußball

Warmen Worten folgten nur wenige Taten

Auch vier Jahre nach dem Tod von Nationaltorwart Robert Enke vermisst die Spielergewerkschaft VDV immer noch eine ausreichende sportpsychologische Betreuung. Aber ein Netzwerk bietet Nothilfe an.

Er war ein gefeierter Star. Er litt unter schweren Depressionen. Doch nur wenige in seinem Umfeld ahnten davon. Der Tod von Nationaltorwart Robert Enke bewegte im Herbst 2009 die Öffentlichkeit. Verantwortliche im Deutschen Fußballbund und in den Vereinen zeigten sich damals tief betroffen. Zugleich beteuerten sie, künftig mehr Gewicht auf die sportpsychologische Betreuung zu legen, um seelisch kranken Spielern rechtzeitig helfen zu können.

Vier Jahre danach ist Robert Enke bei vielen Fans sicher nicht in Vergessenheit geraten, doch die mit seinem Tod verbundene Problematik findet kaum noch Resonanz. Das stellt auch Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) fest. Schock und Betroffenheit seien sicherlich groß gewesen, doch inzwischen sei das Thema leider wieder relativ schnell aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Die Spielergewerkschaft, betont Ulf Baranowsky, hatte schon vor dem Tod von Robert Enke auf die Notwendigkeit einer sportpsychologischen Betreuung hingewiesen. Schließlich sei der Druck im Profifußball keine unbekannte Tatsache. Und darum ist man bei der VDV froh darüber, Partner für ein gemeinsames Projekt gefunden zu haben. So wie die Robert-Enke-Stiftung mit der couragierten Witwe Teresa Enke, der Verwaltungsberufsgenossenschaft sowie der Deutschen Sporthochschule Köln. "Denn gemeinsam konnten wir dann die Initiative 'Mental Gestärkt' gründen", sagt Baranowsky.

Teresa Enke am Sarg ihres Mannes vor der Trauerfeier in der Hannoveraner AWD-Arena

Der Tod von Robert Enke im November 2009 hatte nicht nur die Fußball-Welt erschüttert

"Mental Gestärkt" ist eine sportpsychologische und sportpsychiatrische Netzwerkinitiative, die in diesem Bereich forscht. Darüber hinaus gibt sie auch Handlungsempfehlungen und bildet Trainer aus. Und vor allem: Sie bietet einen Schutzraum für betroffene Spieler, denen sie vor Ort auch die erforderliche Hilfe vermittelt.

Oft rufen Frauen oder Eltern an

Es ist ein Hilfsangebot, für das nachweislich Bedarf besteht. Denn im Durchschnitt registriert die VDV jeden Monat mindestens einen ernstzunehmenden Fall, den sie an Fachleute weiterleitet. Allerdings sind es nicht immer die Spieler selbst, die diese Hilfe suchen, erklärt Ulf Baranowsky: "Es kommt häufig vor, dass Spielerfrauen oder Eltern anrufen, wenn Spieler wirklich in einem tiefen Loch sind. Wenn schon die Frauen oder die Eltern Angst um das Leben ihres Mannes oder ihres Sohnes haben, dann bimmeln alle Alarmglocken. Dann ist es unsere Aufgabe, schnellstmöglich Kontakt zu 'Mental Gestärkt' herzustellen, zu den psychiatrischen Partnern, den sportpsychologischen Partnern, um hier zu helfen."

Sowohl die Hilferufe als auch die Krankengeschichten werden streng vertraulich behandelt. Betroffene, merkt Ulf Baranowsky nachdrücklich an, bräuchten diesen Schutz. Auch gegenüber ihren Vereinen. Erkrankte Spieler haben verständlicherweise Angst davor, dass ihr Marktwert sinkt und sie nach den Spielregeln des Geschäftes möglicherweise auch ihre Arbeit verlieren.

Bei den Klubs hat sich wenig Gutes getan

Nach dem Tod von Robert Enke sind sich die Fußballklubs nach Einschätzung von VDV-Geschäftsführer Baranowsky ihrer Fürsorgepflicht zwar in einem stärkeren Maße bewusst geworden, doch auf dem Feld der sportpsychologischen Betreuung in den Vereinen sieht er noch einen erheblichen Nachholbedarf. Auf Seiten der Klubs hat sich nach seiner Einschätzung bislang leider wenig Gutes getan.

"Wir haben eine Befragung mit Führungsspielern aus den drei höchsten Ligen durchgeführt. Dabei ist herausgekommen, dass nur 30 Prozent der Klubs überhaupt eine sportpsychologische Betreuung anbieten und nur zehn Prozent eine wirklich nachhaltige professionelle sportpsychologische Betreuung. Dabei wünschen sich nahezu 100 Prozent der Spieler eine sportpsychologische Betreuung, die so aussieht wie bei der Nationalmannschaft, wo ein qualifizierter Sportpsychologe regelmäßig anwesend ist."

Es gibt den Weg zurück

Trainer Ralf Rangnick im Stadion (Bild: dpa)

Hat sich erholt, steht wieder im Beruf: Burnout-Opfer Ralf Rangnick

Vier Jahre nach dem Tod von Robert Enke sind viele Versprechungen noch immer nicht eingelöst worden. Ob es sich nun um Stimmungsschwankungen, Burnout oder schwere Depressionen handelt - nur wenige Betroffene finden den Mut, sich öffentlich dazu zu bekennen und sich in Behandlung zu begeben.

Dabei gibt es Fälle, die zeigen, dass es für die Betroffenen einen Weg zurück zur seelischen Gesundheit und auch ins Fußballgeschäft gibt. Ulf Baranowsky verweist auf die prominenten Beispiele Ralf Rangnick und Martin Amedieck. Rangnick kapitulierte vor dem immensen Druck als Trainer des Erstligisten Schalke 04, Amedieck als Spieler. Beide aber, so VDV-Geschäftsführer Baranowsky, haben es durch Therapien geschafft, ihren Burnout zu überwinden. Inzwischen stellt Ralf Rangnick bei RB Leipzig die Weichen. Martin Amedieck ist beim Zweitligisten Paderborn in die Rolle des Führungsspielers gewachsen. Ihr Mut, sich ihrer Erkrankung zu stellen, ist in der Öffentlichkeit auf Respekt gestoßen. Doch noch überwiegt bei den meisten Fußballprofis die Angst, und so bleiben sie lieber im Verborgenen.

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