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Deutschland

Warme Mahlzeit im Kloster

Hungern müsste in Deutschland eigentlich niemand. Doch es gibt immer mehr alte Menschen, die beim Essen sparen müssen. In Düsseldorf werden sie unter anderem durch den Franziskanerorden versorgt.

Die meisten Gäste sitzen mit dem Rücken zum Eingang. Sie wollen weder gestört noch erkannt werden. Auch die drei russisch sprechenden Männer winken ab, ehe dann doch einer von sich erzählt. Er sei Jude und als Flüchtling vor sieben Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus der Ukraine gekommen. Doch hier im Westen habe nur noch eines gezählt: Geld. Als er dann mit 62 Jahren seinen Job als Kurierfahrer verloren hat, trennt sich seine Frau von ihm. Mit 350 Euro muss er nun im Monat auskommen. Er ist froh, hier eine kostenlose warme Mahlzeit zu bekommen.

Essensausgabe in der Bruder-Firminus-Klause im Franziskaner-Kloster in Düsseldorf-Zentrum. Copyright: Karin Jäger/ DW 03.12.20112

Brötchen, Fladen - Spenden für Bedürftige

Auch Reinhard taucht regelmäßig auf dem Gelände des Franziskaner-Klosters in der Düsseldorfer Innenstadt auf, dreihundert Meter vom Prachtboulevard "Kö" entfernt.

Alt, arm und anonym

Seine Not ist größer als dass er sich abschrecken ließe von den "vielen Tätowierten" und betrunkenen Mitbürgern und vom Ambiente der Klause. Die Einrichtung besteht aus einigen Reihen karger Tische und Bänke, die von einem Kunststoffdach geschützt werden. Hier soll niemand zum Verweilen angeregt werden.

Reinhard heißt eigentlich anders, will aber keinesfalls, dass irgendeiner seiner Bekannten erfährt, wo er seine Mittagsmahlzeiten einnimmt. Die Not veranlasst ihn, hierher zu kommen. Reinhard ist eloquent, gut gekleidet, aber gesundheitlich angeschlagen.

Ein älterer Mann sitzt alleine an einem Tisch in der Suppenküche Bruder-Firminus-Klause im Franziskaner-Kloster in Düsseldorf, während er von eine Mitarbeiterin den Tisch abräumt. Copyright: Karin Jäger/ DW, 03.12.2012

Service inklusive - Freiwillige tischen den Gästen der Suppenküche auf

80 Jahre alt ist er, und das Alter macht ihm zu schaffen: "Ich kann mir schwer eingestehen, alt zu werden. Älter wollen wir doch alle werden, nur nicht alt", gibt er zu, während ihm eine ehrenamtliche Mitarbeiterin einen üppig gefüllten Teller reicht. Es gibt panierte Hähnchenteile mit Reis und buntem Rohkostsalat.

Der Bedien-Service soll den Bedürftigen die Würde zurückgeben, die sie in der Gesellschaft vermissen. Reinhard zieht die Hände aus den Taschen seines Daunenmantels. Er ist noch nie auf die Idee gekommen, sich in den Innenbereich der Klause zu setzen. Wie die meisten anderen auch hat auch er, trotz der winterlichen Temperaturen, draußen an einem der überdachten Tische Platz genommen. Einige der Gäste haben Bündel Plastiktüten neben sich abgestellt, ihr ganzes Hab und Gut.

Kapitulation vor den Behörden

Reinhard muss mit 250 Euro "Grundsicherung" pro Monat über die Runden kommen. Miete, Strom und Heizkosten zahlt der Staat. Wenn nur die teuren Medikamente nicht wären, klagt er in seiner zurückhaltenden Art. Nach zwei Krebsoperationen und einem Schlaganfall muss der Senior ständig Medizin einnehmen und einen Teil der Kosten dafür selbst aufbringen. Auch für sein Hörgerät musste er anteilig drauflegen. Dass er einmal so haushalten müsse im Alter, so schlimm hatte er sich das nicht vorgestellt.

Bruder-Firminus-Klause im Hinterhof des Franziskaner-Klosters in Düsseldorf-Mitte. Copyright: Karin Jäger/ DW, 03.12.2012

Spartanisch und zweckdienlich - die "Bruder-Firminus-Klause" auf dem Kloster-Gelände in Düsseldorfs Zentrum

Reinhard war bis zu seinem Ruhestand für internationale Speditionsunternehmen tätig. Er hat lange im Ausland gelebt, bereiste Europa, den Vorderen Orient und Nordafrika. Und während er das erzählt, strahlen seine klaren blauen Augen für einen kurzen Moment. Eine Familie hat er nicht. Eine Reise würde er gerne einmal machen, nach Hamburg oder irgendwo anders hin, wenn er nur könnte. Und dann wird er wieder ernst: Er würde gerne einmal aufräumen, Belastendes entrümpeln, könne sich allerdings von den vielen Dingen nicht trennen. "Ich gehöre zur Kriegsgeneration. Wir hatten damals nichts. Und was man hat, schmeißt man nicht so einfach weg." Doch ausgerechnet die wichtigen Dokumente über die Rentenbeiträge, die er damals vom Ausland nach Deutschland einzahlte, seien "merkwürdigerweise irgendwo verschwunden". Seine Nachforschungen darüber blieben erfolglos, "weil durch diese ekelhaften Bestimmungen niemand richtig durchsteigt".

So musste er sich mit seinem bescheidenen Leben arrangieren. Er freut sich; wenn ihn, wie neulich, ein Bekannter zu einem Konzert einlädt. Er hat Interesse an Volkshochschulkursen und liest viel, erzählt er.

Armut führt in die Isolation

Gegenden wie die Einkaufsmeile "Kö" und die Altstadt mit den vielen Kneipen meidet Reinhard. "Ich ziehe mich am liebsten ganz zurück. Andere Leute interessieren sich ohnehin nicht für meine Belange", hat er erfahren. Mittlerweile hat er sich isoliert - zum Selbstschutz: "Ich gehe hier als Taubstummer rein und genau so wieder raus, weil ich zu mir sagen kann, dass ich auf das Niveau, was hier ein- und ausgeht, noch nicht abgerutscht bin." Besonders die Tätowierungen der Leute stoßen ihn ab.

Bruder Antonius in der Bruder-Firminus-Klause des Franziskaner-Klosters in Düsseldorf. Copyright: Karin Jäger/ DW, 03.12.2012

Bruder Antonius: "Wir wollen helfen nicht missionieren."

Nachfrage an Essen steigt

Auch Pater Antonius musste sich erst an das Milieu gewöhnen, aus dem seine Klientel kommt: "Der Geruch der Leute war anfangs für mich ganz fürchterlich", erinnert er sich. Inzwischen betrachtet der 56-Jährige seine Aufgabe als Passion. Vor 16 Jahren saß er zunächst an der Pforte und gab über eine Klappe Butterbrote aus. Dann ging es in er Klause weiter: "Wir haben mit 30 bis 40 Essen pro Tag angefangen. Heute werden im Durchschnitt 180 Menschen mittags verköstigt."

Am Monatsende, wenn das Geld offensichtlich noch knapper wird, geben Klosterbrüder und Ehrenamtliche bis zu 220 Essen aus. Besucher dürfen auch Toiletten und Duschen benutzen.

Besonders viele Ausländer aus dem östlichen Teil Europas nehmen das Angebot in Anspruch. Und der Bedarf steigt kontinuierlich, hat Bruder Antonius festgestellt: "Es gibt so viele Gäste, die sich ihr Essen nicht mehr leisten können. Sie kommen dann hierher, um wenigstens einmal pro Tag eine warme Mahlzeit zu bekommen."

Die Klause finanziert sich zu 100 Prozent über Spenden. Der Handelskonzern Metro, Zamek, Henkel, Teekanne und andere in Düsseldorf ansässige Unternehmen versorgen die Klosterküche mit Ware. Doch da die Lebensmittelspenden immer weniger würden, müssen die Betreiber zusätzlich Nahrungsmittel einkaufen. Das sei kostspielig. "Früher haben wir die Reste aus den Kantinen verteilt. Da aber viele Großküchen in Betrieben geschlossen haben, von Zulieferern versorgt werden, die die Portionen computergenau abmessen, bleibt für uns nichts mehr übrig", resümiert der Ordensmann.

Dienst aus Respekt vor den Menschen

Trotzdem überwiegt bei Bruder Antonius die Freude, alles zu organisieren, damit seine Gäste tagtäglich versorgt werden.

Ein älterer Mann steigt auf sein Fahrrad am Ausgang des Franziskaner-Klosters an der Immermannstraße in Düsseldorf-Mitte. Copyright: Karin Jäger/ DW, 03.12.2012

Teilen ist keine Vision, sondern Mission bei den Franziskanern

Hier werde weder missioniert, noch müssten die Gäste beten. Ein Jesus-Kreuz im Raum der Essensausgabe ist das einzige Zeichen Christlichen Glaubens. "Ich freue mich, wenn die Gäste zufrieden sind, freue mich, wenn sie vom Hof gehen und hin und wieder auch mal Danke sagen oder sagen, dass das Essen lecker war. Mehr brauche ich nicht."

"Danke" sagt auch Reinhard kaum hörbar, ehe er sein Fahrrad zum Ausgang schiebt. Morgen wird er wiederkommen.

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