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Ostmitteleuropa

Waren die Sudetendeutschen die "fünfte Kolonne"?

– Zur Lage der Sudetendeutschen in der ehemaligen Tschechoslowakei

Prag, 16.3.2002, RADIO PRAG, Kathrin Bock

Im Februar sorgte eine Äußerung des tschechischen Premier Milos Zeman in der österreichischen Wochenzeitung "Profil" für internationalen Wirbel. Zeman hatte unter anderem die Sudetendeutschen als "fünfte Kolonne Hitlers" bezeichnet. Im heutigen Geschichtskapitel wollen wir mit Hilfe von Dokumenten jener Zeit die Situation der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei betrachten. Waren sie in der Tat eine in ihren Rechten beschnittene und benachteiligte nationale Minderheit in einem tschechoslowakischen Nationalstaat oder waren die Verlockungen des Dritten Reiches einfach zu groß?

Die Probleme des tschechisch-deutschen Zusammenlebens in der Tschechoslowakei sind so alt wie der Staat selbst. Als am 28. Oktober 1918 die Tschechoslowakei entstand, wurden über 3 Millionen Deutsche gegen ihren Willen zu Bürgern dieses Staates. Sie selbst wollten Bürger des Deutschen Reiches bzw. Deutschösterreichs sein. Für die Tschechen und Slowaken jedoch ging der jahrhundertealte Traum eines eigenen Staates in Erfüllung. Auf der Pariser Friedenskonferenz, die die endgültigen Grenzen des neuen Staates festlegen sollte, versprachen die tschechoslowakischen Vertreter in einer Erklärung unter anderem:

"Die Deutschen würden in Böhmen dieselben Rechte haben wie die Tschechoslowaken. Die deutsche Sprache würde die zweite Landessprache sein, man würde sich niemals irgendeiner Unterdrückungsmaßnahme gegen den deutschen Bevölkerungsteil bedienen. Das Regime würde ähnlich dem der Schweiz sein."

Auf die Erfüllung einiger dieser Versprechen warteten die Sudetendeutschen vergebens. Die im Februar 1920 verabschiedete Verfassung war ohne ihre Mitwirkung entstanden. An den ersten Parlamentswahlen in der Tschechoslowakei im Frühjahr 1920 beteiligten sich auch die inzwischen gegründeten deutschen Parteien. Während der ersten Sitzung des neuen Parlaments gaben die sudetendeutschen Abgeordneten aber folgende Erklärung ab:

"Wir verkünden feierlich, dass wir niemals aufhören werden, die Selbstbestimmung unseres Volkes zu fordern, dass wir dies als den obersten Grundsatz aller unserer Maßnahmen und unseres Verhältnisses zu diesem Staate, den gegenwärtigen Zustand aber als unser unwürdig und mit den Grundsätzen moderner Entwicklung unvereinbar betrachten."

An den Entscheidungen der Pariser Friedensverträge gab es nichts zu rütteln und so begannen die Deutschen, sich in der Tschechoslowakei einzurichten. Eine nationale Abgrenzung blieb aber bestehen - Deutsche besuchten deutsche Schulen, Universitäten, Theater, lasen deutsche Zeitungen, wählten deutsche Parteien und beherrschten oftmals kein Tschechisch.

1926 beteiligten sich zum ersten Mal deutsche Parteien an der Regierung. In den folgenden 12 Jahren, bis zum Frühjahr 1938, waren stets deutsche Minister in der Regierung. Sowohl bei den Wahlen 1925 als auch 1929 siegten deutsche Parteien, die für eine konstruktive Mitarbeit im tschechoslowakischen Staat waren. Sie erhielten über 75 Prozent der deutschen Stimmen - eine klare Aussage: die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung fühlte sich als Bürger der Tschechoslowakei und wollte deren Aussehen mitbestimmen. Doch die Regierungsparteien versuchten nur halbherzig, die Stellung der deutschen Minderheit in die eines zweiten Staatsvolkes umzuwandeln - ein Mangel, der zum Verhängnis werden sollte.

Als die Tschechoslowakei 1928 ihren 10. Geburtstag feierte, schien es, dass die anfänglichen Probleme überwunden waren und Deutsche und Tschechen nach 10jährigen Auseinandersetzungen eine Art modus vivendi für das Zusammenleben gefunden hatten. Dies änderte sich jedoch Mitte der 30er Jahre. Für den verhängnisvollen Wandel im Zusammenleben von Tschechen und Deutschen waren zum einen die Folgen der Wirtschaftskrise, zum anderen aber die Machtergreifung Hitlers verantwortlich.

Die Wirtschaftskrise betraf vor allem die von Deutschen besiedelten Gebiete und ihre Leicht- und Konsumgüterindustrie. Mitte der 30er Jahre waren über 20 Prozent der Deutschen arbeitslos. Unter- und Mangelernährung vor allem bei Kindern war keine Seltenheit. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage wuchs das Gefühl, von der Prager Regierung im Stich gelassen zu werden. Die Deutschen sahen sich bei Staatsaufträgen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen benachteiligt - eine Behauptung, die Historiker heute anhand von Statistiken weder bestätigen noch wiederlegen können.

Das zudem bereits existierenden Gefühl der nationalen Unterdrückung wuchs. Dies war der geeignete Nährboden für die nationale Propaganda von Konrad Henlein und seiner sudetendeutschen Partei, die einen kometenhaften Aufstieg erlebte.

Die Parlamentswahlen von 1935 spiegelten die veränderte Stimmung der Deutschen wider: nun hatten nicht mehr die den Staat bejahenden deutschen Parteien die Mehrheit, sondern die Sudetenpartei - diese hatten über 1,2 Millionen Deutsche gewählt, das entsprach 2/3 aller für deutsche Parteien abgegebenen Stimmen.

Die Lage spitzte sich nun immer mehr zu. In Absprache mit Berlin begann die Sudetendeutsche Partei ab 1937 ihre Forderungen zu steigern - bis hin zur Unerfüllbarkeit. Auf ihrem Parteitag im April 1938 ließ Henlein sein Tarnhemd fallen. Unter anderem wurde folgende Forderung gestellt:

"- Aufbau einer deutschen Selbstverwaltung im deutschen Siedlungsgebiet in allen Bereichen des öffentlichen Lebens

- Anerkennung und Durchführung des Grundsatzes: im deutschen Gebiet deutsche öffentliche Angestellte

- Volle Freiheit des Bekenntnisses zum deutschen Volkstum und zur deutschen Weltanschauung."

Unter deutscher Weltanschauung war in jener Zeit der Nationalsozialismus zu verstehen.

Im Sommer 1938 reiste der britische Unterhändler Lord Runciman in die Tschechoslowakei, um die Lage der Sudetendeutschen einzuschätzen. In seinem Schlussbericht vom 21. September 1938 heißt es unter anderem:

"Ich kann den Eindruck nicht loswerden, dass die tschechoslowakische Herrschaft im Sudetenland während der letzten zwanzig Jahre zwar nicht tyrannisch und bestimmt nicht "terroristisch", aber doch gekennzeichnet war durch Tatenlosigkeit, fehlendes Verständnis, kleinliche Unduldsamkeit und Benachteiligung, bis der Punkt erreicht war, an dem der Unwille der deutschen Bevölkerung unvermeidlich revolutionäre Bahnen einschlug."

Auch der deutsche sozialdemokratische Abgeordnete Wenzel Jaksch, der stets für eine Zusammenarbeit mit den Tschechen eintrat, hatte das Verhalten dieser in einer Parlamentsrede im April 1936 ähnlich kritisiert:

"Wir erklären ganz offen, dass die Benachteiligung der Deutschen im öffentlichen Dienst, in der Sprachenfrage und in der ganzen Verwaltung einen Grad erreicht hat, der allgemein als unhaltbar empfunden wird."

Für die Sache der Deutschen trat auch die Kommunistische Partei ein - die einzige Partei, in der Deutsche und Tschechen Mitglied waren. In einer Erklärung des Parteivorstands vom November 1936 heißt es unter anderem:

"Es ist unumgänglich nötig, dass der bisherige Zustand der bürgerlichen Ungleichheit, der nationalen Ungerechtigkeit und Not in den Grenzgebieten radikal geändert wird, dass die Regierung den berechtigten politischen und nationalen Forderungen der deutschen Bevölkerung entgegenkommt, den Terror der faschistischen Feinde der Republik aber bekämpft."

Die Kritik war wohl berechtigt. Die tschechische Bevölkerungsmehrheit scheint nur wenig über die Situation in den von den deutschen besiedelten Grenzgebieten, ihre Probleme und Nöte zu wissen bzw. wissen zu wollen. Eine Ausnahme war Milena Jesenska, die in ihren Artikeln für tschechische Zeitungen die Lage in den von der Wirtschaftskrise am stärksten betroffenen Regionen schilderte:

"Die Verhältnisse in unserem Grenzgebiet sind so, dass die Menschen dort für ihre Überzeugung mit der ganzen Existenz einstehen müssen. Nicht im Zug der SdP mitzumarschieren, bedeutet für demokratische Deutsche im Grenzgebiet nicht nur, auf die schwarze Liste zu kommen, sondern vor allem, den Arbeitsplatz zu verlieren, fristlos, Knall auf Fall. Aber nicht nur die Arbeit zu verlieren, sondern auch, nie wieder eine andere zu finden."

Den Wahlkampf für die Gemeindewahlen im Mai 1938, in denen die Henlein-Partei 90 Prozent aller deutschen Stimmen erhielt, schilderte Milena Jesenska wie folgt:

"Die Wahlparolen der Henleinleute lauten nicht etwa: Wählt die SdP! Wählt Konrad Henlein! Sondern: Bist du ein Deutscher oder nicht? Zeig, ob du ein Deutscher bist! Wenn du nicht in die SdP eintrittst, scheidest du freiwillig aus der deutschen Volksgemeinschaft aus! Also: Ja oder Nein?"

Milena Jesenska vergaß nicht, die Wähler bzw. Mitglieder der Sudetendeutschen Partei zu differenzieren:

"Die Mitglieder der Sudetendeutschen Partei gliedern sich in drei Gruppen: den alten Parteikader, der jeden Kompromiss ablehnt - das ist ein Drittel. Das zweite Drittel bilden Leute, die unter starkem Terror und Drohungen zur SdP kamen und das letzte Drittel bilden diejenigen, die aus Verbitterung über ihre wirtschaftliche Not zur SdP kamen."

Vor der drohenden Gefahr und den Konsequenzen der "Heim ins Reich-Bewegung" warnten die deutschen Sozialdemokraten in einem Aufruf vom 20. September 1938:

"Mitbürger! Es geht um alles! Die Sudetendeutschen stehen vor einer historischen Entscheidung. Es geht um Leben und Tod unseres Volkes. Erfüllt von brennender Sorge um den Frieden Europas und die Zukunft unserer Heimat appellieren wir an euch: Entscheidet euch für den friedlichen Ausweg!"

Ende September 1938 hatten Hitler und Henlein ihr Ziel erreicht: Am 9. Oktober 1938 begrüßte Konrad Henlein gemeinsam mit Tausenden begeisterten Sudetendeutschen deutsche Truppen.

In der 1996 von der deutsch-tschechischen Historikerkommission herausgegebenen Darstellung der tschechisch-deutschen Geschichte heißt es zu diesem Thema unter anderem:

"Henlein, der mit seiner Partei zunächst eine Autonomielösung angestrebt hatte, fungierte spätestens ab 1937 als aktiver Gehilfe Hitlers... Die Sudetendeutsche Partei wurde seit Herbst 1937 zu Hitlers Filialpartei. Ohne ihre Existenz und aktive Hilfe hätte Hitler, der schon im Sommer 1938 einen Krieg anstrebte, nicht den internationalen Druck ausüben können, der durch die Verhandlungsbereitschaft Englands, Frankreichs und auch Italiens im September 1938 im Münchner Abkommen mündete." (ykk)

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