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Kultur

War Jesus womöglich verheiratet?

Ein Stück Papyrus aus dem vierten Jahrhundert soll der Beweis dafür sein, dass Jesus Christus verheiratet war. Die meisten Experten bezweifeln aber mittlerweile die Echtheit des Dokuments.

Der Sohn Gottes soll auf Erden keinesfalls so keusch gelebt haben, wie es denen, die Jahrhunderte später die Glaubenshoheit im Christentum erlangt hatten, ins Konzept passte. Dieser Jesus von Nazareth war ein Ehemann. Seine Frau möglicherweise die Dirne Maria Magdalena.

Und das passt nun wiederum manchen ins Konzept, die in neuerer Zeit Spaß daran finden, an den Dogmen des Christentums zu rütteln. Der US-amerikanische Thriller-Autor Dan Brown ist so einer. Mit seinem Buch "Da Vinci Code", das erfolgreich verfilmt wurde, hat er ein Millionenpublikum erreicht. Und darin sind sämtliche abenteuerlichen Theorien über das möglich Eheleben des Jesus Christus zusammengekehrt. Für einen Schriftsteller ein faszinierender Stoff - wer will ihm das verdenken?

Ein Buchhändler in Melbournezeigt seine Sammlung von Dan Browns Roman The Da Vinci Code - (Foto: AFP)

Ein weltweiter Bestseller: Dan Browns Roman "The Da Vinci Code"

Religionshistorikerin prescht vor

Was aber, wenn eine Wissenschaftlerin der renommierten Harvard-Universität plötzlich einen visitenkartengroßen Fetzen Papyrus aus dem 4. Jahrhundert präsentiert, auf dem in koptischer Schrift zu lesen ist: "Jesus sagte zu ihnen: Meine Ehefrau…"? Die Echtheit des Fragments sei von Experten überprüft, das behauptet zumindest die amerikanische Religionshistorikerin Karen L. King. Aber nein, ein eindeutiger Beweis, dass Jesus verheiratet war, sei das noch nicht, gibt sie den Journalisten im Nebensatz mit auf den Weg. Die Gazetten springen darauf an: "War Jesus verheiratet?" Diese Frage beschäftigt nun die Öffentlichkeit.

Die Religionshistorikerin Karen L. King schaut stolz auf ihr entdecktes Fragment aus dem 4. Jahrhundert (Foto: AP/dapd)

Stolz auf ihre Entdeckung: die Religionshistorikerin Karen L. King

Dabei könnte die Geschichte eben auch ganz anders sein: Im Jahre 1982 nach Christus hat jemand koptische Schriftzeichen auf Papyrus gebannt - mit einigem Aufwand selbstverständlich, damit es so echt wie möglich aussieht. Das ist die Version der Geschichte, die der derzeit in Münster forschende Koptologe Christian Askeland vermutet. "Made in Germany" sei wohl ein passender Titel für die Geschichte, sagt er schmunzelnd. Oder "Made in Berlin".

Zweifel an der Echtheit

Das aufgetauchte Fragment ist also eine bloße Fälschung? "Einige Dinge sind sehr lustig", sagt der amerikanisch-norwegische Forscher. "Es sieht aus, als hätte heutzutage jemand versucht, koptische Lettern aus einem gedruckten Koptisch-Lehrbuch abgemalt. In antiken Schriftstücken gibt es entweder sehr stilisierte Texte mit schön geschriebenen Buchstaben oder dokumentarische Texte, bei denen die Buchstaben nicht so schön sind. Aber man kann an der Art, wie die Buchstaben geschrieben sind, immer den individuellen Stil eines Schreibers erkennen." Und das sei eben hier nicht der Fall. Außerdem sehe man an der Art, wie die Tinte auf dem Papyrus verlaufen sei und an der Konsistenz der Tinte, dass hier kein antiker Schreibstil vorliege.

Auch am koptischen Dialekt lassen sich laut Askeland deutliche Hinweise auf eine Fälschung erkennen. "Es gibt meines Wissens keinen einzigen Text über Jesus, der in purem Sahidisch geschrieben ist - dieser Dialekt liegt aber hier vor. Und das ist der koptische Dialekt, den man als Student im ersten Semester lernt."

Christian Askeland, amerikanisch-norwegischer Koptologe, der derzeit in Münster forscht (Foto: Christian Askeland)

Der Koptologe Christian Askeland hält das Fragment für eine Fälschung.

Studenten-Streich?

Mit seinen Zweifeln steht Christian Askeland übrigens nicht alleine da: Auf dem Internationalen Kongress für Koptologische Studien vergangene Woche in Rom, bei dem die Religionshistorikerin King ihren Fund präsentierte, haben fast alle Teilnehmer die Echtheit des Papyrus-Fetzens in Frage gestellt. Das hat auch sie selbst auf ihrer Webseite mittlerweile eingeräumt. Für den definitiven Beweis, ob es sich um ein authentisches Fragment aus dem 4. Jahrhundert handelt oder doch um eine Fälschung, fehlt allerdings eine chemische Analyse.

Doch das lehnt Karen King bisher ab. Ebenso möchte sie die genaue Herkunft des Fragments nicht preisgeben. Bekannt ist nur, dass es aus der Sammlung eines mittlerweile verstorbenen Berliner Professors stammt - der es aber zu Lebzeiten nicht veröffentlichte. Interessant ist auch, dass die Religionshistorikerin 1982 selbst an der Freien Universität Berlin studierte. "Es ist ein besonderes Zusammenspiel der Ereignisse", sagt Askeland, "das für mich die Frage aufwirft, ob ihr da nicht irgendjemand einen Streich spielen will."

Unwillkommene Ablenkung

Und schließlich hat auch Karen King ihren Stolz. Nachdem sie das Fragment Ende letzten Jahres in die Hände bekam, schrieb sie gleich einen Artikel und bot ihm dem Harvard Theological Review an - die Fachzeitschrift lehnt jedoch ab, mit Hinweis auf die Zweifel an der Echtheit des Fragments. Diesen Artikel spielte sie nun vor dem Koptologen-Kongress in Rom einigen Medien zu, ohne weitere Experten-Meinungen abzuwarten.

Über die Welle des Medieninteresses war Askeland nicht gerade erfreut: "Das war offen gestanden eher eine unwillkommene Ablenkung als ein Beitrag zu einem wirklich wissenschaftlichen Dialog." Und die Frage, die die meisten Menschen wohl am brennendsten interessiert - ob nämlich Jesus nun verheiratet war oder nicht - bleibt weiterhin unbeantwortet.